, dem ein Zentnerstein vom Herzen gefallen, er überschaute, was schwarz auf weiss vor ihm lag: "Gelobt sei der heilige Amandus!" rief er feierlich, "wir sind gerächt!"
Er hatte in diesem erhebenden Augenblick – eine Schmähschrift vollendet, eine Schmähschrift, zugeeignet der ehrwürdigen Bruderschaft auf der Reichenau, gerichtet gegen – Ekkehard, den Pörtner zu Sankt Gallen. Als der blonde Erklärer des Virgilius Abschied nahm von seinem Kloster und zur Herzogin übersiedelte, konnte es ihm unmöglich zu Sinne kommen – und hätt' er sein Gedächtnis auch umgeschüttelt bis in die verborgensten Falten, dass ein Mann auf der Welt sei, dessen Dichten und Trachten darauf ausging, an ihm Rache zu nehmen, denn er war harmlos und sanft und tat keiner Mücke ein Leides. Und doch war es so; denn zwischen Himmel und Erde und im Gemüt eines Schriftgelehrten gehen viele Dinge vor, davon sich der Verstand der Verständigen nichts träumen lässt.
Die geschichte hat ihre Launen im Erhalten wie im Zerstören. Die deutschen Lieder und Heldensagen, die durch des grossen Kaiser Karl Fürsorge aufgezeichnet standen, mussten im Schutte der zeiten untergehen, Gunzos Werk, das noch keinem der wenigen, die es gelesen, Freude bereitet, ist auf die Nachwelt gekommen208. Mag denn der ungeheuerliche Anlass, der des welschen Gelehrten Rache aufrief, mit seinen eigenen Worten erzählt sein:
"Schon lange" – also schreibt er seinen Reichenauer Freunden – "betrieb es der verehrungswerte teure König Otto bei den Fürsten Italiens, dass er mich in seine Reiche herüber berufe. Da ich aber keinem so untertan, noch auch so niedrigen Standes war, dass man mich hätte zwingen mögen, wandte er sich an mich mit bittender Anzeige, also dass er mein Versprechen als Unterpfand des Kommens empfing. So geschah es auch, als er Welschland verliess, dass ich ihm folgte. Und ich folgte ihm, gedenkend, dass mein Kommen keinem zum Schaden, vielen zu Nutzen gereichen möge, denn wozu treibt uns nicht die Liebe und der Wunsch, den Mitbrüdern genehm zu sein? Und ich zog meines weges, nicht wie ein Britanne gespickt mit den Geschossen des Tadels, sondern im Dienste der Liebe und Wissenschaft.
Über steiles Joch der Gebirge und abschüssige Schluchten und Täler kam ich endlich vor des heiligen Gallus Kloster an, und zwar so erschöpft, dass die vom eisigen Hauch der Bergluft erstarrten hände den Dienst versagten und fremde Hilfleistung mich vom Saumtier heben musste.
Des Ankommenden Hoffnung war friedlich Ausruhen am Ort klösterlicher Niederlassung. Auch sah ich dort häufiges Neigen der Häupter, sittig geordnete Kapuzen, sanftes Einherschreiten und seltenen Gebrauch der Rede, also dass ich keines Unheils gewärtig stunde, nur dass des Juvenalis Spruch gegen die falschen Philosophen:
'Spärlich ist ihnen das Wort, – doch Bosheit steckt in
dem Schweigen'
heimlich an meinem Gemüt nagen wollte. Und wer sollte glauben, dass jenem Heiden vorahnende Kenntnis von kuttentragender Verkehrteit inwohnte?
Doch freute ich mich harmlos meines Lebens, erwartend, ob nicht unter dem spärlichen Gemurmel der Brüder etliche Funken philosophischer Strebungen aufblitzen möchten. Es blitzte aber nichts auf, sie rüsteten am Rüstzeug der Hinterlist.
Unter anderen war auch ein junger Schülerknab' anwesend und ein älterer, der – – je nun! er war, wie er war; sie hiessen ihn einen braven Lehrer des Klosters, wiewohl er mir in die Welt zu schauen schien mit den Augen einer Turteltaube. Von diesem schmachtend blickenden Gelehrten habe ich nunmehr zu reden. Höret seine Tat. Ab- und zugehend machte er den Schüler zum gefährten eines tückischen Anschlages.
'Nacht war's, es nahte die Zeit des sorgenstillenden
Schlummers,
Wohlgesättigt des Mahls, zollten wir Bacchus sein
Recht –'
Hin- und Herreden lateinischen Tischgespräches eines Verstosses im Gebrauch eines Kasus schuldig ward und einen Akkusativus setzte, wo ein Ablativus sich geziemt hätte.
Nun ward offenbar, in welcher Art Künsten jener vielberühmte Lehrer den ganzen Tag seinen Schüler unterwiesen. 'Solch Verbrechen wider Sprache und Grammatik verdiene die Schulgeissel!' also spottete das benannte Studentlein mich, den Erprobten, und kramte bei diesem Anlass ein höhnisches Spottgedicht aus, das ihm eben jener Lehrer eingeblasen, also dass ein rauhes zisalpinisches Gelächter über den fremden Gastfreund durchs Refektorium erschallte.
Wem aber ist unbekannt, welcher Beschaffenheit die Verse übermütig gewordener Mönche sind? Was weiss ein solcher von der inneren Haushaltung eines Gedichtes, wo ein Stück Purpur ans andere zu setzen ist, auf dass es glänze und gleisse? was von der Würde der Dichtkunst? – er spitzt die Lippen und spuckt ein Poem aus, gleich dem LuciliusA2, den Horatius brandmarkt, dass er oftmals auf einem Fuss stehend zweihundert Verse diktierte und mehr noch, bevor ein Stündlein abgelaufen. Ermesset nun, ehrwürdige Brüder, welch ein Mass von Unrecht man mir angetan, und was der für ein Mensch sein muss, der seinem Nebenmenschen den Irrtum eines Ablativus vorhält!"
Der Mensch, der in harmlosem Scherz diesen Frevel begangen, war Ekkehard; wenig Wochen bevor ihn seines Schicksals Wendung auf den hohen Twiel rief, geschah die Untat. Mit des folgenden Morgens Frührot war das Tischgespräch mit dem übermütigen Welschen vergessen, aber in der Brust dessen, den sie des falschen Akkusativus überwiesen, sass ein Groll, so herb und nagend, wie der ob der Waffen Achills, der einst den Telamonier Aias in sein Schwert gejagt und noch bei den Schatten der Unterwelt seitab zürnen liess; er zog aus dem Tal, das die Sitter durchströmt, nordwärts