Gegen Morgen stand der weisse Turm von Rohrberg, und gegen Abend war Getreide an Getreide, zuerst auf unserm Hügel, dann jenseits desselben auf dem nächsten Hügel, und so fort, soweit die Hügel sichtbar waren. Dazwischen zeigten sich, weisse Meierhöfe und andere einzelne Häuser oder Gruppen von Häusern. Nach der Sitte des Landes gingen Zeilen von Obstbäumen zwischen den Getreidefeldern dahin, und in der Nähe von Häusern oder Dörfern standen diese Bäume dichter, gleichsam wie in Wäldchen, beisammen. Ich fragte meinen Nachbar teils nach den Häusern, teils nach den Besitzern der Felder.
"Die Felder von dem Kirschbaume gegen Sonnenuntergang hin bis zu der ersten Zeile von Obstbäumen sind unser", sagte mein Begleiter. "Die wir von dem Kirschbaum bis hieher durchwandert haben, gehören auch uns. Sie gehen noch bis zu jenen langen Gebäuden, die Ihr da unten seht, welche unsere Wirtschaftsgebäude sind. Gegen Mitternacht erstrecken sie sich, wenn Ihr umsehen wollt, bis zu jenen Wiesen mit den Erlenbüschen. Die Wiesen gehören auch uns, und machen dort die Grenze unserer Besitzungen. Im Mittag gehören die Felder uns bis zur Einfriedigung von Weissdorn, wo Ihr die Strasse verlassen habt. Ihr könnt also sehen, dass ein nicht ganz geringer teil dieses Hügels von unserm Eigentume bedeckt ist. Wir sind von diesem Eigentume umringt, wie von einem Freunde, der nie wankt und nicht die Treue bricht."
Mir fiel bei diesen Worten auf, dass er vom Eigentume immer die Ausdrücke uns und unser gebrauchte. Ich dachte, er werde etwa eine Gattin oder auch Kinder einbeziehen. Mir fiel der Knabe ein, den ich im Heraufgehen gesehen hatte, vielleicht ist dieser ein Sohn von ihm. "Der Rest des Hügels ist an drei Meierhöfe verteilt," schloss er seine Rede, "welche unsere nächsten Nachbarn sind. Von den Niederungen an, die um den Hügel liegen, und jenseits welcher das Land wieder aufsteigt, beginnen unsere entfernteren Nachbarn."
"Es ist ein gesegnetes, ein von Gott beglücktes Land", sagte ich.
"Ihr habt recht gesprochen," erwiderte er, "Land und Halm ist eine Wohltat Gottes. Es ist unglaublich, und der Mensch bedenkt es kaum, welch ein unermesslicher Wert in diesen Gräsern ist. Lasst sie einmal von unserem Erdteile verschwinden, und wir verschmachten bei allem unserem sonstigen Reichtume vor Hunger. Wer weiss, ob die heissen Länder nicht so dünn bevölkert sind und das Wissen und die Kunst nicht so tragen wie die kälteren, weil sie kein Getreide haben. Wie viel selbst dieser kleine Hügel gibt, würdet Ihr kaum glauben. Ich habe mir einmal die Mühe genommen, die Fläche dieses Hügels, soweit sie Getreideland ist, zu messen, um auf der Grundlage der Erträgnisse unserer Felder und der Erträgnisfähigkeit der Felder der Nachbarn, die ich untersuchte, eine Wahrscheinlichkeitsrechnung zu machen, welche Getreidemenge im Durchschnitte jedes Jahr auf diesem Hügel wächst. Ihr würdet die Zahlen nicht glauben, und auch ich habe sie mir vorher nicht so gross vorgestellt. Wenn es Euch genehm ist, werde ich Euch die Arbeit in unserem haus zeigen. Ich dachte mir damals, das Getreide gehöre auch zu jenen unscheinbaren, nachhaltigen Dingen dieses Lebens wie die Luft. Wir reden von dem Getreide und von der Luft nicht weiter, weil von beiden so viel vorhanden ist und uns beide überall umgeben. Die ruhige Verbrauchung und Erzeugung zieht eine unermessliche Kette durch die Menschheit in den Jahrhunderten und Jahrtausenden. Überall, wo Völker mit bestimmten geschichtlichen Zeichnungen auftreten und vernünftige Staatseinrichtungen haben, finden wir sie schon zugleich mit dem Getreide, und wo der Hirte in lockreren Gesellschaftsbanden, aber vereint mit seiner Herde lebt, da sind es zwar nicht die Getreide, die ihn nähren, aber doch ihre geringeren Verwandten, die Gräser, die sein ebenfalls geringeres Dasein erhalten. – Aber verzeiht, dass ich da so von Gräsern und Getreiden rede, es ist natürlich, da ich da mitten unter ihnen wohne, und auf ihren Segen erst in meinem Alter mehr achten lernte."
"Ich habe nichts zu verzeihen", erwiderte ich; "denn ich teile Eure Ansicht über das Getreide vollkommen, wenn ich auch ein Kind der grossen Stadt bin. Ich habe diese Gewächse viel beachtet, habe darüber gelesen, freilich mehr von dem Standpunkte der Pflanzenkunde, und habe, seit ich einen grossen teil des Jahres in der freien natur zubringe, ihre Wichtigkeit immer mehr und mehr einsehen gelernt."
"Ihr würdet es erst recht," sagte er, "wenn Ihr Besitztümer hättet, oder auf Euren Besitztümern Euch mit der Pflege dieser Pflanzen besonders abgäbet."
"Meine Eltern sind in der Stadt," antwortete ich, "mein Vater treibt die Kaufmannschaft, und ausser einem Garten besitzt weder er noch ich einen liegenden Grund."
"Das ist von grosser Bedeutung," erwiderte er, "den Wert dieser Pflanzen kann keiner vollständig ermessen, als der sie pflegt."
Wir schwiegen nun eine Weile.
Ich sah an seinen Wirtschaftsgebäuden Leute beschäftigt. Einige gingen an den Toren ab und zu, in häuslichen arbeiten begriffen, andere mähten in einer nahen Wiese Gras, und ein teil war bedacht, das im Laufe des Tages getrocknete Heu in hochbeladenen Wägen durch die Tore einzuführen. Ich konnte wegen der grossen Entfernung das Einzelne der arbeiten nicht unterscheiden, so wie ich die eigentliche Bauart und die nähere Einrichtung der Gebäude nicht wahrnehmen konnte.
"Was Ihr von den Häusern und den