salischem Recht206. Schon der Kaiser Lotarius hatte seiner alten Magd Doda den güldenen Denar aus der Hand und damit das Joch der Sklaverei vom Nacken geschüttelt. Audifax aber war fränkischer Abstammung, darum hatte sich Frau Hadwig nicht nach ihrem alemannischen Landrecht gerichtet.
Die beiden standen auf. Sie begriffen, was vorgegangen. Dem Hirtenknaben wollte es schwarz vor den Augen werden, der Traum seiner Jugend, Freiheit, Goldschatz ... alles Wahrheit geworden, dauernde Wahrheit für jetzt und immerwährendes Immer! ... Er sah Ekkehards ernstes Antlitz und warf sich mit Hadumot vor ihm nieder: "Vater Ekkehard", rief er, "wir danken auch Euch, dass Ihr's wohl mit uns gemeint!"
"Wie schade, dass es schon zu spät worden", rief Praxedis herüber, "Ihr könntet gleich noch ein Paar mit dem Band der Ehe zusammenschmieden oder wenigstens feierlich verloben, die taugen so gut zueinand wie die zwei da drüben."
Ekkehard liess sein blaues auge' lange auf den beiden ruhen. Er legte ihnen die Hand auf und machte das Zeichen des Kreuzes über sie. "Wo ist das Glück?" sprach er leise vor sich hin. – –
In später Nacht ritt Rudimann, der Kellermeister, in sein Kloster zurück. Die Furt war trocken, er konnte zu Ross hinüber. Von des Abts Zelle glänzte noch ein Lichtschimmer in den See nieder. Er klopfte bei ihm an, öffnete die Tür halb und sprach: "Meine Ohren haben heute mehr hören müssen, als ihnen lieb war. Mit dem Hofgut zu Saspach am Rheine wird's nichts! Sie setzt das Milchgesicht von Sankt Gallen drauf ..."
"Varium et mutabile semper femina! Wankelmütig und veränderlich stets ist das Weib207!" murmelte der Abt, ohne sich umzuschauen. "Gute Nacht!"
Siebzehntes Kapitel.
Gunzo wider Ekkehard.
Zu den zeiten, da all das seiter erzählte an den Ufern des Bodensees sich zugetragen, sah fern in belgischen Landen im Kloster des heiligen Amandus sur l'ElnonA1 ein Mönch in seiner Zelle. Tagaus, tagein, wenn die Pflicht der Klosterregel ihn freiliess, sass er dort wie festgebannt; Wintersturm war gekommen, die Flüsse zugefroren, Schnee, so weit das Auge reichte – er hatte dessen keine Acht; der Frühling trieb den Winter aus – es kümmerte ihn nicht; die Brüder plauderten von Krieg und schlimmer Botschaft aus dem befreundeten Land am Rhein – er hatte kein Ohr für sie. Auf seiner Zelle lag Stuhl und Schragen mit Pergamenten überdeckt, des Klosters ganze Bücherei war zu ihm herabgewandert, er las und las und las, als wollt' er den letzten Grund der Dinge ergründen; – zur Rechten die Psalmen und heiligen Schriften, zur Linken die Reste heidnischer Weisheit, alles ward durchwühlt; dann und wann machte ein höhnisch Lächeln dem Ernst seiner Studien Platz, und er schrieb sich auf schmale Streifen Pergamentes hastig etliche Zeilen heraus. Waren es Goldkörner und Edelsteine, die er auf seiner Bergmannsarbeit aus den Schachten alten Wissens grub? Nein.
"Was mag dem Bruder Gunzo widerfahren sein?" sprachen seine Genossen, "ehedem ist seine Zunge gegangen wie ein Mühlrad, und die Bücher haben Ruhe vor ihm gehabt: 'Sie können mir doch nur bieten, was ich längst weiss', hat er sich oft gerühmt – und jetzt? Jetzt knarrt und scharrt seine Feder, dass bis im vorderen Kreuzgang der Widerhall ihres Kratzens gehört wird. Gedenkt er des Kaisers Protonotar und Erzkanzler zu werden? sucht er den Stein der Weisen oder schreibt er seine italische Reise?"
Aber der Bruder Gunzo blieb an seinem Werk. Unverdrossen trank er seinen Wasserkrug leer und las seine Klassiker, – die ersten Gewitter kamen und mahnten, dass der Sommer mit seiner Schwüle vor der tür stehe; er liess donnern und blitzen und sass fest wie zuvor. Den Schlummer der Nacht brach er zuweilen und sprang auf zu seinem Tintenfass, als hätt' er im Traum Gedanken erhascht; oft waren sie wieder verschwunden, bevor ihm das Niederschreiben gelang, aber sein Sinn war fest aufs Ziel gerichtet. "Kommen wird einst der Tag" ... mit der homerischen Verheissung sich tröstend, schlich er auf sein Lager zurück.
Gunzo war im kräftigen Mannesalter, eine mässig grosse, gedrungene Gestalt, wohlbeleibt; wenn er des Morgens vor seinem fein geschliffenen Metallspiegel stunde und mehr als notwendig die Augen auf dem eigenen Abbild haften liess, strich er oft seinen rötlichen Bart, als woll' er zu Fehde und fährlichem Streitandel ausreiten.
Fränkisch Blut mit gallischem vermischt rollte in seinen Adern: das schuf ihm ein Stück von jener Beweglichkeit und Immerlebendigkeit, die dem Germanen reinen Stammes abgeht. Darum hatte er auch in währender Schreibarbeit mehr Federn zerbissen und Schnipfel zerzaust und Selbstgespräche geführt, als ein Genosse in deutschem Kloster in gleicher Frist getan hätte. Aber er hielt seines Fleisches natürliche Unruhe nieder und zwang seine Füsse mannhaft, unter dem bücherschweren Tisch standzuhalten.
Es war ein linder Sommerabend; wiederum war seine Feder wie ein Irrlicht über das geduldige Pergament gehüpft, es knisterte vom Ziehen der Buchstaben – da hub sie an, langsamer zu gehen, – jetzt eine Pause, dann noch einige Züge – und einen gewaltigen Schnirkel zog er über den unbeschriebenen übrigen Raum, dass die Tinte unfreiwillig einen Schwarm von Flecken gleich schwarzen Sternbildern drüber schwirrte. Er hatte das Wort Finis! geschrieben; mit langgedehntem Atemzug erhob er sich vom Stuhl gleich einem Mann