bei mir, und hatte doch aus Vorsicht auch einige Vorrichtungen zu Vermessungen und dergleichen eingepackt.
Wenn man von dem Rosenhause über den Hügel, auf dem der grosse Kirschbaum steht, nordwärts geht, so kommt man in die Wiese, durch welche der Bach fliesst, an dem mein Gastfreund jene Erlengewächse zieht, welche ihm das schöne Holz liefern, das er neben anderen Hölzern zu seinen Schreinerarbeiten verwendet. Wir waren öfter zu diesem Bache gekommen und seinen Ufern entlang gegangen. Er floss aus einem Gehölze hervor, in welchem mein Gastfreund einige Wasserwerke hatte aufführen lassen, um die Wiese vor Überschwemmungen zu sichern und die Verwilderung des Baches zu verhindern. Im inneren des Gehölzes befindet sich ein ziemlich grosser Teich, eigentlich ein kleiner See, da er nicht mit Kunst angelegt, sondern grösstenteils von selber entstanden war. Nur Geringes hatte man hinzu gefügt, um nicht Versumpfungen an seinen Rändern und Überflutungen bei seinem Ausflusse entstehen zu lassen. Das wasser dieses Waldbeckens ist so klar, dass man in ziemlicher Tiefe noch alle die bunten Steine sehen kann, welche auf dem grund liegen. Nur schienen sie grünlich blau gefärbt, wie es bei allen Wässern der Fall ist, die aus unsern Kalkalpen oder in deren Nähe fliessen. Rings um dieses wasser ist das Gezweige so dicht, dass man keinen Stein und kaum einen Uferrand sehen kann, sondern die Zweige aus dem wasser zu ragen scheinen. Die Bäume, die da stehen, sind eines Teils Nadelholz, das mit seinem Ernste sich in die Heiterkeit mischt, die auf den Ästen, Blättern und Wipfeln der Laubbäume ruht, die den vorherrschenden teil bilden. Vorzugsweise ist die Erle, der Ahorn, die buch, die Birke und die Esche vorhanden. Zwischen den Stämmen ist reichliches Wuchergestrippe. Der Bach in der Erlenwiese meines Gastfreundes verdankt dem See sein Dasein; aber da dieser aus Quellzuflüssen lebt, so ist der ausfliessende Bach oft so trocken, dass man, ohne sich die Sohle zu netzen, über seine hervorragenden Steine gehen kann. Wo er aus dem See geht, ist eine kleine Hütte erbaut, die den Hauptzweck hat, dass die, welche in dem See sich baden wollen, in ihr sich entkleiden können. Der Seegrund geht mit seinen schönen Kieseln so sachte in die Tiefe, dass man ziemlich weit vorwärts gehen und das wallende wasser geniessen kann, ohne den Grund zu verlieren. Auch zum Lernen des Schwimmens ist dieser teil sehr geeignet, weil man an allen Stellen Grund findet und sich unbefangener den Übungen hingeben kann. Weiter draussen beginnt das Gebiet derer, die ihrer arme und ihrer Bewegungen schon vollständig Herr sind. Gustav ging an Sommertagen fast jeden zweiten Tag mit Eustach oder mit jemand anderm oder zuweilen auch mit meinem Gastfreunde zu dem See hinaus, um in demselben zu schwimmen. Diese Tätigkeit, so wie die andern Körperbewegungen und Übungen, die für ihn in dem Rosenhause angeordnet waren, schienen ihm viele Freude zu machen. Mein Gastfreund hielt auf körperliche Übungen sehr viel, da sie zur Entwicklung und Gesundheit unumgänglich notwendig seien. Er lobte diese Übungen sehr an den Griechen und Römern, welche beiden Völker er auf eine hervorragende Weise ehrte. Das liege auf der Hand, pflegte er zu sagen, dass, so wie die Krankheit des Körpers den Geist zu etwas anderem mache, als er in der Gesundheit des Körpers ist, ein kräftiger und in hohem Masse entwickelter Körper die Grundlage zu allem dem abgebe, was tüchtig und herzhaft heisst. Bei den alten Römern ist ein grosser teil ihrer Erfolge in der geschichte und ihres früheren Glückes in der Pflege und Entwicklung ihres Körpers zu suchen. Ihr Glück dauerte auch nur so lange, als die vernünftige Pflege ihrer Leibesübungen dauerte. In neuen schulen vernachlässige man diese Pflege zu sehr, die bei uns um so notwendiger wäre, als sich durch das Zusammengehäuftsein in dunstigen und heissen Stuben ohnehin Übel erzeugen, die dem Aufentalte in freier Luft fremd sind. Darum werden auch die Geisteskräfte von Schülern der neuen Zeit nicht entwickelt, wie sie sollten, und wie sie es bei Kindern, die in Wald und Feldern schweifen, freilich auf Kosten ihres höheren Wesens wirklich sind. Daher stamme ein teil der Schalheit und Trägheit unserer zeiten. Ich ging mit Gustav jetzt, da ich viele Musse hatte, sehr fleissig zu dem Wäldchen, und da ich in der Kunst des Schwimmens eine grosse Fertigkeit hatte, so sah er an mir ein Vorbild, dem er nachstreben konnte, und lernte Gelenkigkeit und Ausdauer mehr, als er es ohne mich gekonnt hätte.
Überhaupt gewann Gustav eine immer grössere Neigung zu mir. Es mochte, wie ich mir schon früher gedacht hatte, zuerst der Umstand eingewirkt haben, dass ich ihm an Alter nicht so sehr ferne stand. Dazu mochte sich gesellt haben, dass ich, der ich eigentlich sehr einsam und abgeschlossen erzogen worden war, viel tiefer in spätere Jahre hinein die Merkmale der Kindheit bewahrt haben mochte als andere Leute, die gleichen Alters mit mir waren, und zuletzt konnte jetzt auch das wirken, dass ich bei meiner Geschäftlosigkeit viel mehr Berührungspunkte mit ihm fand, als es bei meinen früheren Anwesenheiten in dem Rosenhause der Fall gewesen war.
Ich schrieb nun auf dem Asperhofe mehr Briefe als sonst, ich las in Dichtern, betrachtete alles um mich herum, schweifte oft weit in die Gegend hinaus; aber diese Lebensweise wurde mir bald beschwerlich, und ich suchte etwas hervor, was mich tiefer beschäftigte. Die Dichter als das Edelste, was mir jetzt begegnete