in meinen Büchern nachsehen, und werde Euch morgen sagen, wie lange das Bild in meinem haus steht."
"Ihr werdet wohl erlauben," sagte ich, "dass ich die Gestalt öfter ansehen darf, und dass ich mir nach und nach einpräge und immer klarer mache, warum sie denn so schön ist, und welches die Merkmale sind, die auf uns eine solche wirkung machen."
"Ihr dürft sie besehen, so oft Ihr wollt," antwortete er, "den Schlüssel zu der Tür des Marmorganges gebe ich Euch sehr gerne, oder Ihr könnt auch von dem Gange der Gastzimmer über die Marmortreppe hinabgehen, nur müsst Ihr sorgen, dass Ihr immer Filzschuhe in Bereitschaft habt, sie anzuziehen. Ich freue mich jetzt, dass ich den Marmorgang und die Treppe so habe machen lassen, wie sie gemacht sind. Ich habe damals schon immer daran gedacht, dass auf die Treppe ein Bild von weissem Marmor wird gestellt werden, dass dann am besten das Licht von oben darauf herabfällt, und dass die umgebenden Wände so wie der Boden eine dunklere, sanfte Farbe haben müssen. Das reine Weiss – in der lichten Dämmerung der Treppe erscheint es fast als ganz rein – steht sehr deutlich von der umgebenden tieferen Farbe ab. Was aber die Merkmale anbelangt, an denen Ihr die Schönheit erkennen wollt, so werdet Ihr keine finden. Das ist eben das Wesen der besten Werke der alten Kunst, und ich glaube, das ist das Wesen der höchsten Kunst überhaupt, dass man keine einzelnen Teile oder einzelne Absichten findet, von denen man sagen kann, das ist das schönste, sondern das Ganze ist schön, von dem Ganzen möchte man sagen, es ist das schönste; die Teile sind bloss natürlich. Darin liegt auch die grosse Gewalt, die solche Kunstwerke auf den ebenmässig gebildeten Geist ausüben, eine Gewalt, die in ihrer wirkung bei einem Menschen, wenn er altert, nicht abnimmt, sondern wächst, und darum ist es für den in der Kunst Gebildeten so wie für den völlig Unbefangenen, wenn sein Gemüt nur überhaupt dem Reize zugänglich ist, so leicht, solche Kunstwerke zu erkennen. Ich erinnere mich eines Beispieles für diese meine Behauptung, welches sehr merkwürdig ist. Ich war einmal in einem saal von alten Standbildern, in welchem sich ein aus weissem Marmor verfertigter, auf seinem Sitze zurückgesunkener und schlafender Jüngling befand. Es kamen Landleute in den Saal, deren Tracht schliessen liess, dass sie in einem sehr entfernten Teile des Landes wohnten. Sie hatten lange Röcke, und auf ihren Schnallenschuhen lag der Staub einer vielleicht erst heute morgen vollbrachten Wanderung. Als sie in die Nähe des Jünglings kamen, gingen sie behutsam auf den Spitzen ihrer Schuhe vollends hinzu. Eine so unmittelbare und tiefe Anerkennung ist wohl selten einem Meister zu teil geworden. Wer aber in einer bestimmten Richtung befangen ist und nur die Schönheit, die in ihr liegt, zu fassen und zu geniessen versteht, oder wer sich in einzelne Reize, die die neuen Werke bringen, hineingelebt hat, für den ist es sehr schwer, solche Werke des Altertums zu verstehen, sie erscheinen ihm meistens leer und langweilig. Ihr waret eigentlich auch in diesem Falle. Wenn gleich nicht von der neuen, nur bestimmte Seiten gebenden Kunst befangen, habt Ihr doch Abbildungen von gewissen Gegenständen, besonders denen Eurer wissenschaftlichen Bestrebungen, zu sehr und zu lange in einer Richtung gemacht, als dass Euer Auge sich nicht daran gewöhnt, Euer Gemüt sich nicht dazu hingeneigt hätte, und ungefüger geworden wäre, etwas anderes mit gleicher Liebe aufzunehmen, das in einer anderen Richtung lag, oder vielmehr, das sich in keiner oder in allen Richtungen befand. Ich habe gar nie gezweifelt, dass Ihr zu dieser Allgemeinheit gelangen werdet, weil schöne Kräfte in Euch sind, die noch auf keinen Afterweg geleitet sind und nach Erfüllung streben; aber ich habe nicht gedacht, dass dies so bald geschehen werde, da Ihr noch zu kraftvoll in dem auf seiner Stufe höchst lobenswerten Streben nach dem Einzelnen begriffen waret. Ich habe geglaubt, irgend ein grosses allgemeines menschliches Gefühl, das Euch ergreifen würde, würde Euch auf den Standpunkt führen, auf dem ich Euch jetzt sehe."
Ich konnte eine geraume Zeit auf diese letzte Rede meines Gastfreundes nichts antworten. Wir gingen schweigend in dem saal auf und nieder, und es war um so stiller, als unsere mit weichen Sohlen bekleideten Füsse nicht das geringste Geräusch auf dem glänzenden Fussboden machten. Blitze zuckten zuweilen in den Spiegelflächen um und unter uns, der Donner rollte gleichsam bei den offenen Fenstern herein, und die Wolken bauten sich in Gebirgen oder in Trümmern oder in luftigen Länderstrecken durch den weiten Raum auf, den die Fenster des Saales beherrschten.
Ich sagte endlich, dass ich mich jetzt erinnere, wie mein Vater oft geäussert habe, dass in schönen Kunstwerken Ruhe in Bewegung sein müsse.
"Es ist ein gewöhnlicher Kunstausdruck," entgegnete mein Gastfreund, "allein es täte es auch ohne ihn. Man versteht gewöhnlich unter Bewegung Bewegbarkeit. Bewegung kann die bildende Kunst, von der wir hier eigentlich reden, gar nicht darstellen. Da die Kunst in der Regel lebende Wesen, Menschen, Tiere, Pflanzen – und selbst die Landschaft trotz der starrenden Berge ist mit ihren beweglichen Wolken und ihrem Pflanzenschmucke dem Künstler ein Atmendes; denn sonst wird sie ihm ein Erstarrendes – darstellt, so muss sie diese Gegenstände so darstellen, dass es dem Beschauer erscheint, sie könnten