lange wir leben, wir werden einander treu sein in dieser und jener Welt; aber wir dürften uns dann nicht mehr sehen."
"Wenn wir ihnen die Entscheidung über uns anheim gegeben haben, so müsste es wohl so sein; aber es wird gewiss nicht, gewiss nicht geschehen."
"Ich glaube mit Zuversicht, dass es nicht geschehen wird."
"Mein Vater wird sich freuen, wenn ich ihm sage, wie Ihr seid, er wird Euch lieben, wenn er Euch sieht, die Mutter wird Euch eine zweite Mutter sein, und Klotilde wird sich Euch mit ganzer Seele zuwenden."
"Ich verehre Eure Eltern und liebe Klotilde schon so lange, als ich Euch von ihnen reden und erzählen hörte. Mit meiner Mutter werde ich noch heute sprechen, ich könnte die Nacht nicht über das Geheimnis heraufgehen lassen. Wenn Ihr zu Euren Eltern reiset, sagt ihnen, was geschehen ist, und sendet bald Nachricht hieher."
"Ja, Natalie."
"Geht Ihr von hier wieder in die Berge?"
"Ich wollte es; nun aber hat sich Wichtigeres ereignet, und ich muss gleich zu meinen Eltern. Nur auf kurzes will ich, so schnell es geht, in meinen jetzigen Standort reisen, um die arbeiten abzubestellen, die Leute zu entlassen und alles in Ordnung zu bringen."
"Das muss wohl so sein."
"Die Antwort meiner Eltern bringt dann nicht eine Nachricht, sondern ich selber."
"Das ist noch erfreulicher. Mit unserm Freunde wird wohl hier geredet werden."
"Natalie, dann habt Ihr eine Schwester an Klotilden, und ich einen Bruder an Gustav."
"Ihr habt ihn ja immer sehr geliebt. Alles ist so schön, dass es fast zu schön ist."
Dann sprachen wir von der Zurückkunft der Männer, was sie sagen würden, und wie unser Gastfreund die schnelle Wendung der Dinge aufnehmen werde.
Zuletzt, als die Gemüter zu einer sanfteren Ruhe zurückgekehrt waren, erhoben wir uns, um in das Haus zu gehen. Ich bot Natalien meinen Arm, den sie annahm. Ich führte sie der Eppichwand entlang, ich führte sie durch einen schönen gang des Gartens, und wir gelangten dann in offnere freie Stellen, in denen wir eine Umsicht hatten.
Als wir da eine Strecke vorwärts gekommen waren, sahen wir Matilden ausserhalb des Gartens gegen den Meierhof gehen. Das Pförtchen, welches von dem Garten gegen den Meierhof führt, war in der Nähe und stand offen.
"Ich werde meiner Mutter folgen, und werde gleich jetzt mit ihr sprechen", sagte Natalie.
"Wenn Ihr es für gut haltet, so tut es", erwiderte ich. "Ja, ich tue es, mein Freund. Lebt wohl."
"Lebt wohl."
Sie zog ihren Arm aus dem meinigen, wir reichten uns die hände, drückten sie uns, und Natalie schlug den Weg zu dem Pförtchen ein.
Ich sah ihr nach, sie blickte noch einmal gegen mich um, ging dann durch das Pförtchen, und das graue Seidenkleid verschwand unter den grünen Hekken des Grundes. Ich ging in das Haus und begab mich in meine wohnung.
Da lag das Buch, in welchem die Worte Homers waren, die heute die Gewalt über mein Herz verloren hatten es lag, wie ich es auf den Tisch gelegt hatte. Was war indessen geschehen. Die schönste Jungfrau dieser Erde hatte ich an mein Herz gedrückt. Aber was will das sagen? Das edelste, wärmste, herrlichste Gemüt ist mein, es ist mir in Liebe und Neigung zugetan. Wie habe ich das verdient, wie kann ich es verdienen?!
Ich setzte mich nieder und sah gegen die Ruhe der heitern Luft hinaus.
Ich verliess an diesem Tage gar nicht mehr das Haus. Gegen Abend ging ich in den gang, der im Norden des Hauses hinläuft, und sah auf den Garten hinaus. Auf einer freien Stelle, in welcher ein weisser Pfad durch Wiesengrün hingeht, sah ich Matilden mit Natalien wandeln.
Ich ging wieder in mein Zimmer zurück.
Als es dunkelte, wurde ich zu dem Abendessen gerufen.
Da Matilde und Natalie in den Speisesaal getreten waren, und mich Matilde mit einem sanften Lächeln und mit der Freundlichkeit, die ihr immer eigen war, ein, an ihrer Seite Platz zu nehmen.
Dritter Band
1. Die Entfaltung
Wir waren in dem nämlichen Zimmer zum speisen zusammen gekommen, in dem wir die Zeit her, die ich im schloss gewesen war, unser Mahl am Morgen, Mittag und Abend, wie es die Tageszeit brachte, eingenommen hatten, der Tisch war mit dem klaren, weissen, feinen Linnen gedeckt, in das schönere und altertümlichere Blumen, als jetzt gebräuchlich sind, gleichsam wie Silber in Silber eingewebt waren, der Diener stand mit den weissen Handschuhen hinter uns, der Hausverwalter ging in dem Zimmer hin und her, und es war an der Wand der Schrein mit den Fächerabteilungen, in denen die mannigfaltigen Dinge sich befanden, die in einem Speisezimmer stets nötig sind; aber heute war mir alles wie feenhaft. Matilde hatte ein veilchenblaues Seidenkleid mit dunkleren Streifen an, und um die Schultern war ein Gewebe von schwarzen Spitzen. Sie kleidete sich jedes Mal, wenn ein Gast da war, zum speisen neu an, hatte es bisher meinetwillen auch getan, und hatte es an diesem Abende nicht unterlassen. Mit dem feinen, lieben und freundlichen Angesichte, das