ich auch hier geschont worden war.
"Das sind ja herrliche Bilder", rief ich in Rührung aus.
"Ich glaube, dass sie nicht unbedeutend sind", erwiderte er mit einer durch Bewegung ergriffenen stimme.
Dann gingen wir näher, um sie zu betrachten. Es waren in der Tat lauter alte Gemälde, keines von besonders grossen Abmessungen, keines von kunstwidriger Kleinheit. Ich tat die Bemerkung, dass er keine neuen Bilder habe.
"Es hat sich so gefügt," sagte er, "ich habe schon einige der hier befindlichen Stücke von deinem Grossvater, der auch ein Freund von solchen Dingen war, geerbt, und anderes habe ich gelegentlich erworben. Die mittelalterliche Kunst steht wohl höher als die neue. In ihr ist ein grösserer Reichtum schöner Werke vorhanden als in der neuen, es ist daher leichter möglich, ein fehlerfreies altes Bild zu erwerben als ein neues. Wer Bilder unserer zeiten liebt, gibt solche, die an Schönheit keinen Tadel verdienen, nicht zum Kaufe, sie sind daher nicht leicht zu erhalten. Bilder, die von Anfängern oder von solchen herrühren, die schwach in der Kunst sind, stehen leicht und an vielen Orten teils von den Künstlern, teils von Händlern, wie es auch in früheren zeiten gewesen sein wird, zum Kaufen. Zu diesen konnte ich nie eine Neigung fassen, daher ist es gekommen, dass ich lauter alte Bilder besitze. Es war ein kräftiges und gewaltiges Geschlecht, das damals wirkte. Dann kam eine schwächliche und entartetere Zeit. Sie meinte es besser zu machen, wenn sie die Gestalten reicher und verblasener bildete, wenn sie heftiger in der Farbe und weniger tief im Schatten würde. Sie lernte das Alte nach und nach missachten, daher liess sie dasselbe verfallen, ja die mit der Unkenntnis eintretende Rohheit zerstörte manches, besonders wenn wilde und verworrene Zeitläufe eintraten. Man wendete dann wieder um und achtete allgemeiner wieder das Alte – von allen Seiten missachtet war es niemals. – Man suchte sogar nachzuahmen, nicht bloss in der Malerkunst, sondern auch, und zwar noch mehr, in der Baukunst; man konnte aber das Vorbild weder in der Grundeinheit noch in der Ausführung erreichen, so gut und treu die neuen Einzelnheiten auch gewesen sein mochten. Es ist langsam besser geworden, was sich eben in dem Zeichen kund tat, dass man alte Bauwerke wieder schätzte – ich selber weiss noch eine Zeit, in welcher Reisende und Schriftsteller, die man für gelehrt und spruchberechtigt achtete, die gotische Bauweise für barbarisch und veraltet erklärten –, dass man alte Bilder hervor zog, ja alte Geräte sammelte, und in dem Schnitte der Kleider alte Gebilde und Wendungen teilweise einführte. Möge man auf diesem Wege zum Besseren fortfahren und nicht bloss das Alte wieder zu einer Mode machen, die den Geist nicht kennt, sondern nur die Veränderung liebt. Du kannst es noch erleben, wenn wieder eine Hohe eintritt; denn ein Schwellen von Tiefe in Höhe und ein Sinken aus der Höhe in die Tiefe war immer vorhanden. Wenn die Erkenntnis des Altertums, nicht bloss des unsern, sondern des noch schönern des Griechentums, wie es sich jetzt auszusprechen scheint, immer fortschreitet und nicht ermattet, so werden wir auch dahin kommen, dass wir eigene Werke werden ersinnen können, in denen die ernste Schönheitsmuse steht, nicht leidenschaft oder Absicht oder ein äusserlicher Reiz oder ledigliche planlose Heftigkeit, Werke, die nicht nachgeahmt sind, oder in denen nur ein älterer Stil ausgedrückt ist. Wenn wir dahin gekommen sind, dann dürften wir wohl auch gesellschaftlich auf einer Stufe stehen, dass nicht bloss Teile unseres Volkes nach aussen mächtig sind, sondern das ganze Volk, und dass es dann mit seinem Leben gelassen kräftig auf das Leben anderer Völker wirkt. Ich denke immer, die sind glücklich, die die Lerchen dieses Frühlings singen hören; aber diese werden den Zustand nicht so empfinden wie der, der andere gesehen hat, so wie der Unschuldige seine Unschuld nicht empfindet, der rechtliche Mann seine Rechtschaffenheit nicht hoch anschlägt, und verdorbene zeiten ihre Verdorbenheit nicht kennen."
Ich dachte, da mein Vater so sprach, an meinen Gastfreund, der ähnlich fühlt und sich ähnlich ausspricht. Aber es ist ja kein Wunder, dass Männer, die ein ähnliches Streben haben, also auch ähnlichen Geist besitzen, auf ähnliche Gedanken kommen, besonders, wenn sie an Alter nicht zu verschieden sind.
Wir betrachteten nun das Einzelne.
Mein Vater hatte Bilder von Tizian, Guido Reni, Paul Veronese, Annibale Caracci, Dominichino, Salvator Rosa, Nikolaus Poussin, Claude Lorrain, Albrecht Dürer, den beiden Holbein, Lukas Cranach, Van Dyck, Rembrandt, Ostade, Potter, van der Neer, Wouvermann und Jakob Ruisdael. Wir gingen von dem einen zu dem andern, betrachteten ein jedes, taten manches Bild auf die Staffelei, und redeten über ein jedes. Mein Herz war voll Freude. Es erschien mir jetzt immer deutlicher, was ich beim ersten Anblicke nur vermutet hatte, dass die Bilder in dem Gemäldezimmer meines Vaters lauter vorzügliche seien, und dass sie noch dazu an Wert so sehr zusammen stimmten, dass das Ganze eben den Eindruck eines Ausserordentlichen machte. Ich hatte schon so viel Urteil gewonnen, dass ich dachte, nicht gar zu weit mehr in die Irre geraten zu können. Ich äusserte mich in dieser Beziehung gegen meinen Vater, und er versicherte in der Tat, dass er glaube, dass er nicht nur gute Meister besitze, sondern