dem Gebiete der natur befangen, als dass ich auf andere Gebilde als die der natur mit kräftiger Innerlichkeit geachtet hätte. Darum erschienen mir Pflanzen, Faltern, Bäume, Steine, Wässer, selbst das menschliche Angesicht als Gegenstände, die würdig wären, von der Malerkunst nachgebildet zu werden; aber alte Bilder erschienen mir nicht als Nachbildungen, sondern gewissermassen als kostbare Gegenstände, die da sind, und auf denen sich Dinge befinden, die man gewohnt ist als auf Gemälden befindliche zu sehen. Diese Richtung hatte für mich den Nutzen, dass ich bei meinen Versuchen, Gegenstände der natur zu malen, nicht in die Nachahmung irgend eines Meisters verfiel, sondern dass meine arbeiten mit all ihrer Fehlerhaftigkeit etwas sehr Gegenständliches und Naturwahres hatten; aber es erwuchs mir auch der Nachteil daraus, dass ich nie aus alten Meistern lernte, wie dieser oder jener die Farben und Linien behandelt habe, und dass ich mir alles selber mühevoll erfinden musste, und in vielem gar zu einem Ziele nicht gelangte. Obwohl ich später der Betrachtung mittelalterlicher Gemälde mich mehr zuwandte und sogar im Winter viele Zeit in Gemäldesammlungen unserer Stadt zubrachte, so war doch mein früherer Zustand noch mehr oder weniger unbewusst vorherrschend, und die Kunst des Pinsels fand von mir nicht die Hingabe, die sie verdient hätte. Als ich jetzt mit Eustach die Zeichnungen mittelalterlicher bildender Kunst durchging, als ich mit ihm ein mir wie ein neues Wunder aufgegangenes Werk des alten Griechentums betrachtete, als ich dieses Werk mit den minder alten unserer Vorfahren verglich und die Unterschiede und Beziehungen einsehen lernte: da fing ich auch an, die Gemälde meines Gastfreundes anders zu betrachten, als ich bisher sie und andere Gemälde betrachtet hatte. Ich ging nicht nur oft in sein Bilderzimmer und verweilte lange Zeit in demselben, sondern ich liess mir auch das Verzeichnis der Bilder geben, um nach und nach die Meister kennen zu lernen, die er versammelt hatte, ich bat, dass mir erlaubt werde, mir das eine oder andere Bild, wie ich es eben wünschte, auf die Staffelei stellen zu dürfen, um es so kennen zu lernen, wie mich ein innerer Drang trieb, und ich brachte oft mehrere Tage in Untersuchung eines einzigen Bildes zu. Welch ein neues Reich öffnete sich vor meinen Blicken! Wie die Dichter mir eine Welt der Seele aufschlossen, so lag hier wieder eine Welt, es war wieder eine Welt der Seele, wieder dieselbe Welt der hochgehenden Seele der Dichtkunst; aber mit wie ganz anderen Mitteln war sie hier erstrebt und erreicht. Welche Kraft, welche Anmut, welche Fülle, welche Zarteit, und wie war dem Schöpfer eine ähnliche; eine gleiche, aber menschliche Schöpfung nachgeschaffen. Ich lernte die Beziehungen der alten Malerei – mein Freund hatte fast lauter alte Bilder – zu der natur kennen. Ich lernte einsehen, dass die alten Meister die natur getreuer und liebvoller nachahmten als die neuen, ja dass sie im Erlernen der Züge der natur eine unsägliche Ausdauer und Geduld hatten, vielleicht mehr, als ich empfand, dass ich selber hätte, und vielleicht mehr, als mancher Kunstjünger der Gegenwart haben mag. Ich konnte nicht aburteilen, da ich zu wenige Werke der Gegenwart kannte und so betrachtet hatte, als ich jetzt ältere Bilder betrachtete; aber es schien mir ein grösseres Eingehen in das Wesen der natur kaum möglich. Ich begriff nicht, wie ich das so lange nicht in dem Masse hatte sehen können, als ich es hätte sehen sollen. Wenn aber auch die Alten, wie ich hier mit ihnen umging, sich der Wirklichkeit sehr beflissen und sich ihr sehr hingaben, so ging das doch nicht so weit, als ich bei der Abbildung meiner naturwissenschaftlichen Gegenstände geschritten war, von denen ich alle Einzelheiten, so weit es nur immer möglich gewesen war, zu gehen gesucht hatte. Dies wäre, wie ich einsah, der Kunst hinderlich gewesen, und statt einen ruhigen Gesamteindruck zu erzielen, wäre sie in lauter Einzelheiten zerfallen. Die Meister, welche mein Gastfreund in seiner Sammlung besass, verstanden es, das Einzelne der natur in grossen Zügen zu fassen und mit einfachen Mitteln – oft mit einem einzigen Pinselstriche darzustellen, so dass man die kleinsten Merkmale zu erblicken wähnte, bei näherer Betrachtung aber sah, dass sie nur der Erfolg einer grossen und allgemeinen Behandlung waren. Diese grosse Behandlung sicherte ihnen aber auch Wirkungen im Grossen, die dem entgehen, welcher die kleinsten Gliederungen in ihren kleinsten Teilen bildet. Ich sah erst jetzt, welche schöne Gestalten aus dem menschlichen Geschlechte auf der Malerleinwand lebten, wie edel ihre Glieder sind, wie mannigfaltig – strahlend, kräftig, geistvoll, milde – ihr Antlitz, wie adelig ihre Gewänder, und wäre es eine Bettlerjacke, und wie treffend die Umgebung. Ich sah, dass die Farbe der Angesichter und anderer Teile das leuchtende Licht menschlicher Gestaltungen ist, nicht der Farbestoff, mit dem der Unkundige seinen Gebilden ein widriges Rot und Weiss gibt, dass die Schatten so tief gehen, wie sie die natur zeigt, und dass die Umgebung eine noch grössere Tiefe hat, wodurch jene Kraft erzielt wird, die sich der nähert, welche die Schöpfung durch wirklichen Sonnenschein gibt, den niemand malen kann, weil man den Pinsel nicht in Licht zu tauchen vermag, eine Kraft, die ich jetzt an den alten Bildern so bewunderte. Von der aussermenschlichen natur sah ich leuchtende Wolken, klare Himmelsgebilde, ragende reiche Bäume, gedehnte Ebenen, starrende Felsen, ferne Berge, helle dahinfliessende Bäche, spiegelnde Seen und