ein unstetes Irrlicht; sie hatte sich's von der Herzogin erbeten, die ungeschlachte Braut zu ihrem Ehrentag zu schmücken. Schon waren die Haare eingeflochten in rote Stränge von Garn, der unendlich faltenreiche Schurz wallte bis zu den hochabsätzigen Schuhen, drüber prangte der dunkle Schappelgürtel mit seiner güldfadenen Einfassung – nur wer die Braut erstreitet, darf ihn lösen – jetzt griff Praxedis die glitzernde glasperlenbehängte Krone voll farbiger Steine und Flittergold: "Heilige Mutter Gottes von Byzanzium!" rief sie, "muss das auch noch aufgesteckt werden? Wenn du mit dem Kopfschmuck einherschreitest, Friderun, werden sie in der Ferne glauben, es sei ein Festungsturm lebendig geworden und wandle zur Trauung."
"Es muss sein!" sprach Friderun.
"Warum muss es sein?" fragte die Griechin. "Ich hab' daheim manch schmucke Braut gesehen, die trug den Myrtenkranz oder den silbergrünen Olivenzweig in den Locken, und es war gut so. Freilich in euren harzigen russigen schwärzlichen Tannenwäldern wächst nicht Myrte und nicht Olive, aber Efeu wär' auch schön, Friderun?"
Die drehte sich zürnend im Stuhl. "Lieber ledig bleiben", sprach sie, "als mit Blatt und Gras im Haar zur Kirche gehen. Das mögt Ihr hergelaufenem Volk raten, aber wenn ein Hegauer Kind Hochzeit macht, muss die Schappelkrone sein Haupt schmücken, das gilt von jeher, seit der Rhein durch den Bodensee rinnt und die Berge stehen. Wir Schwaben sind all ein königlich Geschlecht, hat mein Vater immer gesagt."
"Euer Wille geschehe", sprach Praxedis und heftete ihr die Flitterkrone auf.
Die grosse Braut erhob sich, aber Falten lagerten über ihrer Stirn wie ein Schatten eilenden Gewölks, der sein vorübergehend Dunkel auf die sonnbeglänzte Ebene wirft.
"Willst du jetzt schon weinen", fragte die Griechin, "auf dass dir in der Ehe die Tränen gespart werden?"
Friderun machte ein ernst Gesicht und der unholde Mund zog sich betrübt in die Länge, dass Praxedis Müh' hatte, nicht zu lachen.
"Mir ist so bang", sprach die Braut des Hunnen.
"Was soll dir bang machen, zukünftige Nebenbuhlerin der Tannen am Stofflerberg?"
"Ich fürcht', die Burschen des Gaus tun mir einen Spuk an, dass ich den Fremden heirate. Wie der Klostermeier vom Schlangenhof die alte Witfrau vom Bregenzer Wald heimgeführt hat, sind sie ihm in der Hochzeitnacht vors Haus gezogen und haben mit Stierhörnern und Kupferkesseln und grossen Meermuscheln eine Höllenmusik gemacht, wie wenn ein Hagelwetter weg zu drommeten wär'; und wie der Rielasinger Müller am ersten Tag seines Ehestands vors Haus trat, stand ein Maienbaum gepflanzt, der war kahl und dürr, und statt Blumen hing ein Strohwisch dran und ein zerlumpt grüngelb Schürzlein."
"Sei gescheit!" tröstete Praxedis.
Aber Friderun jammerte weiter: "Und wenn sie mir's machen wie des Bannförsters Witib, da sie den Jägersknaben nahm? Der haben sie nachts das Strohdach entzweigeschnitten oben auf dem Hausfirst, halb zur Rechten, halb zur Linken ist's heruntergerollt, der blaue Himmel hat in ihr Hochzeitbett geleuchtet, ohne dass sie wussten warum, und die Krähen sind ihnen zu Häupten geflogen202."
Praxedis lachte. "Du wirst doch ein gut Gewissen haben, Friderun?" sprach sie bedeutsam.
Aber der stand das Weinen näher.
"Und wer weiss", sprach sie ausweichend, "was mein Cappan ..."
"Paulus", verbesserte Praxedis.
"... in jungen Tagen für Streiche gemacht? Gestern nacht hat mir geträumt, er habe mich fest in seinen Armen gehalten, da sei ein hunnisch Weib gekommen, gelb von Gesicht und schwarz von Haar, und hab' ihn weggerissen. 'Mein gehört er!' drohte sie, und wie ich ihn nicht lassen wollte, ward sie zur Schlange und ringelte sich fest an ihm auf ..."
"Lass die Schlangen und Hunnenweiber", unterbrach sie Praxedis, "und mach dich fertig, sie kommen schon den Berg herauf ... Vergiss den Rosmarinzweig nicht und das weisse Tuch!"
Hell glänzte draussen im Burghof des Cappan weisses Festgewand. Da gab Friderun den trüben Gedanken Valet und schritt hinaus; die Ehrenmägde empfingen sie im Hof, der Neugetaufte lachte ihr fröhlich entgegen, das Glöcklein der Burgkapelle läutete, es ging zur Hochzeit203.
Die Trauung war beendet, mit strahlendem Antlitz verliess das neue Ehepaar die Burg. Frideruns ganze Sippschaft war erschienen, stämmige Leute, die an Höhe des Wuchses der Braut nicht nachstanden; sie sassen als Meier und Bauern auf den nachbarlichen Höfen; jetzt zogen sie nach dem Gütlein am Fuss des hohen Stoffeln, das erste Feuer zur Einweihung des neuen Herdes anzuzünden und das Hochzeitfest zu feiern. Voraus im Zug wurde auf bekränztem Wagen der Brautschatz geführt; da fehlte die grosse Bettstatt von Tannenbrettern nicht, Rosen und Trudenfüsse als Abwehr von Alp und Wichtelmännern und andern nächtlichen Unholden waren drauf gemalt; – an Kisten und Kasten folgte ein mannigfacher Hausrat.
Die Ehrenmägde trugen die Kunkel mit angelegtem Flachs und den schön gezierten Brautbesen von weissen Reisern, einfache Sinnbilder von Fleiss und Ordnung fürs künftige Hauswesen.
An Jauchzen und Jubelruf liessen es die Geleitsmänner nicht fehlen; dem Cappan aber war's zu Sinn, als hätten die Fluten der Taufe in früher Morgenstund' alle Erinnerung weggespült, dass er je streifend und schweifend ein Ross getummelt, er schritt ehrsam und bürgerlich mit Schwägern und Schwiegern