gingen von dem reinen Weiss der weissen Rosen durch das gelbliche und rötliche Weiss der Übergangsrosen in das zarte Rot und in den Purpur und in das bläuliche und schwärzliche Rot der roten Rosen über. Die Gestalten und der Bau wechselten in eben demselben Masse. Die Pflanzen waren nicht etwa nach Farben eingeteilt, sondern die Rücksicht der Anpflanzung schien nur die zu sein, dass in der Rosenwand keine Unterbrechung statt finden möge. Die Farben blühten daher in einem Gemische durch einander.
Auch das Grün der Blätter fiel mir auf. Es war sehr rein gehalten, und kein bei Rosen öfter als bei andern Pflanzen vorkommender Übelstand der grünen Blätter und keine der häufigen Krankheiten kam mir zu gesicht. Kein verdorrtes oder durch Raupen zerfressenes oder durch ihr Spinnen verkrümmtes Blatt war zu erblicken. Selbst das bei Rosen so gerne sich einnistende Ungeziefer fehlte. Ganz entwickelt und in ihren verschiedenen Abstufungen des Grüns prangend standen die Blätter hervor. Sie gaben mit den Farben der Blumen gemischt einen wunderlichen Überzug des Hauses. Die Sonne, die noch immer gleichsam einzig auf dieses Haus schien, gab den Rosen und den grünen Blättern derselben gleichsam goldene und feurige Farben.
Nachdem ich eine Weile, mein Vorhaben vergessend, vor diesen Blumen gestanden war, ermahnte ich mich und dachte an das Weitere. Ich sah mich nach einem Eingange des Hauses um. Allein ich erblickte keinen. Die ganze ziemlich lange Wand desselben hatte keine Tür und kein Tor. Auch durch keinen Weg war der Eingang zu dem haus bemerkbar gemacht; denn der ganze Platz vor demselben war ein reiner, durch den Rechen wohlgeordneter Sandplatz. Derselbe schnitt sich durch ein Rasenband und eine Hecke von den angrenzenden, hinter meinem rücken liegenden Feldern ab. Zu beiden Seiten des Hauses in der Richtung seiner Länge setzten sich Gärten fort, die durch ein hohes, eisernes, grün angestrichenes Gitter von dem Sandplatze getrennt waren. In diesen Gittern musste also der Eingang sein.
Und so war es auch.
In dem Gitter, welches dem den Hügel heranführenden Wege zunächst lag, entdeckte ich die Tür oder eigentlich zwei Flügel einer Tür, die dem Gitter so eingefügt waren, dass sie von demselben bei dem ersten Anblicke nicht unterschieden werden konnten. In den Türen waren die zwei messingenen Schlossgriffe, und an der Seite des einen Flügels ein Glockengriff.
Ich sah zuerst ein wenig durch das Gitter in den Garten. Der Sandplatz setzte sich hinter dem Gitter fort, nur war er besäumt mit blühenden Gebüschen und unterbrochen mit hohen Obstbäumen, welche Schatten gaben. In dem Schatten standen Tische und Stühle; es war aber kein Mensch bei ihnen gegenwärtig. Der Garten erstreckte sich rückwärts um das Haus herum und schien mir bedeutend weit in die Tiefe zu gehen.
Ich versuchte zuerst die Türgriffe, aber sie öffneten nicht. Dann nahm ich meine Zuflucht zu dem Glokkengriffe und läutete.
Auf den Klang der Glocke kam ein Mann hinter den Gebüschen des Gartens gegen mich hervor. Als er an der inneren Seite des Gitters vor mir stand, sah ich, Dass es ein Mann mit schneeweissen Haaren war, die er nicht bedeckt hatte. Sonst war er unscheinbar, und hatte eine Art Hausjacke an, oder wie man das Ding nennen soll, das ihm überall enge anlag und fast bis auf die Knie herab reichte. Er sah mich einen Augenblick an, da er zu mir herangekommen war, und sagte dann: "Was wollt Ihr, lieber Herr?"
"Es ist ein Gewitter im Anzuge," antwortete ich, "und es wird in kurzem über diese Gegend kommen. Ich bin ein Wandersmann, wie Ihr an meinem Ränzchen seht, und bitte daher, Dass mir in diesem haus so lange ein Obdach gegeben werde, bis der Regen oder wenigstens der schwerere vorüber ist."
"Das Gewitter wird nicht zum Ausbruch kommen", sagte der Mann.
"Es wird keine Stunde dauern, dass es kommt," entgegnete ich, "ich bin mit diesen Gebirgen sehr wohl bekannt, und verstehe mich auch auf die Wolken und Gewitter derselben ein wenig."
"Ich bin aber mit dem platz, auf welchem wir stehen, aller Wahrscheinlichkeit nach weit länger bekannt als Ihr mit dem Gebirge, da ich viel älter bin als Ihr," antwortete er, "ich kenne auch seine Wolken und Gewitter, und weiss, dass heute auf dieses Haus, diesen Garten und diese Gegend kein Regen niederfallen wird."
"Wir wollen nicht lange darüber Meinungen hegen, ob ein Gewitter dieses Haus netzen wird oder nicht", sagte ich; "wenn Ihr Anstand nehmet, mir dieses Gittertor zu öffnen, so habet die Güte und ruft den Herrn des Hauses herbei."
"Ich bin der Herr des Hauses."
Auf dieses Wort sah ich mir den Mann etwas näher an. Sein Angesicht zeigte zwar auch auf ein vorgerücktes Alter; aber es schien mir jünger als die Haare, und gehörte überhaupt zu jenen freundlichen, wohlgefärbten, nicht durch das Fett der vorgerückteren Jahre entstellten Angesichtern, von denen man nie weiss, wie alt sie sind. Hierauf sagte ich: "Nun muss ich wohl um Verzeihung bitten, dass ich so zudringlich gewesen bin, ohne weiteres auf die Sitte des Landes zu bauen. Wenn Eure Behauptung, dass kein Gewitter kommen werde, einer Ablehnung gleich sein soll, werde ich mich augenblicklich entfernen. Denkt nicht, dass ich als junger Mann den Regen so scheue; es ist mir zwar nicht so angenehm, durchnässt zu werden,