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, als wär' er von Jugend ein Fronvogt oder Schulteiss im Hegau gewesen.

Noch war der Lärm der bergab Ziehenden nicht verklungen, da traten zwei schmucke Bursche vor die Herzogin und ihre klösterlichen Gäste, des Schaffners auf der kaiserlichen Burg Bodmann Söhne und Frideruns Gevattern. Sie kamen als Hochzeitbitter, jeder eine gelbe Schlüsselblume hinters Ohr gesteckt und einen Strauss am zwilchenen Gewand.

Verlegen blieben sie unter des Saales Eingang stehen, die Herzogin winkte, da traten sie etliche Schritte vor, dann noch etliche, und scharrten eine Verbeugung und sprachen den alterkömmlichen Ladspruch zum Ehrentag ihrer Base und baten, ihnen hinüberzufolgen über Weg und Steg, über Gassen und Strassen, Brück' und wasser zum Hochzeitshaus; dort werde' man auftragen ein Kraut und Brot, wie selbes geschaffen der allmächtige Gott, ein Fass werde' rinnen und Geigen drein klingen, ein Tanzen und Springen, Jubilieren und Singen. "Wir bitten Euch, lasst zwei schlechte Boten sein für einen guten, gelobt sei Jesus Christ!" so schloss ihr Spruch, und ohne den Bescheid zu erwarten, scharrten sie die zweite Verbeugung und enteilten.

"Erweisen wir unserm jüngsten christlichen Untertan die Ehre des Besuchs?" fragte Frau Hadwig heiter. Die Gäste wussten, dass auf fragen, die sie so freundlich stellte, keine Verneinung zieme. Da ritten sie des Nachmittags hinüber. Auch Rudimann, der Abgesandte von Pirminius' Kloster, ritt mit, er hielt sich schweigsam und lauernd, seine Rechnung mit Ekkehard war noch nicht abgemacht.

Der Stoffler Berg ragt stolz und lustig mit seinen drei Basaltkuppen, von dunkelm Tannwald umsäumt, ins Land hinaus. Die Burgen, deren Trümmer jetzt sein rücken trägt, waren noch nicht gebaut, nur auf dem höchsten stand ein verlassener Turm. Auf dem zweiten Bergvorsprung aber war ein bescheiden Häuslein im Waldversteckdes neuen Ehepaars Sitz. Als Zins und Zeichen, dass der Einziehende der Herzogin Mann, war ihm gesetzt, alljährlich fünfzig Maulwurfsfelle einzuliefern und auf Sankt Gallus' Festtag einen lebenden Zaunkönig.

Auf grüner Waldwiese hatte die Hochzeitsippe ihr Lager aufgeschlagen; in grossen Kesseln ward gesotten und gebraten, wem keine Platte oder Teller zuteil ward, der schmauste von tannenem Brett, wo die Gabel fehlte, ward zweizinkige Haselstaude zu deren Rang erhoben.

Cappan war mühsam zu Tisch gesessen und hielt sich aufrecht an seiner Ehefrau Seite; aber in des Gemütes Tiefe bewegte er den Gedanken, ob er nicht nach etlichen Tagen die Gewohnheit des Liegens zur Mahlzeit wieder zum alten Recht erheben wolle.

In den langen Zwischenräumen von einem Gericht zum andernder Schmaus begann mit der Mittagstunde und sollte zum Sonnenuntergang noch nicht beendet seinschuf der Hunne seinen vom Sitzen gequälten Gliedmassen durch Tanzen Luft.

Von bäuerlicher Musika empfangen, kam die Herzogin angeritten. Sie schaute vom Ross herab auf die Fröhlichen, da zeigte ihr der neue Paulus seine wilde Kunst. Die Musika genügte ihm nicht, er pfiff und jauchzte sich selber den Takt; sein langes Ehgemahl drehte er in labyrintischer Verschlingung, ein wandelnder Turm und eine Katze des Waldes, so tanzte die Langsame mit dem Behenden, bald beisammen, bald fliehend, bald Brust gegen Brust, bald rücken gegen rückendann stiess er seine Tänzerin von sich, die Holzschuhe im Schweben zusammenklirrend, tat er sieben wirbelnde Luftsprünge, einen höher als den andern, zum Beschluss liess er sich vor Frau Hadwig ins Knie fallen und beugte sein Haupt zur Erde, als wollt' er den Staub küssen, den ihres Rosses Huf berührt. Es sollte sein Dank sein.

Die Hegauer Vettern aber schöpften ein Beispiel löblicher Anregung aus dem ungewohnten Tanz. Es mag sein, dass mancher später sich nähere Unterweisung drin erbat, denn aus fernem Mittelalter klingt noch die Sage herüber von den "sieben Sprüng" oder dem "hunnischen Hupfauf", der als Abwechslung vom einförmigen Drehen des Schwäbischen und als Krone der Feste seit jenen Tagen dort landüblich ward.

"Wo ist Ekkehard?" fragte die Herzogin, nachdem sie, vom Zelter gestiegen, die Reihen ihrer Leute durchwandelt hatte. Praxedis deutete hinüber nach einem schattigen Rain. Eine riesige Tanne wiegte ihre schwarzgrünen Wipfel, ihr zu Füssen im verschlungenen Wurzelwerk sass der Mönch. Lauter jubel und Menschengewühl presste ihm beklemmend die Brust, er wusste nicht weshalber hatte sich seitab gewandt und schaute hinaus über die waldigen rücken in die Alpenferne.

Es war einer jener duftigen Abende, wie sie hernachmals Herr Burkart von Hohenvels auf seinem riesigen Turm überm See belauscht hat, "da die Luft mit Sonnenfeuer getempert und gemischet204". Die Ferne schwamm in leisem Glanz. Wer einmal hinausgeschaut von jenen stillen Berggipfeln, wenn bei blauem Himmel die Sonne glutstrahlend zur Rüste geht, purpurne Schatten die Tiefen der Täler füllen und flüssiges Gold den Schnee der Alpen umsäumt, dem muss noch spät im Nebeldunst seiner vier Wände die Erinnerung tönen und klingen, lieblich wie ein Sang in den schmelzenden Lauten des Südens.

Ekkehard aber sass ernst, das Haupt gestützt in der Rechten.

"Er ist nicht mehr wie früher!" sagte Frau Hadwig zur Griechin.

"Er ist nicht mehr wie früher!" sprach Praxedis gedankenlos ihr nach. Sie hatte auf die hegauischen Weiber zu schauen und ihren Festschmuck und überlegte an diesen hohen Miedern und fassartig gesteiften Röcken und der unnennbaren Haltung beim Tanz, ob der Genius guten Geschmackes händeringend für immer dies Land verlassen oder ob sein Fuss es noch gar nie betreten habe.

Frau Hadwig trat vor Ekkehard. Er fuhr auf seinem Moossitz empor