längs der Hügel dahin, oder sie ging ein Stück auf dem Wege nach dem Jnghofe. Wenn sie zurückgekehrt war, sass sie in ihrem Lehnstuhle und blickte auf das, was vor ihr oder in ihrer Umgebung geschah.
Eines Tages, da ich selber einen weiten Weg gemacht hatte und gegen Abend in das Rosenhaus zurück kehrte, sah ich, da ich von dem Erlenbache hinauf eine kürzere Richtung eingeschlagen hatte, auf blossem Rasen zwischen den Feldern gegangen, auf der Höhe angekommen war und nun gegen die Felderrast zuging, auf dem Bänklein, das unter der Esche derselben steht, eine Gestalt sitzen. Ich kümmerte mich nicht viel um sie, und ging meines Weges, welcher gerade auf den Baum zuführte, weiter. Ich konnte, wie nahe ich auch kam, die Gestalt nicht erkennen; denn sie hatte nicht nur den rücken gegen mich gekehrt, sondern war auch durch den grössten teil des Baumstammes gedeckt. Ihr Angesicht blickte nach Süden. Sie regte sich nicht und wendete sich nicht. So kam ich fast dicht gegen sie heran. Sie musste nun meinen Tritt im Grase oder mein Anstreifen an das Getreide gehört haben; denn sie erhob sich plötzlich, wendete sich um, damit sie mich sähe, und ich stand vor Natalien. Kaum zwei Schritte waren wir von einander entfernt. Das Bänklein stand zwischen uns. Der Baumstamm war jetzt etwas seitwärts. Wir erschraken beide. Ich hatte nämlich nicht – auch nicht im entferntesten daran gedacht, dass Natalie auf dem Bänklein sitzen könne, und sie musste erschrocken sein, weil sie plötzlich Schritte hinter sich gehört hatte, wo doch kein Weg ging, und weil sie, da sie sich umwendete, einen Mann vor sich stehen gesehen hatte. Ich musste annehmen, dass sie nicht gleich erkannt habe, dass ich es sei.
Ein Weilchen standen wir stumm einander gegenüber, dann sagte ich: "Seid Ihr es, fräulein, ich hatte nicht gedacht, dass ich Euch unter dem Eschenbaume sitzend finden würde."
"Ich war ermüdet", antwortete sie, "und setzte mich auf die Bank, um zu ruhen. Auch dürfte es wohl an der Zeit später geworden sein, als man gewohnt ist, mich nach haus kommen zu sehen."
"Wenn Ihr ermüdet seid," sagte ich, "so will ich nicht Ursache sein, dass Ihr steht, ich bitte, setzet Euch, ich will, so schnell ich kann, durch die Felder und den Garten eilen und Euch Gustav herauf senden, dass er Euch nach haus begleitet."
"Das wird nicht nötig sein," erwiderte sie, "es ist ja noch nicht Abend, und selbst wenn es Abend wäre, so droht wohl nirgends ringsherum eine Gefahr. Ich bin schon viel weiter allein gegangen, ich bin allein nach haus zurückgekehrt, meine Mutter und unser Gastfreund haben deshalb keine Besorgnisse gehabt. Heute bin ich bis auf dem Raitbühel bei dem roten Kreuze gewesen, und bin von dort zu der Bank hieher zurück gegangen."
"Das ist ja fast über eine Stunde Weges", sagte ich.
"Ich weiss nicht, wie lange ich gegangen bin," antwortete sie, "ich ging zwischen den Feldern hin, auf denen die ungeheure Menge des Getreides steht, ich ging an manchem Strauche hin, den der Rain entält, ich ging an manchem Baume vorbei, der in dem Getreide steht, und kam zu dem roten Kreuze, das aus den Saaten empor ragte."
"Wenn ich sehr gut gehe," sagte ich, "so brauche ich von hier bis zu dem roten Kreuze eine Stunde."
"Ich habe, wie ich sagte, die Zeit nicht gezählt," entgegnete sie, "ich bin von hier zu dem Kreuze gegangen, und bin von dem Kreuze wieder hieher zurück gekehrt."
Während dieser Worte war ich aus der ungefügen Stellung im Grase hinter dem Bänklein auf den freien Raum herüber getreten, der sich vor dem Baume ausbreitet, Natalie hatte eine leichte Bewegung gemacht und sich wieder auf das Bänkchen gesetzt.
"Nach einem solchen Gange bedürft Ihr freilich der Ruhe", sprach ich.
"Es ist auch nicht gerade deswillen," antwortete sie, "weshalb ich diese Bank suchte. So ermüdet ich bin, so könnte ich wohl noch recht gut den Weg durch die Felder und den Garten nach haus, ja noch einen viel weiteren machen; aber es gesellte sich zu dem körperlichen Wunsche noch ein anderer."
"Nun?"
"Auf diesem platz ist es schön, das Auge kann sich ergehen, ich bin bei meinen Gedanken, ich brauche diese Gedanken nicht zu unterbrechen, was ich doch tun muss, wenn ich zu den Meinigen zurück kehre."
"Und darum ruhet Ihr hier?"
"Darum ruhe ich hier."
"Seid Ihr von Eurer Kindheit an gerne allein in den Feldern gegangen?"
"Ich erinnere mich des Wunsches nicht," antwortete sie, "wie es denn überhaupt einige Zeitabschnitte in meiner Kindheit gibt, an welche ich mich nicht genau erinnern kann, und da der Wunsch in meinem Gedächtnisse nicht gegenwärtig ist, so wird auch die Tatsache nicht gewesen sein, obwohl es wahr ist, dass ich als Kind lebhafte Bewegungen sehr geliebt habe."
"Und jetzt führt Euch Eure Neigung öfter in das Freie?" fragte Ich.
"Ich gehe gerne herum, wo ich nicht beengt bin," antwortete sie, "