wussten, so würden sie sich doch zugeführt worden sein, wann und wo es immer geschehen wäre, das weiss ich nun mit Sicherheit."
"Aber sagt, warum habt Ihr mich denn gemieden, Natalie?"
"Ich habe Euch nicht gemieden, ich konnte mit Euch nicht sprechen, wie es mir in meinem inneren war, und ich konnte auch nicht so sein, als ob Ihr ein Fremder wäret. Doch war mir Eure Gegenwart sehr lieb. Aber warum habt denn auch Ihr Euch ferne von mir gehalten?"
"Mir war wie Euch. Da Ihr so weit von mir waret, konnte ich mich nicht nahen. Eure Gegenwart verherrlichte mir alles, was uns umgab, aber das dunkle künftige Glück schien mir unerreichbar."
"Nun ist doch erfüllet, was sich vorbereitete." "Ja, es ist erfüllt."
Nach einem kleinen Schweigen fuhr ich fort: "Ihr habt gesagt, Natalie, dass wir das Glück, das uns vom Himmel gefallen ist, ewig aufbewahren sollen. Wir sollen es auch ewig aufbewahren. Schliessen wir den Bund, dass wir uns lieben wollen, so lange das Leben währt, und dass wir treu sein wollen, was auch immer komme, und was die Zukunft bringe, ob es uns aufbewahrt ist, dass wir in Vereinigung die Sonne und den Himmel geniessen, oder ob jedes allein zu beiden emporblickt und nur des andern mit Schmerzen gedenken kann."
"Ja, mein Freund, Liebe, unveränderliche Liebe, so lange das Leben währt, und Treue, was auch die Zukunft von Gunst oder Ungunst bringen mag."
"O Natalie, wie wallt mein Herz in Freude! Ich habe es nicht geahnt, dass es so entzückend ist, Euch zu besitzen, die mir unerreichbar schien."
"Ich habe auch nicht gedacht, dass Ihr Euer Herz von den grossen Dingen, denen Ihr ergeben waret, wegkehren und mir zuwenden werdet."
"O meine geliebte, meine teure, ewig mir gehörende Natalie!"
"Mein einziger, mein unvergesslicher Freund!"
Ich war von Empfindung überwältigt, ich zog sie näher an mich und neigte mein Angesicht zu ihrem. Sie wendete ihr Haupt herüber und gab mit Güte ihre schönen Lippen meinem mund, um den Kuss zu empfangen, den ich bot.
"Ewig für dich allein", sagte ich.
"Ewig für dich allein", sagte sie leise.
Schon als ich die süssen Lippen an meinen fühlte, war mir, als sei ein Zittern in ihr, und als fliessen ihre Tränen wieder.
Da ich mein Haupt wegwendete, und in ihr Angesicht schaute, sah ich die Tränen in ihren Augen.
Ich fühlte die Tropfen auch in den meinen hervorquellen, die ich nicht mehr zurückhalten konnte. Ich zog Natalien wieder näher an mich, legte ihr Angesicht an meine Brust, neigte meine Wange auf ihre schönen Haare, legte die eine Hand auf ihr Haupt, und hielt sie so sanft umfasst und an mein Herz gedrückt. Sie regte sich nicht, und ich fühlte ihr Weinen. Da diese Stellung sich wieder löste, da sie mir in das Angesicht schaute, drückte ich noch einmal einen heissen Kuss auf ihre Lippen, zum Zeichen der ewigen Vereinigung und der unbegrenzten Liebe. Sie schlang auch ihre arme um meinen Hals und erwiderte den Kuss zu gleichem Zeichen der Einheit und der Liebe.
Mir war in diesem Augenblicke, dass Natalie nun meiner Treue und Güte hingegeben, dass sie ein Leben eins mit meinem Leben sei. Ich schwor mir, mit allem, was gross, gut, schön und stark in mir ist, zu streben, ihre Zukunft zu schmücken und sie so glücklich zu machen, als es nur in meiner Macht ist und erreicht werden kann.
Wir sassen nun schweigend neben einander, wir konnten nicht sprechen, und drückten uns nur die hände als Bestättigung des geschlossnen Bundes und des innigsten Verständnisses.
Da eine Zeit vergangen war, sagte endlich Natalie: "Mein Freund, wir haben uns der Fortdauer und der Unaufhörlichkeit unserer Neigung versichert, und diese Neigung wird auch dauern; aber was nun geschehen und wie sich alles andere gestalten wird, das hängt von unsern Angehörigen ab, von meiner Mutter und von Euren Eltern."
"Sie werden unser Glück mit Wohlwollen ansehen."
"Ich hoffe es auch; aber wenn ich das vollste Recht hätte, meine Handlungen selber zu bestimmen, so würde ich nie auch nicht ein Teilchen meines Lebens so einrichten, dass es meiner Mutter nicht gefiele; es wäre kein Glück für mich. Ich werde so handeln, so lange wir beisammen auf der Erde sind. Ihr tut wohl auch so?"
"Ich tue es; weil ich meine Eltern liebe, und weil mir eine Freude nur als solche gilt, wenn sie auch die ihre ist."
"Und noch jemand muss gefragt werden." "Wer?"
"Unser edler Freund. Er ist so gut, so weise, so uneigennützig. Er hat unserm Leben einen Halt gegeben, als wir ratlos waren, er ist uns beigestanden, als wir es bedurften, und jetzt ist er der zweite Vater Gustavs geworden."
"Ja, Natalie, er soll und muss gefragt werden; aber sprecht, wenn eins von diesen nein sagt?"
"Wenn eines nein sagt, und wir es nicht überzeugen können, so wird es recht haben, und wir werden uns dann lieben, so