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der Beute von Jericho einen purpurnen Mantel entwendet und zweihundert Beutel Silbers samt einer güldenen Rute, also dass ihn Josua hinausführen liess in ein abgelegen Tal und ganz Israel steinigte ihn, und alles, was er hatte, ward mit Feuer verbrannt? Solchen Vorgängers hat sich der Akhar von Sankt Gallen würdig erzeigt, dieweil, wer die Gebote einer höflichen Lebensart verachtet, so übel tut als ein Dieb: er veruntreut das Gold wahrer Weisheit.

Wäre es erlaubt, an die Seelenwanderung des Pytagoras zu glauben, so stünde ausser allem Zweifel, dass die Seele jenes hebräischen Akhar in diesen Ekkhard gefahren, und sie wäre ernstaft darob zu bedauern, denn besser den Körper eines Fuchses zum Aufentalt erwählen als den eines hinterlistigen Mönches. All dies sei übrigens ohne Hass gesagt; mein Hass geht nur auf die dem mann anklebende Schlechtigkeit, also nur auf ein Akzidens, nicht auf die Substanz selbst, in der wir ja nach den Worten der Schrift ein Ebenbild der Gotteit anzuerkennen haben".

"Merket nun", so fuhr Gunzo in seines Buches zweitem Teile fort, "wie unsinnig mein Feind gegen Nutz und Frommen der Wissenschaft gehandelt. Mehr als hundert geschriebene Bände führte ich bei meiner Reise über die Alpen mit mir, Waffen des Friedens, darunter des Marcianus blumenreiche Unterweisung in den sieben freien Künsten, des Plato unergründliche Tiefe im Timäus, des Aristoteles zu unseren zeiten kaum aufgehellte dunkle Weisheit im Buch von der hermeneia, und Ciceros rednerische Würde in der Topik. Wie ernst und fruchtbringend hätte die Unterhaltung gedeihen mögen, wenn sie mich über solche Schätze befragt! Wie konnte ich glauben, dass sie mich, dem Gott so vieles verliehen, ob der Verwechslung eines Kasus durchhecheln würden, mich, der den Donat und Priscian von innen und aussen kennt! Es mag freilich jener Aufgeblasene wähnen, dass er die ganze Grammatika in seiner Kapuze mit sich trageteure Mitbrüder! kaum ihren rücken hat er von ferne erschaut und wollte er eilen, einen blick ihres hehren Angesichts zu erhaschen, er würde über den eigenen täppischen Fuss stolpernd zu Boden sinken. Die Grammatik ist ein hohes Weib, anders erscheint sie Holzhackern, anders einem Aristoteles.

Soll ich euch aber von der Schwester der Grammatik, von der Dialektik reden, die jener griechische Meister die Amme seines Geistes genannt? O edle Kunst, die den Toren in ihren Schlingen fängt, dem Weisen aber zeigt, wie er die Schlinge meide; die uns die verborgenen Fäden aufdeckt, durch welche das Sein mit dem Nichtsein verknüpft ist! Freilich davon weiss jener Kuttenträger nichts, – nichts von jener subtilen Feinheit, die mit neunzehn Gattungen von Schlüssen alles zu erledigen versteht, was je gedacht und was denkbar. Gott ist gütig, er entzieht ihm solches Wissen, weil er's doch nur zu Lug und Trug nützen würde ..."

In solcher Weise wies der gelahrte Welsche seine Überlegenheit in allen freien Künsten nach; der Rhetorik und ihren Herrlichkeiten war ein Abschnitt gewidmet, worin wieder stark von solchen die Rede, denen die Göttin Minerva einmal von weitem im Traum erschienen, und von Toren, die da glauben, Kürze des Ausdrucks sei Zeichen von Weisheit. Dann aber ging's auf Aritmetik, Geometrie und Astronomie, mit Einschaltung tiefsinniger Abhandlungen über die Frage, ob die Himmelskörper mit Seele, Vernunft und Anspruch auf Unsterblichkeit begabt, und ferner, ob damals, als Josua geboten: "Bewege dich nicht, Sonne, gegen Gabaon, noch du, Mond, gegen das Tal Aialon", gleichzeitig auch den andern fünf Planeten Stillstand auferlegt worden, oder ob diese ihren Kreislauf fortsetzen durften.

Gründliche Prüfung dieses Problems gab dann Anlass, auf die Harmonie der Sphären und damit auf die Musik, als letzte der sieben Künste, einzugehen, und so konnte das Schifflein der Rache auf wogendem Schwall der Gewässer endlich dem Ziele entgegensteuern.

"Wozu nun hab' ich all dies angeführt?" fragte er zum Schlusse.

"Nicht um die Elemente der freien Künste darzutun, sondern um die Torheit eines Unwissenden blosszulegen, der da vorzog, grammatischen Schnitzern nachzujagen, statt wahre Wissenschaft von seinem Gastfreund zu erlauschen. Wenn ihm auch innerlich die Kunst für ewig versagt ist, hätt' er sich doch von aussen einen Widerschein von mir erwerben können. Aber ihn blähte allzu grosser Übermut, dass er vorzog, unter den Seinigen für einen Weisen zu gelten, gleich dem Frosche, der in seinem Sumpf zweifelsohne glaubt, dass er an Grösse den Stier übertreffe. Ach, niemals ist der Mitleidwerte auf freien Höhen des Wissens gestanden und hat die stimme Gottes zu sich reden gehört: in der Wildnis ist er geboren, unter blödem Murmeln aufgewachsen, und seine Seele bewahrt die Sitte der Tiere des Waldes; in tätigem Leben der Welt wollte er nicht beharren, zu innerlicher Beschaulichkeit ist er verdorben, der Feind des Menschengeschlechts hat ihm sein Zeichen aufgebrannt. Gern würde ich euch ermahnen, ihm die Hilfe heilender Arznei angedeihen zu lassen, aber ich fürchte, ich fürchte, seine Krankheit ist zu tief eingewurzelt.

'Und auf verhärtetes Fell wirkt selber die Nieswurz

vergeblich'

sagt Persius.

Möget ihr nun, ehrwürdige Brüder, aus allem, was ich mitteile, ersehen, ob ich ein solcher bin, der die Behandlung und das Gelächter jenes Toren verdient hat. Euerem Urteil stell' ich ihn und mich anheim: Im Urteil der Gerechten schwindet der Tor in sein verdientes Nichts. Finis!"

"... Gelobt sei der heilige