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weit mir jetzt dieses meine Rückerinnerung plötzlich und wiederholt vor Augen brachte, in manchen Sammlungen, die mir in früheren Jahren zugänglich gewesen waren, gesehen hatte, befanden sich weder in der wohnung Matildens noch in dem Asperhofe. Wir sprachen auch hier so wie in dem Rosenhause von den Gemälden, und es gehörte zu den schönsten Augenblicken, wenn ein Bild auf die Staffelei getan worden war, wenn man die Fenster, die ein störendes Licht hätten senden können, verhüllt hatte, wenn das Bild in die rechte Helle gerückt worden war, und wenn wir uns nun davor befanden. Matilde und mein Gastfreund sassen gewöhnlich, Eustach und ich standen, neben uns Natalie, und nicht selten auch Gustav, welcher bei solchen Gelegenheiten sehr bescheiden und aufmerksam war. Öfter sprach hauptsächlich mein Gastfreund von dem Bilde, öfter aber auch Eustach, wozu Matilde ihre Worte oder einfachen Meinungen gesellte. Man wiederholte vielleicht oft gesagte Worte, man zeigte sich manches, das man schon oft gesehen hatte, und machte sich auf Dinge aufmerksam, die man ohnehin kannte. So wiederholte man den Genuss und verlebte sich in das Kunstwerk. Ich sprach sehr selten mit, höchstens fragte ich und liess mir etwas erklären. Natalie stand daneben und redete niemals ein Wort.

Zur Nymphe des Brunnens, die unter der Eppichwand im Garten war, ging ich auch öfter. Früher hatte ich den wunderschönen Marmor bewundert, desgleichen mir nicht vorgekommen war; jetzt erschien mir auch die Gestalt als ein sehr schönes Gebilde. Ich verglich sie mit der auf der Treppe im haus meines Gastfreundes stehenden. Wenn auch jenes an Hoheit, Würde und Ernst weit den Vorzug in meinen Augen hatte, so war dieses doch auch für mich sehr anmutig, weich und klar, es hatte eine beschwichtigende Ruhe, wie die Göttin eines Quells sollte, und hatte doch wieder jenes Reine und, ich möchte sagen, Fremde, das ein Gemälde nicht hat, das aber der Marmor so gerne zeigt. Ich wurde mir dieser Empfindung des Fremden jetzt klarer bewusst, und ich erfuhr auch, dass sie mich schon in früherer Zeit ergriffen hatte, wenn ich mich Marmorbildwerken gegenüber befand. Es wirkte bei dieser Gestalt noch ein Besonderes mit, was in meiner Beschäftigung der Erdforschung seinen Grund hat, nämlich, dass der Marmor gar so schön und fast flekkenlos war. Er gehörte zu jener Gattung, die an den Rändern durchscheinend ist, deren Weisse beinahe funkelt und uns verleitet zu meinen, man sähe die zarten Kristalle wie Eisnadeln oder wie Zuckerkörner schimmern. Diese Reinheit hatte für mich an der Gestalt etwas Erhabenes. Nur dort, wo das wasser aus dem Kruge floss, den die Gestalt umschlungen hielt, war ein grünlicher Schein in dem Marmor, und der Staffel, auf dem der am tiefsten herabgehende Fuss ruhte, war ebenfalls grün und von unten durch die herauf dringende Feuchtigkeit ein wenig verunreinigt. Der Marmor an dem Bilde meines Freundes war wohl trefflich, es mochte wahrscheinlich parischer sein, aber er hatte schon einigermassen die Farbe alten Marmors, während die Nymphe wie neu war, als wäre der Marmor aus Carrara. Ich dachte mir wohl auch, und meine Freunde bestättigten es, dass das Bildwerk neueren Ursprunges sei; aber wie bei dem meines Gastfreundes wusste man auch hier den Meister nicht.

Ich sass sehr gerne in der Grotte bei dem Bildwerke. Es war da ein Sitz von weissem Marmor in einer Vertiefung, die sich seitwärts von der Nymphe in das Bauwerk zurück zog, und von der aus man die Gestalt sehr gut betrachten konnte. Es war ein sanftes Dämmern auf dem Marmor, und im Dämmern war es wieder, als leuchtete der Marmor. Man konnte hier auch das leise Rinnen des Wassers aus dem Kruge, das Kräuseln desselben in dem Becken, das Hinabträufeln auf den Boden und das gelegentliche Blitzen auf demselben sehen.

Zur wohnung hatte man mir dieselbe Räumlichkeit gegeben, die ich in den ersten zwei Malen inne hatte, da ich in diesem schloss war. Man hatte sie mit allen Bequemlichkeiten ausgestattet, auf die man nur immer denken konnte, und deren ich zum grössten Teile nicht bedurfte; denn ich war in meinem Reiseleben gewohnt geworden, in den äusseren Dingen auf das einfachste vorzugehen.

Da wir von dem Sternenhofe Abschied nahmen, sagte mir Matilde auf die liebe, freundliche Weise Lebewohl, mit der sie mich empfangen hatte.

Wir besuchten auf unserer Rückreise mehrere Landwirte, welche in der Gegend einen grossen Ruf genossen, und besahen, was sie auf ihren Gütern eingeführt hatten, und was sie zum Wohle des Landes auszubreiten wünschten. Mein Gastfreund nahm Rebstecklinge, Abteilungen von Samen und Abbildungen von neuen Vorrichtungen mit nach haus.

Ehe ich die Rückreise zu den Meinigen antrat, ging ich noch einmal in das Rotmoor, um zu sehen, wie weit die arbeiten aus meinem Marmor gediehen wären. Von den kleineren Dingen waren manche fertig. Das Wasserbecken und die grösseren arbeiten mussten in das nächste Jahr hinüber genommen werden. Ich billigte diese Anordnung; denn es war mir lieber, dass die Sache gut gemacht würde, als dass sie bald fertig wäre. Das Vollendete packte ich ein, um es mit nach haus zu nehmen.

In dem Rosenhause fand ich bei meiner Zurückkunft einen Brief von Roland, der über die Ergebnisse der Nachforschungen nach den Ergänzungen zu den Pfeilerverkleidungen meines Vaters sprach. Es war keine Hoffnung vorhanden, die Ergänzungen zu finden. Im ganzen Gebirge war nichts, was mit den beschriebenen Verkleidungen Ähnlichkeit hatte, überhaupt sind da keine