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s regnete oder die Abendkühle kam, schien ihm das Herdfeuer und die vier Wände nicht zu verachten, ein Trunk Wein besser als Stutenmilch und ein wollenes Wams weicher als ein Wolfspelz. So schwand die sehnsucht des Fliehens; vor Heimweh war er geschützt, weil ihm ein Vaterland fremd.

In Hof und Garten schaltete dazumal eine Maid, die hiess Friderun und war hoch wie ein Gebäu von mehreren Stockwerken, drauf ein spitzes Dach sitzt, denn ihr Haupt hatte die Gestalt einer Birne und glänzte nicht mehr im Schimmer erster Jugend; wenn der breite Mund sich zu Wort oder Gelächter auftat, ragte ein Stockzahn herfür als Markstein gesetzten Alters. Die bösen Zungen raunten sich zu, sie sei einst Herrn Spazzos Freundin gewesen, aber das war schon lange her; seit Jahren war ihre Huld einem Knecht zugewandt, den hatten in den Reihen des Heerbannes die Hunnen erschossenjetzt stand ihr Herz verwaist.

Grosse Menschen sind gutmütig und leiden nicht unter den Verheerungen allzuscharfen Denkens. Da lenkte sie ihre Augen auf den Hunnen, der sich einsam im Schlosshof umtrieb, und ihr Gemüt blieb mitleidig an ihm haften wie der funkelnde Tautropfen am Fliegenschwamm. Sie suchte ihn heranzubilden zu den Künsten, die ihr selber geläufig, und wenn sie im Garten gejätet und gehackt, geschah es, dass sie ihre Hacke dem Cappan übergab; der tat, wie er's von seiner Meisterin gesehen. Auch im Abschneiden von Bohnen und Kräutern folgte er ihrem Beispiel, – und nach wenig Tagen, wenn wasser vom Brunnen beigeschafft werden sollte, brauchte die schlanke Friderun nur auf den hölzernen Kübel zu deuten, so hatte ihn Cappan aufs Haupt gehoben und schritt damit zum plätschernden Brunnen im hof.

Nur in der Küche ward am gelehrigen Schüler keine Freude erlebt, denn wie ihm einsmal ein Stück Wildbret zugewiesen war, dass er's mit hölzernem Schlegel mürb schlage, kamen alte Erinnerungen über ihn und er zehrte ein Stück davon roh auf samt Zwiebeln und Lauch, die zu des Bratens Würze bereit standen.

"Ich glaube', mein Gefangener gefällt dir", rief ihr Herr Spazzo eines Morgens zu, als der Hunn' fleissig mit Holzspalten beschäftigt war. Dunkelrot färbten sich die Wangen der hohen Gestalt. Sie schlug die Augen nieder. – "Wenn der Bursch deutsch reden könnt und kein verdammter Heidenmensch wär' ... " fuhr Herr Spazzo fort.

Die Schlanke schwieg verschämt.

"Ich weiss, dass du ein Glück verdienst, Friderun ...." sprach Herr Spazzo weiter. Da löste sich Frideruns Zunge: "Von wegen des Deutschredens ..." sagte sie mit fortwährend gesenktem blick, "auf die Sprache käm' mir's gar nicht an. Und wenn er ein Heide ist, so braucht er ja keiner zu bleiben. Aber ..."

"Was aber?"

"Er kann nicht sitzen beim Essen wie ein vernünftiger Mensch. Er liegt immer den langen Weg auf dem Boden, wenn's ihm schmecken soll."

"Das wird ihm ein Ehegespons, wie du, sattsam austreiben. Habt ihr euch schon verständigt?"

Friderun schwieg abermals. Plötzlich lief sie davon wie ein gehetztes wild, die Holzschuhe klapperten auf dem Steinpflaster des Hofes. Da ging Herr Spazzo zum holzspaltenden Cappan, schlug ihm auf die Schulter, dass er aufschaute, deutete mit gehobenem Zeigefinger auf die Fliehende, nickte mit dem Haupt fragend und blickte ihn scharf an. Der Hunn' aber fuhr mit dem rechten Arm auf die Brust, neigte sich, tat dann einen mächtigen Satz in die Höhe, dass er sich um sich selber herumdrehte, wie der Erdball um seine Achse, und verzog seinen Mund zu fröhlichem Grinsen.

Da wusste Herr Spazzo, wie es mit beider Gemüt beschaffen war198. Friderun hatte des Hunnen Luftsprung nicht erschaut. Zweifel lasteten noch auf ihrer Seele, darum erging sie sich vor dem Burgtor; sie hatte eine Wiesenblume gepflückt und zupfte die weissen Blumenblättlein, eines nach dem andern: "Er liebt mich, er liebt mich nicht, er liebt mich." Wie sie alle ein Spiel der Winde geworden bis aufs letzte, hörte ihr Gemurmel auf; sie sah den kahlen Blumenrest mit dem einen kleinen weissen Blättlein verklärt an199 und nickte wohlgefällig lächelnd darauf nieder. Spazzo, der Kämmerer, aber trug die Sache seines Gefangenen der Herzogin vor. Geschäftigen Geistes gedachte sie sogleich dessen Schicksal zu gestalten. Der Hunn' hatte im Garten Proben einer löblichen Kunst abgelegt; er wusste dem treulos unterirdischen Wühlen der Maulwürfe Einhalt zu tunmit eingebogenen Weidenruten, dran er eine Schlinge festigte, hatte er manchem der schwarzen Gesellen ein unerwünscht Lebensend' bereitet, aufgestellt baumelten sie im gleichen Augenblick zu Sonnenlicht, Galgen und Tod empor. Auch flocht er aus Draht treffliche Fallen der Mäuse und zeigte sich in allem, was niedere und niederste Jagd angeht, wohlerfahren.

"Wir weisen ihm etliche Huben Landes drüben am Stofflerberge zu", sprach Frau Hadwig. "Als Fronund Felddienst soll er dafür den Krieg gegen alles saatverderbende Getier führen, so weit unser Twing und Bann reicht. Und wenn die lange Friderun Gefallen an ihm hat, mag sie ihn nehmen; es wird schwerlich schon eine andere aus den Jungfrauen unseres Landes ein auge' auf ihn geworfen haben."

Sie gab Ekkehard die Weisung, den Gefangenen vorzubereiten, dass er seines Heidentums ledig in die christliche Gemeinschaft aufgenommen werden möge. Der schüttelte zwar bedenklich das Haupt, aber Frau Hadwig sprach: