ist, und vieles muss an solchen Bildern erst gemacht werden, wenn man sie bereits in einem Rahmen gesehen hat. Bei alten Bildern, die wiederhergestellt werden, ist das anders, besonders, wenn sie auf unsere Weise hergestellt werden. Da gibt das Vorhandene den Weg der Herstellung an, man kann nicht anders malen, als man malt, und die Tiefe, das Feuer und der Glanz der Farben ist daher durch das bereits auf der Leinwand Befindliche bedingt. Wie dann das Bild in einem Rahmen aussehen werde, liegt nicht in der Willkür des Wiederherstellers, und wenn es in dem Rahmen trefflich oder minder gut steht, so ist das Sache des ursprünglichen Meisters, dessen Werk man nicht ändern darf. Als unsere Maria, welche noch nicht einmal einen Firnis erhalten hatte, aus den altertümlichen Gestalten des Rahmens, die sehr passten, heraussah, so war es ein wunderbarer Anblick, und erst jetzt sahen wir, welche Lieblichkeit und Kraft der alte Meister in seinem Bilde dargelegt hatte. Obwohl der Rahmen erhabene Arbeit in Blumen, Verzierungen und sogar in Teilen der menschlichen Gestalt entielt, und auf demselben Glanzlichter von starker wirkung angebracht waren, so erschien das Bild doch nicht unruhig, ja es beherrschte den Rahmen und machte seinen Reichtum zu einer anmutigen Mannigfaltigkeit, während es selber durch seine Gewalt sich geltend machte und in den erhebenden Farben von würdigem Schmucke umgehen tronte. Ein leiser Ruf entschlüpfte den Lippen aller Anwesenden, und ich freute mich, dass ich mich nicht getäuscht hatte, als ich, auf die Macht des Bildes rechnend, einen so reichen Rahmen für dasselbe bestellt hatte. Wir standen lange davor und betrachteten die Schönheit der Farbengebung an den entblössten Teilen so wie die der Gewandung und der Gründe, was im Vereine mit der Einfachheit und Hoheit der Linienführung und mit der massvollen Anordnung der Flächen ein so würdevolles und heiliges Ganzes bildete, dass man sich eines tiefen Ernstes nicht erwehren konnte, der wie wahrhaftige Andacht war. Erst später fingen wir zu sprechen an, beredeten dieses und jenes, und kamen, wie es natürlich war, dahin, Vermutungen über den Meister zu wagen. Es wurde Guido Reni genannt, es wurde Tizian genannt, es wurde die Raffaelische Schule genannt. Für alles hatte man Gründe, und der Schluss war, wie er es auch noch heute ist, dass man nicht wusste, von wem das Bild sei. Roland war ausserordentlich vergnügt, dass er die Sache in ihrer Entstellung schon geahnt und durch den Kauf eine so zweckmässige Handlung ausgeführt habe. Damals war er noch ausserordentlich jung, er war bei weitem nicht so eingeübt wie jetzt, und war daher seiner Handlung nicht ganz sicher. Eustach sah man es an, dass ihm, wie der Volksausdruck sagt, das Herz vor Freude lache. Eine freundliche Bewirtung meiner Gäste war damals das Ende des Tages. Wir suchten in der folgenden Zeit eine Stelle, an welcher das Bild am vorteilhaftesten aufgehängt werden könnte. Roland erhielt eine Belohnung in einem Werke, das er sich schon längst gewünscht hatte, und Eustach, das sah ich wohl, fand seine schönste Befriedigung darin, dass er näher in unsere Kunstkreise gezogen wurde. Dem mann, von welchem das Bild in seinem verstümmelten Zustande gekauft worden war, gab ich noch eine Summe, mit welcher er weit über seine Erwartung abgefunden war; denn das Bild hätte er doch nie herstellen lassen können, er wäre auch auf den Gedanken nicht gekommen, und ohne Roland wäre das Bild nicht verkauft worden, bis es immer mehr verfallen und einmal vernichtet worden wäre. Oft stand ich in späteren zeiten noch davor und hatte manche Freude in Betrachtung des Werkes. Ich sah das Angesicht und die hände der Mutter an, und sah das teils nackte, teils durch schöne Tücher schicklich verhüllte Kind. Ein dem land Italien so häufig zukommendes Zeichen ist es, dass das Kind nicht in den Armen der Mutter gehalten wird, sondern dass es mit schönem Hinneigen zu derselben und von ihr leicht und sanft umfasst auf einem erhöhten gegenstand vor ihr steht. Der Künstler hat dadurch nicht nur gelegenheit gefunden, den Körper des Kindes in einer weit schöneren Stellung zu malen, als wenn er von der Mutter an ihren Busen gehalten gewesen wäre, sondern er hat noch den weit höheren Vorteil erreicht, das göttliche Kind in seiner Kraft und in seiner Freiheit zu zeigen, was die wirkung hat, als ehrten wir gleichsam schon die Macht, mit welcher es einst handeln wird. Dass südliche Völker den Heiland als Kind in so grosser sinnlicher Schönheit malen, hat mich immer entzückt, und wenn auf meinem Bilde das heilige Kind eher wie ein kräftiger, wunderschöner Leib des Südens aussieht, so beirrt mich das nicht, sehen doch die Jesuskinder und die Johanneskinder des herrlichen Raffael auch so aus, und die wirkung ist doch eine so gewaltige. Dass die Mutter, deren Mund so schön ist, die Augen gegen Himmel wendet, sagt mir nicht ganz zu. Die wirkung, scheint mir, ist hierin ein wenig überboten, und der Künstler legt in eine Handlung, die er seine Gestalt vor uns vornehmen lässt, eine Bedeutung, von der er nicht machen kann, dass wir sie in der blossen Gestalt sehen. Wer durch einfachere Mittel wirkt, wirkt besser. Wenn er die Heiligkeit und Hoheit statt in die erhobenen Augen in die blosse Gestalt hätte legen Können, wobei die Augen einfach vor sich hinblickten, so hätte er besser getan. Raffael lässt seine Madonnen ruhig und ernst blicken