1855_von_Scheffel_157_91.txt

"Der Wille muss für das gut sein, was an der Einsicht abgeht! den Unterricht möget Ihr kurz halten, so viel als den Sachsen, die der grosse Karl in die Weser treiben liess, wird ihm auch deutlich werden."

Ekkehard tat, wie ihm geheissen, und seine Lehre fiel auf gutes Erdreich. Cappan hatte auf seinen Heerzügen manch ein deutsches Wort aufgelesen und hatte, wie alle seine Landsleute, einen eigenen Sinn zu erraten, was anderer Absicht, auch wenn die Sprache nicht ganz verstanden ward. Zeichen und Bild ergänzte vieles; wenn Ekkehard vor ihm sass, das metallbeschlagene Evangelienbuch mit den goldgemalten Buchstaben aufgeschlagen, und gegen Himmel deutete, so wusste der Hunn', wovon die Rede, das Abbild des Teufels verstand er und gab in Gebärden kund, dass der zu verabscheuen sei, vor dem Zeichen des Kreuzes warf er sich, wie er von andern gesehen, in die Kniee. So gedieh der Unterricht.

Wie Cappan seinerseits sich auszudrücken vermochte, stellte sich freilich heraus, dass seine Vergangenheit eine sehr schlimme. Er nickte bejahend auf die Frage, ob er Wohlgefallen an der Zerstörung von Kirchen und Klöstern gehabt, und an den ausgereckten Fingern war abzuzählen, dass er mehr denn einmal bei solchem Frevel mitgewirkt.

Unter Zeichen aufrichtiger Reue aber tat er zu wissen, dass er in jüngeren Tagen zu Heilung von schlimmem Wundfieber ein Stück vom Herzen eines erschlagenen Klerikers aufgezehrt200; zur Sühne lernte er jetzt desto emsiger die offene Schuld aussprechen, wenn ein Wort fehlte, half ihm Friderun, und bald konnte Ekkehard erklären, dass er mit ihm zufrieden, wenn auch nicht alles in seinem Gemüt Eingang gefunden, was der Kirchenvater Augustiuns in seinem Buch von Unterweisung der im Glauben Rohen verlangt.

Da ordneten sie einen Tag zu gleichzeitigem Vollzug von Taufe und Hochzeit. Nach der Herzogin Geheiss sollten ihm drei Taufpaten gegeben sein, einer vom Kloster Reichenau, einer von Sankt Gallen und einer vom Heerbann, zum Gedächtnis an die Schlacht, drin sie ihn gefangen. Die Reichenauer sandten Rudimann, den Kellermeister; für den Heerbann trat Herr Spazzo ein. Und weil die Paten sich nicht einigen konnten, welch einen neuen Namen der Täufling führen sollte, ob Pirmin, zu Ehren der Reichenau, oder Gallus, brachten sie es vor die Herzogin zum Austrag, die sprach: "heisst ihn Paulus, denn auch er ist schnaubend von Wut und Mord gegen die Jünger des Herrn ins Land gezogen, bis dass ihm die Schuppen von den Augen fielen."

Es war ein Sonnabend, da führten sie den Cappan, der während des ganzen Tages gefastet, zur Kapelle der Burg und verbrachten abwechselnd die Nacht mit ihm im Gebete. Der Hunn' war ergeben und fromm und trug sich mit ernsten Gedanken und vermeinte, der Geist seiner Mutter sei ihm erschienen in Lämmerfelle gehüllt, und hab ihm zugerufen: "Dein Bogen ist zerbrochen, duck' dich, arm Reiterlein, die dich vom Ross gestochen, soll'n deine Herren sein!"

Zu stiller Sonntagsfrühe aber, als noch perlender Tau die Halme netzte und kaum ein erstes Lerchlein sich zum reinen Morgenhimmel aufschwang, wallte eine kleine Schar mit Kreuz und Fahne den Burgweg hinabdiesmal kein Trauerzug.

Ekkehard voraus im violetten Priestergewand, inmitten seiner Paten der Hunne, so schritten sie durch den üppigen Wieswuchs ans Ufer des Flüssleins Aach. Dort pflanzten sie das Kreuz in weissen Sandboden und traten im Halbkreis um den, der heute zum letztenmal Cappan heissen sollte; hell klang ihre Litanei durch die Morgenstille zu Gott auf, dass er gnädig herabschaue zu dem, der jetzt seinen Nacken vor ihm beuge und sich nach Befreiung sehne vom Joch des Heidentums und der Sünde.

Dann hiessen sie den Täufling sich entkleiden bis auf die Umgürtung der Lenden. Er kniete im Ufersand, Ekkehard sprach die Beschwörung im Namen dessen, den Engel und Erzengel fürchten, vor dem Himmel und Erde erzittern und die Abgründe sich auftun, auf dass der böse Geist die letzte Gewalt über ihn verliere, dann hauchte er ihn dreimal an, reichte geweihtes Salz seinem mund, als Sinnbild neuer Weisheit und neuen Denkens, und salbte ihm Stirn und Brust mit heiligem Öle. Der Täufling war wie erschüttert und wagte kaum zu atmen, so schlug ihm die Wucht der Feier ins Gemüt. Wie ihm darauf Ekkehard die Formel der Abschwörung vorsprach: "Versagst du dem Teufel und allen seinen Werken und allen seinen Gezierden?" antwortete er mit heller stimme: "Ich versag' ihm!" und sprach, so gut er's vermochte, die Worte des Bekenntnisses nach, drauf tauchte ihn Ekkehard in die kühle Flut des Flüssleins, die Taufe war ausgesprochen, der neue Paulus stieg aus dem Gewässer ... einen wehmütigen blick warf er nach dem frischen Grabhügel, der sich drüben am Waldsaum türmte, dann zogen ihn die Taufpaten herauf und hüllten den Zitternden in ein blendend linnen Gewand. Vergnüglich stand er unter seinen neuen Brüdern. Ekkehard hielt eine Ansprache nach den Worten der Schrift: "Der ist selig, welcher sein Gewand treu behütet, damit er nicht nackend gehe201" und mahnte ihn, dass er von nun an das makellose Linnen trage als Gewand der Wiedergeburt in Rechtschaffenheit und Güte, wie es die Taufe ihm verliehen, – und legte ihm die hände auf. Mit schallendem Lobsang führten sie den Neubekehrten zur Burg zurück.

In der gewölbten Fensternische eines Gemachs im Erdgeschoss sass indessen Friderun, die lange. Praxedis huschte auf und ab wie