Platz wieder einnehmen, von dem ich Euch verscheucht habe. Tut es, Natalie, setzt Euch auf Eure frühere Stelle nieder."
Sie liess sich auf das Bänkchen nieder ganz vorn gegen den Ausgang und stützte sich auf die Marmorlehne.
Ich kam nun auf diese Weise zwischen sie und die Gestalt zu stehen. Da ich dieses für unschicklich hielt, so trat ich ein wenig gegen den Hintergrund. Allein jetzt stand ich wieder aufrecht vor dem leeren Teile der Bank in der nicht sehr hohen Halle, und da mir auch dieses eher unziemend als ziemend erschien, so setzte ich mich auf den andern teil der Bank und sagte: "Liebt Ihr wohl diesen Platz mehr als andere?"
"Ich liebe ihn," antwortete sie, "weil er abgeschlossen ist, und weil die Gestalt schön ist. Liebt Ihr ihn nicht auch?"
"Ich habe die Gestalt immer mehr lieben gelernt, je länger ich sie kannte", antwortete ich.
"Ihr ginget früher öfter her?" fragte sie.
"Als ich durch die Güte Eurer Mutter manche Geräte in dem Sternenhofe zeichnete und fast allein in demselben wohnte, habe ich oft diese Halle besucht", erwiderte ich. "Und später auch, wenn ich durch freundliche Einladung hieher kam, habe ich nie versäumt, an diese Stelle zu gehen."
"Ich habe Euch hier gesehen", sagte sie.
"Die Anlage ist gemacht, dass sie das Gemüt und den Versrand erfüllet," antwortete ich, "die grüne Wand des Eppichs schliesst ruhig ab, die zwei Eichen stehen wie Wächter, und das Weiss des Steins geht sanft von dem Dunkel der Blätter und des Gartens weg."
"Es ist alles nach und nach entstanden, wie die Mutter erzählt," erwiderte sie, "der Eppich ist erzogen worden, die Wand vergrössert, erweitert und bis an die Eichen geführt. Selbst in der Halle war es einmal anders. Die Bank war nicht da. Aber da der Marmor so oft betrachtet wurde, da die Menschen vor ihm standen, oder selbst in der Halle neben ihm, da die Mutter ebenfalls die Gestalt gerne betrachtete, und lange betrachtete: so liess sie aus dem gleichen Stoffe, aus dem die Nymphe gearbeitet ist, diese Bank machen, und liess dieselbe mit der kunstreichen vorchristlich ausgeführten Lehne versehen, damit sie einerseits zu dem vorhandenen Werke stimme, und damit andererseits das Werk mit Ruhe und Erquickung angesehen werden könne. Mit der Zeit ist auch die Alabasterschale hieher gekommen."
"Die Menschen werden von solchen Werken gezogen," antwortete ich, "und die Lust des Schauens findet sich."
"Ich habe diese Gestalt von meiner Kindheit an gesehen und habe mich an sie gewöhnt," sagte sie, "haltet Ihr nicht auch den blossen Stein schon für sehr schön?"
"Ich halte ihn für ganz besonders schön", erwiderte ich.
"Mir ist immer, wenn ich ihn lange betrachte," sagte sie, "als hätte er eine sehr grosse Tiefe, als sollte man in ihn eindringen können, und als wäre er durchsichtig, was er nicht ist. Er hält eine reine Fläche den Augen entgegen, die so zart ist, dass sie kaum Widerstand leistet, und in der man als Anhaltspunkte nur die vielen feinen Splitter funkeln sieht."
"Der Stein ist auch durchsichtig," antwortete ich, "nur muss man eine dünne Schichte haben, durch die man sehen will. Dann scheint die Welt fast goldartig, wenn man sie durch ihn ansieht. Wenn mehrere Schichten übereinander liegen, so werden sie in ihrem Anblicke von aussen weiss, wie der Schnee, der auch aus lauter durchsichtigen kleinen Eisnadeln besteht, weiss wird, wenn Millionen solcher Nadeln auf einander liegen."
"So habe ich nicht unrecht empfunden", sagte sie. "Nein," erwiderte ich, "Ihr habt recht geahnt."
"Wenn die Edelsteine nicht nach dem geachtet werden, was sie kosten," sagte sie, "sondern nach dem, wie sie edel sind, so gehört der Marmor gewiss unter die Edelsteine." "Er gehört unter dieselben, er gehört gewisslich unter dieselben", erwiderte ich. "Wenn er auch als blosser Stoff nicht so hoch im Preise steht wie die gesuchten Steine, die nur in kleinen Stücken vorkommen, so ist er doch so auserlesen und so wunderbar, dass er nicht bloss in der weissen, sondern auch in jeder andern Farbe begehrt wird, dass man die verschiedensten Dinge aus ihm macht, und dass das Höchste, was menschliche bildende Kunst darzustellen vermag, in der Reinheit des weissen Marmors ausgeführt wird."
"Das ist es, was mich auch immer sehr ergriff, wenn ich hier sass und betrachtete," sagte sie, "dass in dem harten Steine das Weiche und Runde der Gestaltung ausgedrückt ist, und dass man zu der Darstellung des Schönsten in der Welt den Stoff nimmt, der keine Makel hat. Dies sehe ich sogar immer an der Gestalt auf der Treppe unsers Freundes, welche noch schöner und ehrfurchterweckender als dieses Bildwerk hier ist, wenn gleich ihr Stoff in der Länge der vielen Jahre, die er gedauert hat, verunreinigt worden war."
"Es ist gewiss nicht ohne Bedeutung," entgegnete ich, "dass die Menschen in den edelsten und selbst hie und da ältesten Völkern zu diesem Stoffe griffen, wenn sie hohes Göttliches oder Menschliches bilden wollten, während