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Tagen gestört würde."

"Es ist so, wie Ihr gesagt habt," antwortete ich, "mein Zweck ist, soweit meine Kräfte reichen, wissenschaftliche Bestrebungen zu verfolgen, und nebenbei, was ich auch nicht für unwichtig halte, das Leben in der freien natur zu geniessen."

"Dieses Letzte ist in der Tat auch nicht unwichtig," versetzte mein Nachbar, "und da Ihr Euren Reisezweck bezeichnet habt, so werdet Ihr gewiss einwilligen, wenn ich Euch einlade, heute nicht mehr weiter zu reisen, sondern die Nacht in meinem haus zuzubringen. Wünschet Ihr dann am morgigen Tage und an mehreren darauf folgenden noch bei mir zu verweilen, so steht es nur bei Euch, so zu tun."

"Ich wollte, wenn das Gewitter auch lange angedauert hätte, doch heute noch nach Rohrberg gehen", sagte ich. "Da Ihr aber auf eine so freundliche Weise gegen einen unbekannten Reisenden verfahrt, so sage ich gerne zu, die heutige Nacht in Eurem haus zuzubringen, und bin Euch dafür dankbar. Was morgen sein wird, darüber kann ich noch nicht entscheiden, weil das Morgen noch nicht da ist."

"So haben wir also für die kommende Nacht abgeschlossen, wie ich gleich gedacht habe," sagte mein Begleiter, "Ihr werdet wohl bemerkt haben, dass Euer Ränzlein und Euer Wanderstock nicht mehr in dem Speisezimmer waren, als Ihr zum Essen dahin kamet." "Ich habe es wirklich bemerkt", antwortete ich. "Ich habe beides in Euer Zimmer bringen lassen," sagte er, "weil ich schon vermutete, dass Ihr diese Nacht in unserm haus zubringen würdet."

4. Die Beherbergung

Nach einer Weile sagte mein Gastfreund: "Da Ihr nun meine Nachterberge angenommen habt, so könnten wir von diesem Baume auch ein wenig in das Freie gehen, dass Ihr die Gegend besser kennen lernet. Wenn das Gewitter zum Ausbruche kommen sollte, so kennen wir wohl beide die Anzeichen genug, dass wir rechtzeitig umkehren, um ungefährdet das Haus zu erreichen."

"So kann es geschehen", sagte ich, und wir standen von dem Bänkchen auf.

Einige Schritte hinter dem Kirschbaume war der Garten durch eine starke Planke von der Umgebung getrennt. Als wir zu dieser Planke gekommen waren, zog mein Begleiter einen Schlüssel aus der tasche, öffnete ein Pförtchen, wir traten hinaus, und er schloss hinter uns das Pförtchen wieder zu.

Hinter dem Garten fingen Felder an, auf denen die verschiedensten Getreide standen. Die Getreide, welche sonst wohl bei dem geringsten Luftzuge zu wanken beginnen mochten, standen ganz stille und pfeilrecht empor, das feine Haar der Ähren, über welches unsere Augen streiften, war gleichsam in einem unbeweglichen goldgrünen Schimmer.

Zwischen dem Getreide lief ein Fusspfad durch. Derselbe war breit und ziemlich ausgetreten. Er ging den Hügel entlang, nicht steigend und nicht sinkend, so dass er immer auf dem höchsten Teile der Anhöhe blieb. Auf diesem Pfade gingen wir dahin.

Zu beiden Seiten des Weges stand glühroter Mohn in dem Getreide, und auch erregte die leichten Blätter nicht.

Es war überall ein Zirpen der Grillen; aber dieses war gleichsam eine andere Stille, und erhöhte die Erwartung, die aller Orten war. Durch die über den ganzen Himmel liegende Wolkendecke ging zuweilen ein tiefes Donnern, und ein blasser Blitz lüftete zeitweilig ihr Dunkel.

Mein Begleiter ging ruhig neben mir, und strich manchmal sachte mit der Hand an den grünen Ähren des Getreides hin. Er hatte sein Netz von den weissen Haaren abgenommen, hatte es in die tasche gesteckt, und trug sein Haupt unbedeckt in der milden Luft.

Unser Weg führte uns zu einer Stelle, auf welcher kein Getreide stand. Es war ein ziemlich grosser Platz, der nur mit sehr kurzem Grase bedeckt war. Auf diesem platz befand sich wieder eine hölzerne Bank, und eine mittelgrosse Esche.

"Ich habe diesen Fleck freigelassen, wie ich ihn von meinen Vorfahren überkommen hatte," sagte mein Begleiter, "obwohl er, wenn man ihn urbar machte und den Baum ausgrübe, in einer Reihe von Jahren eine nicht unbedeutende Menge von Getreide gäbe. Die Arbeiter halten hier ihre Mittagsruhe, und verzehren hier ihr Mittagsmahl, wenn es ihnen auf das Feld nachgebracht wird. Ich habe die Bank machen lassen, weil ich auch gerne da sitze, wäre es auch nur, um den Schnittern zuzuschauen und die Feierlichkeit der Feldarbeiten zu betrachten. Alte Gewohnheiten haben etwas Beruhigendes, sei es auch nur das des Bestehenden und immer Gesehenen. Hier dürfte es aber mehr sein, weshalb die Stelle unbebaut blieb und der Baum auf derselben steht. Der Schatten dieser Esche ist wohl ein sparsamer, aber da er der einzige dieser Gegend ist, wird er gesucht, und die Leute, obwohl sie roh sind, achten gewiss auch auf die Aussicht, die man hier geniesst. Setzt Euch nur zu mir nieder, und betrachtet das Wenige, was uns heute der verschleierte Himmel gönnt."

Wir setzten uns auf die Bank unter der Esche, so dass wir gegen Mittag schauten. Ich sah den Garten wie einen grünen Schoss schräg unter mir liegen.

An seinem Ende sah ich die weisse mitternächtliche Mauer des Hauses, und über der weissen Mauer das freundliche rote Dach. Von dem Gewächshause war nur das Dach und der Schornstein ersichtlich.

Weiter hin gegen Mittag war das Land und das Gebirge kaum zu erkennen wegen des blauen Wolkenschattens und des blauen Wolkenduftes.