1857_Stifter_158_126.txt

" sagte ich, "man hat mir berichtet, dass Ihr hier oben sein könntet, und da bin ich herauf gegangen, Euch zu suchen."

"Daran hasst Ihr recht getan", erwiderte er.

"Warum habt Ihr mir denn nicht gesagt," sprach ich weiter, "dass die Bildsäule, welche auf Eurer Marmortreppe steht, so schön ist?"

"Wer hat es Euch denn jetzt gesagt?" fragte er. "Ich habe es selber gesehen", antwortete ich.

"Nun, dann werdet Ihr es um so sicherer wissen und mit desto grösserer Festigkeit glauben," erwiderte er, "als wenn Euch jemand eine Behauptung darüber gesagt hätte."

"Ich habe nämlich den Glauben, dass das Bildwerk sehr schön sei", antwortete ich, mich verbessernd.

"Ich teile mit Euch den Glauben, dass das Werk von grosser Bedeutung sei", sagte er.

"Und warum hasst Ihr denn nie zu mir darüber gesprochen?" fragte ich.

"Weil ich dachte, dass Ihr es nach einer bestimmten Zeit selber betrachten und für schön erachten werdet", antwortete er.

"Wenn Ihr mir es früher gesagt hättet, so hätte ich es früher gewusst", erwiderte ich.

"Jemanden sagen, dass etwas schön sei," antwortete er, "heisst nicht immer, jemanden den Besitz der Schönheit geben. Er kann in vielen Fällen bloss glauben. Gewiss aber verkümmert man dadurch demjenigen das Besitzen des Schönen, der ohnehin aus eigenem Antriebe darauf gekommen wäre. Dies setzte ich bei Euch voraus, und darum wartete ich sehr gerne auf Euch."

"Aber was müsst Ihr denn die Zeit her über mich gedacht haben, dass ich diese Bildsäule sehen konnte, und über sie geschwiegen habe?" fragte ich.

"Ich habe gedacht, dass Ihr wahrhaftig seid," sagte er, "und ich habe Euch höher geachtet als die, welche ohne Überzeugung von dem Werke reden, oder als die, welche es darum loben, weil sie hören, dass es von andern gelobt wird."

"Und wo habt Ihr denn das herrliche Bildwerk hergenommen?" fragte ich.

"Es stammt aus dem alten Griechenlande," antwortete er, "und seine geschichte ist sonderbar. Es stand viele Jahre in einer Bretterbude bei Cumä in Italien. Sein unterer teil war mit Holz verbaut, weil man den Platz, an dem es stand, und der teils offen, teils gedeckt war, zu häufigem Ballschlagen verwendete, und die Bälle nicht selten in die Bude der Gestalt flogen. Deshalb legte man von der Brust abwärts einen dachartigen Schutz an, der die Bälle geschickt herab rollen machte, und über den sich die Gestalt wie eine Büste darstellte. Es waren in dem raum teils an den Bretterbauten, teils an Mauerstücken, aus denen er bestand, noch andere Gestalten angebracht, ein kleiner Herkules, mehrere Köpfe und ein altertümlicher Stier von etwa drei Fuss Höhe; denn der Platz wurde auch zu Tänzen benützt und war an den Stellen, die keine Wand hatten, mit Schlinggewächsen und Trauben begrenzt, an andern war er offen und blickte über Myrten, Lorbeer, Eichen auf die blauen Berge und den heiteren Himmel dieses Landes hinaus. Gedeckt waren nur Teile des Raumes, besonders dort, wo die Gestalten standen. Diese hatten Dächer über sich wie die niedlichen Täfelchen, welche italienische Mädchen auf dem kopf tragen. Im übrigen war die Bedeckung das Gezelt des himmels. Mich brachte ein günstiger Zufall nach Cumä und zu diesem Ballplatze, auf dem sich eben junges Volk belustigte. Gegen Abend, da sie nach haus gegangen waren, besichtigte ich das Mauerwerk, welches aus Resten alter Kunstbauten bestand, und die Gestalten, welche sämtlich aus Gips waren, wie sie in Italien so häufig alten, edlen Kunstwerken nachgebildet werden. Den Herkules kannte ich insbesondere sehr gut, nur war er hier viel kleiner gebildet. Die Büste des Mädchensfür eine solche hielt ich die Gestaltwar mir unbekannt, allein sie gefiel mir sehr. Da ich mich über die reizende Lage dieses Plätzchens aussprach, sagte die Besitzerin, eine wahrhaftige altrömische Sibylle, es werde hier in kurzem noch viel schöner werden. Ihr Sohn, der sich durch Handel Geld erworben, werde den Platz in einen Saal mit Säulen verwandeln, es werden Tische herum stehen, und es werden vornehme Fremde kommen, sich hier zu ergötzen. Die Gestalten müssen weg, weil sie ungleich seien und weil Menschen und Tiere unter einander stehen, ihr Sohn habe schon die schönsten Gipsarbeiten bestellt, die alle gleich gross wären. Sie führte mich zu dem Mädchen und zeigte mir durch eine Spalte der Bretter, dass dasselbe in ganzer Gestalt da stehe und also die andern Dinge weit überrage. Man habe darum an dem oberen rand der Balken, mit denen die Gestalt umbaut ist, einen hölzernen bemalten Sockel angebracht, von dem der Oberleib wie eine Büste herab schaue. Dadurch sei die Sache wieder zu den anderen gestimmt worden. Ich fragte, wann ihr Sohn hieherkomme, und wann das Umbauen beginnen würde. Da sie mir das gesagt hatte, entfernte ich mich. Zur Zeit des mir von der Alten angegebenen Beginnes des Umbaues fand ich mich auf dem platz wieder ein. Ich traf den Sohn der Witweeine solche war siehier an, und der Bau hatte schon begonnen. Die alten, reizenden Mauerstücke waren zum Teile abgetragen, und ihre Stoffe waren geschichtet,