1857_Stifter_158_182.txt

als es gefüllt war, auf den sanften gelb marmornen Fussboden nieder und rieselte in dessen Rinne weiter. Die Farben stimmten sehr gut zusammen, das Dunkel des Stengels hob sich von dem Rosenrot des Blattes ab, und das Gelb des Fussbodens gab dem Rosenrot eine schönere Farbe und einen feineren Glanz. Es waren mehrere Gäste zur Eröffnung des Werkes geladen worden, und diese so wie Vater, Mutter und Schwester freuten sich des Gelingens.

Der Vater reichte mir als Gegengeschenk, sehr schön gebunden und auf den Deckeln mit halberhabener Arbeit versehen, das Nibelungenlied. Ich dankte ihm sehr dafür.

Es wurde beschlossen, für den Winter ein Bretterhäuschen über das Wasserwerk machen zu lassen und dasselbe gut zu verwahren, dass keine Kälte eindringen könne. Für den Frühling wurden Plane entworfen, wie man die Gartenumgebungen des Beckens einrichten solle, dass der ganze Anblick ein desto würdigerer und schönerer sei. Man hoffte, bis zum Eintritte der besseren Jahreszeit mit den Entwürfen im Reinen zu sein und beginnen zu können.

Ich übergab ausser dem Becken auch die andern Marmorgegenstände, welche in dem Rotmoore waren verfertiget worden. Darunter befanden sich Säulen und Simse, welche an einer Stelle verwendet werden sollten, die am Ende des Gartens lag, eine Aussicht auf die Berge und auf die Umgebung bot, und auf welcher der Vater etwas zu errichten vorhatte, das der Aussicht würdig wäre und sie besser geniessen lasse. Ich meinte, es dürfte eine schöne Fassung anzulegen sein, die den Platz begrenzt, die breite Flächen hat, dass man sich auf dieselben lehnen und Dinge auf sie legen könne, und an der sich Sitze befänden, auf welchen man ausruhen könne. Wenn in der Nähe dieser Fassung ein Tisch wäre, würde es noch besser sein. Ausserdem hatte ich Schalen zu beliebigem Gebrauche gebracht, Ringe, die einen Vorhang fassen, Tischplatten, Pfeilerverzierungen, Steine von verschiedener Farbe, die im Vierecke geschliffen waren, und die man der Reihe nach auf Papier oder Ähnliches legen konnte, und noch mehrere Dinge dieser Art.

Dem Vater zeigte ich die Zeichnung von dem Kerberger Altare und sagte, dass ich sie eigens für ihn gemacht habe und sie ihm hiemit übergebe. Er war sehr erfreut darüber und dankte mir dafür. Der Altar war ihm zwar nicht neu, er hatte ihn in früherer Zeit, ehe er wieder hergestellt worden war, gesehen, und die Zeichnung des wiederhergestellten Altares war unter den von meinem Gastfreunde dem Vater im vorigen Jahre gesendeten Zeichnungen gewesen. Desohngeachtet war es ihm sehr angenehm, die Zeichnung zu besitzen und sie öfter und nach Musse betrachten zu können. Er machte mich auf mehrere Dinge aufmerksam, die er nach wiederholter Betrachtung entdeckt hatte. Zuerst sah er, dass der Altar viel reicher und mannigfaltiger sei, als da er ihn in noch unverbessertem Zustande vor vielen Jahren in Wirklichkeit gesehen hatte; dann machte er mich darauf aufmerksam, dass dieses Werk schon die Rundlinien habe, dass die Türmchen durch gewundene Stäbe in Gestalten von Pyramiden gebildet, und dass die menschlichen Gestalten schon sehr durchgearbeitet seien, was alles darauf hindeute, dass das Werk nicht mehr der Zeit der strengen gotischen Bauart angehöre, sondern derjenigen, wo diese Art sich schon zu verwandeln begonnen hatte. Auch zeigte er mir, dass Teile der Verzierungen im Laufe der zeiten an andere Orte gestellt worden seien, als an die sie gehören, dass die Büsten sich nicht an dem rechten platz befinden, und dass menschliche Gestalten verloren gegangen sein müssen. Er holte Bücher aus seinem Bücherschreine herbei, in denen Abbildungen waren, und aus denen er mir die Wahrheit dessen bewies, was er behauptete. Ich sagte ihm, dass mein Gastfreund und Eustach der nämlichen Meinung sind, dass aber die Wiederherstellungen, welche man an dem Altare gemacht hat, im strengen Wortverstande nicht Wiederherstellungen gewesen seien, sondern dass man sich zuerst nur zum Zwecke gesetzt habe, den Stoff zu erhalten, und weitere Umänderungen oder grössere Ergänzungen einer ferneren Zeit aufzubewahren, wenn sich überhaupt die Mittel und Wege dazu fänden. Nur solche Ergänzungen sind gemacht worden, bei denen die Gestalt des Gegenstandes unzweifelhaft gegeben war.

Die Bücher des Vaters machten mich auf die Sache, die sie behandelten, mehr aufmerksam, ich bat ihn, dass er sie mir in meine wohnung leihe, und begann sie durchzugehen. Sie führten mich dahin, dass ich die Baukunst und ihre geschichte vom Anfange an genauer kennen zu lernen wünschte, und mir alle Bücher, die hiezu nötig waren, nach dem Rate meines Vaters und anderer ankaufte.

5. Der Bund

Der Winter verging wie gewöhnlich. Ich richtete meine mitgebrachten Dinge in Ordnung, und holte an Schreibgeschäften nach, was im Sommer wegen der Tätigkeit im Freien und der anderweitig verlorenen Zeit im Rückstande geblieben war. Der Umgang mit den Meinigen in dem engsten Kreise des Hauses war mir das Liebste, er war mein grösstes Vergnügen, er war meine höchste Freude. Der Vater bezeigte mir von Tag zu Tag mehr achtung. Liebe konnte er mir nicht in grösserem Masse bezeigen, denn diese hatte er mir immer höchstmöglich bewiesen; aber so wie er früher bei der zärtlichsten Sorg falt für mein Wohl und bei der Herbeischaffung alles dessen, was zu meinem Unterhalte und meiner Ausbildung notwendig gewesen ist, mich meine Wege gehen liess, immer freundlich und liebevoll war, und nicht begehrte, dass ich mich in andere Richtungen begebe, die ihm etwa bequemer sein mochten: so war er zwar dies jetzt alles auch; aber er fragte mich doch häufiger um