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in den Garten, welchen ich jetzt durch eine Reihe von Jahren nicht im Sommer gesehen hatte. Die Rosen, welche hie und da zerstreut waren, glichen nicht denen meines Gastfreundes, waren aber auch nicht schlechter als die, welche sich in dem Sternenhofe befanden. Der Garten, welcher mir in meiner Kindheit immer so lieb und traulich gewesen war, erschien mir jetzt klein und unbedeutend, obwohl seine Blumen, die gerade in dieser Sommerzeit noch blühten, seine Obstbäume, seine Gemüse, Weinreben und Pfirsichgitter nicht zu den geringsten der Stadt gehörten. Es zeigte sich nur eben der Unterschied eines Stadtgartens und des Gartens eines reichen Landbesitzers. Man wies mir alles, was man für wichtig erachtete, und machte mich auf alle Veränderungen aufmerksam. Man schien sich gleichsam zu freuen, dass man mich doch einmal zu Anfang der heisseren Jahreszeit hier habe, während ich sonst nur immer am Beginne der kälteren gekommen war, wenn die Blätter abfielen und der Garten sich seines Schmuckes entäusserte. Gegen den Abend ging der Vater wieder in die Stadt. Wir blieben in dem Garten. Da sich in einem Augenblicke die Schwester mit dem Aufbinden eines Rebenzweiges beschäftigte und ich mit der Mutter allein an dem Marmorbrunnen der Einbeere stand, in welchen das köstliche, helle wasser nieder rieselte, sagte sie zu mir: "Ich wünsche, dass jedes Glück und jeder Segen vom Himmel dich auf dem sehr wichtigen Schritte begleiten möge, den du getan hast, mein Sohn. Wenn du auch sorgsam gewählt hast, und wenn auch alle Bedingungen zum Gedeihen vorhanden sind, so bleibt der Schritt doch ein schwerer und wichtiger; noch steht das Zusammenfinden und das Einleben in einander bevor."

"Möge es uns Gott so gewähren, wie wir glauben es erwarten zu dürfen," antwortete ich, "ich wollte auch kein Glück gründen, ohne dass ich meine Eltern darum fragte, und ohne dass ihr Wille mit dem meinigen übereinstimmte. Zuerst musste wohl Gewissheit gesucht werden, ob sich die Neigungen zusammen gefunden hätten. Als dieses erkannt war, musste der Sinn und die Zustimmung der Angehörigen erforscht werden, und deshalb bin ich hier."

"Der Vater sagt," erwiderte sie, "dass alles recht ist, dass der Weg sich ebnen wird, und dass jene Dinge, die in jeder Verbindung und also auch in dieser im Anfange ungefügig sind, hier eher ihre Gleichung finden werden als irgendwo. Wenn er es aber auch nicht gesagt hätte, so wüsste ich es doch. Du bist unter so vortrefflichen Leuten gewesen, du würdest auch ohne dem nicht unwürdig gewählt haben, und hast du gewählt, so ist dein Geist gut, und wird sich in Kürze in ein Frauenherz finden, wie auch sie ihr Leben in dem deinigen finden wird. Es sind nicht alle, es sind nicht viele Verbindungen dieser Art glücklich; ich kenne einen grossen teil der Stadt, und habe auch einen nicht zu kleinen teil des Lebens beobachtet. Du hast im grund nur unsere Ehe gesehen: möge die deinige so glücklich sein, als es die meine mit deinem ehrwürdigen Vater ist."

Ich antwortete nicht, es wurden mir die Augen nass.

"Klotilde wird jetzt einsam sein," fuhr die Mutter fort, "sie hat keine andere Neigung als unser Haus, als Vater und Mutter und als dich."

"Mutter," antwortete ich, "wenn du Natalien sehen wirst, wenn du erfahren wirst, wie sie einfach und gerecht ist, wie ihr Sinn nach dem Gültigen und Hohen strebt, wie sie schlicht vor uns allen wandelt, und wie sie viel, viel besser ist als ich, so wirst du nicht mehr von einer Vereinsamung sprechen, sondern von einer Verbindung, Klotilde wird um eines mehr haben als jetzt, und du und der Vater werdet um eines mehr haben. Aber auch Matilde, mein Gastfreund und der Kreis jener trefflichen Menschen wird in eure Verbindung gezogen werden, ihr werdet zu ihnen hingezogen werden, und was bis jetzt getrennt war, wird Einigung sein."

"Ich habe mir es so gedacht, mein Sohn," antwortete die Mutter, "und ich glaube wohl, dass es so kommen wird; aber Klotilde wird die Art ihrer Neigung zu dir umwandeln müssen, und möge das alles mit gelindem Kelche vorübergehen."

Zu dem Ende dieser Worte war auch Klotilde herzu gekommen. Sie brachte mir eine Rose und sagte mit heiteren Mienen, dass sie mir dieselbe bloss darum gebe, um mir einen kleinen Ersatz für alle die Rosen zu bieten, welche ich heuer im Asperhofe durch meine Hieherreise versäumt habe.

Mir fiel es bei diesen Worten erst auf, dass im väterlichen Garten die Rosen blühten, während sie doch in dem höher gelegenen und einer rauheren Luft ausgesetzten Asperhofe schon verblüht waren. Ich sprach davon. Man fand den Grund bald heraus. Die Asperhofrosen waren den ganzen Tag der Sonne ausgesetzt, mochten auch besser gepflegt werden und einen besseren Boden haben, während hier teils durch Bäume, die man des kleineren Raumes wegen enger setzen musste, teils durch die Mauern näherer und entfernterer Häuser vielfältig Schatten entstand.

Ich nahm die Rose und sagte, Klotilde würde meinem Gastfreunde einen schlechten Dienst tun, wenn sie in seinem Garten eine Rose pflückte.

"Dort würde ich nicht den Mut dazu haben", antwortete sie.

Wir blieben nun eine Weile bei dem Marmorwasserwerke stehen. Klotilde zeigte mir, was der Vater im Frühlinge habe machen lassen, zum Teile, um