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schaut so licht und blau zu Euch herüber, wie hier die Hörner der Alpen, da kommt's mit Ross und Wagen vom alten Breisach her, die Heerstrasse stäubt, Ihr hebet das Haupt, nun, Meister Ekkehard, wer wird angezogen kommen?"

Der Gefragte war kaum der Schilderung gefolgt. "Wer?" sagte er scheu.

"Wer anders als Eure Gebieterin, die sich ihr herzoglich Recht nicht vergeben wird zu prüfen, wie ihre Diener schalten."

"Und dann?" fragte er weiter.

"Dann? dann werde' ich Erkundigungen einziehen, wie Meister Ekkehard seiner Pflicht oblag, und sie werden alle sagen: 'Er ist brav und ernst, und wenn er nicht so viel denken und sinnen und in seinen Pergamenten lesen wollte, wär' er uns noch lieber ...'"

"Und dann?" fragte er noch einmal. Sein Ton war seltsam.

"Dann werde' ich sprechen mit den Worten der Schrift: 'Wohl, du guter und getreuer Knecht! Du warst treu über weniges, ich will dich über vieles setzen. Zeuch ein zum Freudenmahl deines Herrn.'"

Ekkehard stand gleich einem Betäubten. Er hob seinen Arm, er liess ihn wieder sinken, eine Träne zitterte in seinem auge'. Er war sehr unglücklich.

... Zu selber Zeit schritt ein Mann vorsichtig aus dem Gebüsch heraus. Wie er wieder Wiesengrund unter den Füssen fühlte, liess er die gehobene Kutte niederfallen. Er schaute bedeutsam auf die beiden zurück und nickte mit dem haupt, wie einer, der eine Entdeckung gemacht. Er war auch nicht hingegangen, um Veilchen zu pflücken.

Das Hochzeitfest war in stufenweiser Entwicklung bis dahin gediehen, wo Chaos einzubrechen droht. Der Met wirkte in den Gemütern. Einer hing sein Obergewand an einen Baumast und fühlte unwiderstehliche Neigung, alles zu zertrümmern, ein anderer hingegen strebte, alles zu umarmen, ein dritter, der vor zehn Jahren manchen Kuss von Frideruns Wangen gepflückt zu haben sich erinnerte, sass trübsinnig am Tisch und hatte viel getrunken und sah den Ameisen zu, die ihm zu Füssen wimmelten, und sprach: "Kling, klang, gloria! Keine ist was nutz ..." Die jungen Leute, die in der Frühe so verschämt als Hochzeitbitter bei der Herzogin waren, führten mit ihrem hunnischen Anverwandten ein germanisches Schalksspiel aus: sie hatten ein grosses linnenes Laken aus einer der Hochzeittruhen gerissen, den Cappan drauf, an den vier Ecken hielten sie's starr und schleuderten den Unseligen von der prallen Decke empor, dass er in die blauen Lüfte hinaufwirbelte wie eine Lerche205. Er hielt's für den landesüblichen Ausdruck verwandtschaftlicher Hochachtung und schwang sich gewandt auf und nieder.

Da plötzlich tat die lange Friderun einen lauten Schrei. Alle Köpfe wandten sich, schier liessen die Vettern den Aufgeschnellten hinab ins kühle Erdreich sausen, ein Freudenjubel brach aus, ungeheuer und dröhnend, dass es schien, als wollten selber die verwitterten Basaltfelsen im Tannenwald verwundert umschauen, und die hatten in Sturm und Wetter schon manch tüchtigen Lärm gehört. Audifax und Hadumot kamen auf ihrer Flucht aus hunnischer Hand des weges gezogen. Audifax führte den Gaul mit der Schatztruhe am Zügel, glückselig gingen die Kinder nebeneinand, sie hatten heute zum erstenmal den Gipfel des hohen Twiel wieder erschaut und mit frohem Aufjauchzen begrüsst. "Erzähl' ihnen nicht alles!" flüsterte Audifax seiner Gefährtin zu und flocht dichtes Weidengezweig um die Körbe. Schon war die lange Friderun herbeigesprungen und trug die Hadumot halb auf den Armen weg: "Grüss Gott, verloren Söhnlein! Trink Sackpfeifer, trink Sturmläufer!" rief's aus aller Mund dem Audifax zusie wussten von des Jungen Gefangenschaft und reichten ihm die grossen Steinkrüge zum Willkomm.

Die Kinder hatten unterwegs beredet, wie sie der Herzogin zu Haus entgegentreten wollten. "Wir müssen ihr schön danken", hatte die Hirtin gesagt, "und ich muss ihr den Goldtaler zurückgeben, ich hab' den Audifax umsonst bekommen, werde' ich ihr sagen."

"Nein", hatte Audifax erwidert, "wir legen vom Hunnengold noch die zwei grössten Münzen darauf und bringen ihr die dar: sie möchte' uns gnädig bleiben wie bisher, das sei unser Dank und Busse in den Herzogsschatz, dass ich die Waldfrau erschlagen."

Sie hatten das Gold schon gerüstet.

Jetzt sahen sie die Herzogin bei Ekkehard unter der Tanne stehen. Der tobende Lärm der Mannen unterbrach das landwirtschaftliche Gespräch der beiden. Praxedis kam gesprungen und kündete die wunderbare Mär. Jetzt kamen die jungen Flüchtlinge selber, sie führten sich. Vor Frau Hadwig knieten sie nieder, Hadumot hielt ihren Taler empor, Audifax zwei grosse güldene Schaumünzen; er wollte sprechen, die Worte blieben aus ... Da wandte sich Frau Hadwig mit stolzer Anmut zu den Umstehenden:

"Die Narretei meiner zwei jungen Untertanen schafft mir gelegenheit, ihnen meine Gnade zu beweisen. Seid dessen Zeugen!"

Sie brach einen Haselzweig vom Strauch, tat einen Schritt vor, schüttelte dem Hirtenknaben und seiner Gefährtin die Münzen aus der Hand, dass sie weit hinüberflogen ins Gras, und berührte beider Scheitel mit dem Zweig: "Stehet auf", sprach sie, "keine Schere soll von heute an euer Hauptaar mehr kürzen, als der Burg Hohentwiel eigene Leute seid ihr gekniet, als freigesprochene und freie erhebt euch und behaltet einand so lieb in der Freiheit wie ehedem."

Es waren die Formen der Freilassung nach