Zwecke sehr oft und zuweilen lange in dem Bilderzimmer, ich besuchte alle grösseren zugänglichen Sammlungen und suchte deren Bilder zu ergründen, ich besah alle Bildnerwerke, die in unserer Stadt einen Ruf hatten, und strebte nach einer genauen Kenntnis ihrer Beschaffenheiten, ich las endlich namhafte Werke über die Kunst und verglich meine Gedanken und Gefühle mit den in den Büchern gefundenen. Ich sprach viel mit meinem Vater über diese Gegenstände, wir näherten uns immer mehr, meine Empfindungen wurden stets inniger, und ich versenkte meine Seele in sie. Unsern Erzdom bewunderte ich jetzt in einem höheren Masse als in allen früheren zeiten, und ich stand manche Stunde vor seinem ungeheuren Baue. Selbst die Gebilde der Matematik, wenn ich wieder zu zeiten etwas in ihr zu tun hatte, erschienen mir zuweilen schön und zierlich, was mir namentlich bei einigen französischen Matematikern geschah. Das Malen schöner Köpfe setzte ich fort, und eben so wurde das Zeichnen und Malen von Landschaften, welches ich im vorigen Jahre mit der Schwester begonnen hatte, nicht bei Seite gesetzt. Ich nahm mit ihr die Zeichnungen vor, welche sie im vergangenen Sommer während meiner Abwesenheit gemacht hatte, und so wie ich von meinem Gastfreunde, von Eustach und von dem Vater über die Fehler belehrt worden war, die sich in meinen Landschaftsversuchen befanden, so belehrte ich Klotilden wieder über die ihrigen.
Seit ich Matilden kannte, besonders aber jetzt, nachdem ich öfter in ihrer Gesellschaft gewesen war, und im Späterbste die Reise mit ihr und den andern in das Hochland gemacht hatte, war ich auch auf die Angesichter ältlicher und alter Frauen aufmerksam geworden. Man tut sehr unrecht, und ich bin mir bewusst, dass ich es auch getan habe, und gewiss handeln andere Leute in ihrer Jugend ebenfalls so, wenn man die Angesichter von Frauen und Mädchen, sobald sie ein gewisses Alter erreicht haben, sofort beseitigt! und sie für etwas hält, das die Betrachtung nicht mehr lohnt. Ich fing jetzt zu denken an, dass es anders sei. Die grosse Schönheit und Jugend reisst unsere Aufmerksamkeit hin und erregt ein tiefstes Gefallen; warum sollten wir aber mit dem geist nicht auch ein Angesicht betrachten, über welches Jahre hingegangen sind? Liegt nicht eine geschichte darin, oft eine unbekannte voll Schmerzen oder Schönheit, die ihren Widerschein auf die Züge giesst, dass wir sie mit Rührung lesen oder ahnen? Die Jugend weist auf die Zukunft hin, das Alter erzählt von einer Vergangenheit. Hat diese kein Recht auf unsern Anteil? Als ich Matilden das erste Mal sah, fiel mir das Bild der verblühenden Rose ein, welches mein Gastfreund von ihr gebraucht hatte, es fiel mir ein, weil ich es so treffend fand; und später oft, wenn ich Matilden betrachtete, gesellte sich das Bild wieder zu meinen Gedanken, es erregten sich neue, und es erzeugte sich eine ganze Folge davon. Ich hatte mir einmal gedacht, dass Matilde aussehe wie ein Bild der Vergebung, und später dachte ich es mir öfter. Ihr Angesicht musste sehr Schön gewesen sein, vielleicht gar so schön wie jetzt Nataliens, nun ist es ganz anders; aber es spricht leise von einer Vergangenheit, dass wir meinen, wir müssten sie vernehmen können, und wir vernähmen sie auch gerne, weil sie uns so anziehend scheint. Sie muss manche Neigungen gehabt haben, sie muss manche Freuden erlebt und manches Gut verloren haben, sie hat Schmerzen und Kummer ertragen; aber sie hat alles Gott geopfert, und hat gesucht, mit sich in das Gleiche zu kommen, sie ist mit den Menschen gut gewesen, und jetzt ist sie in tiefem Glücke mit manchem unerfüllten Wunsche und mit mancher kleinern und grösseren sorge, die sie sinnen macht. Als ich einen Mann sagen gehört hatte, dass die Fürstin, in deren Abendgesellschaften ich zuweilen sein durfte, so schöne Töne in dem Angesichte habe, dass sie nur Rembrandt zu malen im stand wäre, wurde ich nicht bloss auf die Fürstin noch mehr aufmerksam, die in ihrem hohen Alter noch so schön war, sondern ich betrachtete auch Matilden wieder genauer, und lernte die Schönheit, wenn schon manche Jahre über sie gegangen sind, besser kennen. Ich fing nun an, Männer und Frauen, die in höherem Alter sind, zu betrachten und sie um die Bedeutung ihrer Züge zu erforschen. Dabei fielen mir die Greisenköpfe auf den Steinen meines Vaters ein. Ich betrachtete die Steine öfter, da mir der Zugang zu denselben erlaubt war, und verglich die Köpfe die sich auf ihnen befanden, mit denjenigen, die mir in dem jetzt lebenden Geschlechte aufstiessen. Beide Arten waren wirklich nicht mit einander vergleichbar, und es zeigten sich in ihnen die Verschiedenheiten menschlicher Geschlechter. Das Antlitz der Fürstin erschien mir nun um vieles schöner als in der früheren Zeit, dass ich aber nicht auf den Wunsch geriet, es malen zu wollen, also noch weniger dem Wunsche einen Ausdruck gab, begreift sich. In den Angesichtern der manchen, welche ich jetzt eifriger betrachtete, fand ich freilich oft etwas, das mir nicht gefiel, sei es Neid, sei es irgend eine Begierlichkeit, sei es blosse Abgelebteit oder Geistlosigkeit, sei es etwas anderes, ich stellte bei solchen Gelegenheiten meine Betrachtung bald ein, und hegte nicht den Wunsch, das Gesehene zu malen. Seit ich Gustav besser kennen gelernt hatte und näher mit ihm befreundet worden war, betrachtete ich auch gerne Köpfe von Jünglingen, ob sie nicht Gegenstände zum Malen abgäben. Wenn gleich sein Angesicht