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Scheune zurecht gerichtet, und zur Aufbewahrung meiner Gegenstände wurde aus Brettern ein ganz kleines Häuschen eigens erbaut. Wir waren nun in der Nähe der höchsten Höhen. In mein winziges Fenster sahen die drei Schneehäupter der Leiterköpfe, hinter denen die steile, ziemlich schlanke, blendend weisse Nadel der Karspitze hervorragte, und neben denen die edelsteinglänzenden Bänke der Simmen oder des Simmieises sich dehnten. Um den sehr spitzen Kirchturm des Dörfchens wehte die scharfe, fast harte Gebirgsluft und senkte sich auf unsere Häupter und Angesichter nieder. Weit ab gegen die Tiefe zu lagen die anderen Berge und die dichter bewohnten und bevölkerten Länder.

Über das Ziterspiel meines wiedergefundenen Lehrers war ich wirklich sehr erfreut. Ich hatte in der Zeit, während welcher ich ihn nicht gesehen hatte, schon beinahe vergessen, wie vortrefflich er spiele. Alles, was ich seit dem gehört hatte, erblasste zur Unbedeutenheit gegen sein Spiel, von dem ich den Ausdruck 'höchste Herrlichkeit' gebrauchen muss. Er scheint von diesem seinem Musikgeräte auch ergriffen und beherrscht zu sein; wenn er spielt, ist er ein anderer Mensch, und greift in seine und in die Tiefen anderer Menschen, und zwar in gute. Auf diesen Berghöhen war das schöne Spiel fast noch schöner, noch rührender und einsamer.

Wie uns im vorigen Jahre Wälder und Wände eingeschlossen hatten, und nur wenige Stellen uns freien Umblick verschafften, so waren wir heuer fast immer auf freien Höhen, und nur ausnahmsweise umschlossen uns Wände oder Wälder. Der häufigste Begleiter unserer Bestrebungen war das Eis.

Als die Kalendertage sagten, dass die Rosenblüte schon beinahe vorüber sein müsse, beschloss ich, meine Freunde zu besuchen. Ich ordnete im Kargrat alles für meine Abwesenheit und Wiederkunft an, und begab mich auf den Weg.

Als ich in dem Asperhofe ankam, sagten mir der Gärtner und die Dienstleute, dass Matilde, Natalie, mein Gastfreund, Eustach, Roland und Gustav in den Sternenhof fort seien. Die Rosen waren schon verblüht, und man hatte mich nicht mehr erwartet. Mein Gastfreund hatte gesagt, dass ich, weil ich ihm im Frühlinge mitgeteilt hatte, dass ich heuer ganz nahe an dem Simmieise wohnen werde, wahrscheinlich im Sommer von dorter den weiten Weg nicht werde haben machen wollen, und dass zu vermuten sei, dass ich im Herbste meine Arbeit abkürzen und auf eine Zeit bei meinen Freunden einsprechen werde. Sollte ich aber dennoch kommen, so hatten die Leute den Auftrag, zu sagen, dass man mich bitte, in den Sternenhof nach zu kommen.

Ich mietete also des andern Tages auf der Post einen leichten Wagen und schlug die Richtung nach dem Sternenhofe ein.

Als ich in der Umgebung desselben angekommen war, sah ich an Zäunen und in Gärten noch manche Rose frisch blühen, obwohl im Asperhofe weder auf dem Gitter noch im Garten eine zu erblicken gewesen war, ausser mancher welken und gerunzelten Blume, die man abzunehmen vergessen hatte. Auch auf der Anhöhe, die zu dem schloss empor leitete, waren an Rosenbüschen, die gelegentlich den Rasen säumten, weil man im Sternenhofe die Rosen nicht eigens pflegte, sondern sie nur wie gewöhnlich als schönen Gartenschmuck zog, noch Knospen, die ihres Aufbrechens harrten. Diese Tatsache mag daher kommen, weil der Sternenhof näher an den Gebirgen und höher liegt als das Rosenhaus meines Freundes.

In dem hof des Hauses nahmen die Leute mein Gepäck und die Pferde in Empfang und wiesen mich die grosse Treppe hinan. Da ich gemeldet worden war, wurde ich in Matildens Zimmer geführt, und fand sie in demselben allein. Sie ging mir fast bis zu der Tür entgegen und empfing mich mit derselben offenen Herzlichkeit und Freundlichkeit, die ihr immer eigen war. Sie führte mich zu dem Tische, der an einem mit Blumen geschmückten Fenster stand, wo sie gerne sass, und wies mir ihr gegenüber einen Stuhl an dem Tische an. Als wir uns gesetzt hatten, sagte sie: "Es freut mich sehr, dass Ihr noch gekommen seid, wir haben geglaubt, dass Ihr heuer den weiten Weg nicht machen würdet."

"Wo man mich so freundlich aufnimmt," antwortete ich, "und wo man mich so gütig behandelt, dahin mache ich gerne einen Weg, ich mache ihn jedes Jahr, wenn er auch weit ist, und wenn ich auch meine Beschäftigung unterbrechen muss."

"Und jetzt findet Ihr mich und Natalien nur allein in diesem haus," erwiderte sie, "die Männer, da sie sahen, dass Ihr nach dem Abblühen der Rosen noch nicht gekommen waret, meinten, Ihr würdet im Sommer nun gar nicht mehr kommen, und haben eine kleine Reise angetreten, die auch Gustav mitmacht, weil er das Reisen so liebt. Sie besuchen eine kleine Kirche in einem abgelegenen Gebirgstale, deren Zeichnung Roland gebracht hat. Die Kirche wurde in der Zeichnung sehr schön befunden, und zu ihr sind sie nun unter Rolands Führung auf dem Wege. Wo sie nach der Besichtigung derselben hinfahren werden, weiss ich nicht; aber das weiss ich, dass sie nur einige Tage ausbleiben und in den Sternenhof zurückkehren werden. Ihr müsst sie hier erwarten, sie werden eine Freude haben, Euch zu sehen, und ich werde mich bemühen, alles Erforderliche einzuleiten, dass Ihr indessen hier die beste Bequemlichkeit haben könnet."

"Der Bequemlichkeit", erwiderte ich, "bin ich weder gewohnt, noch schlage ich sie hoch an. Ich möchte nur nicht eine Störung in Euer jetziges einsames Hauswesen bringen. Das