1855_von_Scheffel_157_85.txt

. Und sie ging durch lange, lange Wälder, drin wollte es kein Ende nehmen mit Tannen und war das erste lautlose Weben des Frühlings im wald, die ersten Blumen streckten ihre Häupter aus dem Moos herfür, die ersten Käfer flogen leise summend drüber, und ein Harzgeruch, kräftig und anmutend, zog wehend herum, als wär' er ein Weihrauch, den die Tannen der Sonne hinaufschickten zum Dank für alles, was sie zu ihren Füssen lustig hervorgetrieben.

Der Hirtin gefiel's nicht. "Hier ist's zu schön", sprach sie, "hier können die Hunnen nicht sein."

Sie lenkte ihren Schritt vom Gebirg' abwärts und kam auf einen Platz, da war der Wald licht und weite Umschau. Tief unten in der Ferne floss der Rhein gekrümmt gleich einer Schlange, eingeklemmt zwischen doppelter Strömung trug eine Insel viel stattliche Mauern wie von Kirche und Kloster, der Hirtin scharfes auge' sah, dass das Mauerwerk geschwärzt und fleckig war und kein Dach mehr trug. Eine blaue Rauchwolke stand unbeweglich drüber.

"Wie ist's hier geheissen?" fragte sie einen Mann, der aus dem wald kam.

"Schwarzwald!" sagte der Mann.

"Und drüben?"

"Rheinau."

"Die Hunnen sind drüben gewesen?"

"Vorgestern."

"Wo jetzt?"

Der Mann hatte sich auf seinen Stab gestemmt und schaute das Kind scharf an. Er deutete rheinabwärts. "Warum?" fragte er.

"Ich will zu ihnen." – Er hob seinen Stab und ging seines Weges weiter. "Heiliger Fintan, bitte' für uns!" murmelte er im Fortgehen.

Und wiederum schritt Hadumot unverdrossen weiter. Sie hatte von der Höhe erschaut, dass der Rhein in grossem Bogen vorwärts strömte; da ging sie quer über das Gebirg', den Hunnen einen Vorsprung abzugewinnen, und war zwei Tage unterwegs, die Nacht im wald auf Moos gebettet, und schier keinem Menschen begegnet. Aber viel wilde Talschluchten traf sie und rinnend Gewässer und alte Stämme, die der Sturmwind gefällt; am platz, wo sie sonst ihre Wipfel hoch gegen Himmel gereckt, faulten sie und leuchteten grauweiss unheimlich im Dunkel. Sie liess den Mut nicht.

Das Gebirg' ward minder steil und flachte sich zu einer Hochebene ab, da strich oft rauher Luftzug drüber und Schnee lag in den Talmulden: sie ging weiter.

Das letzte Stück Brot war verzehrt, da kam sie auf einen Bergrücken und sah wieder den Rhein in der Ferne. Jetzt wollte sie dem entgegen; aber wie ein Riss im Erdreich tat sich eine enge Kluft diesseits des berges auf, ein Waldstrom schäumte in der Tiefe. Junger Schuss von Stauden und Brombeer und dornigem Gestrüpp hielt den Abhang dicht besetzt; sie bahnte sich einen Weg durch. Es kostete Mühe und Schweiss, die Sonne stand hoch am Himmel, die Dornen rissen am Gewand. Wenn der Fuss unwillig still stehen wollte, sprach sie: "Audifax!" und hob ihn vorwärts.

Jetzt war sie unten, zu Füssen dunkler Felswände. Das Wildwasser hatte sich Bahn durch sie gebrochen und stürzte in klarem Fall drüber weg; die verwitterten Steine glänzten im Wasserduft, rötliches Moos hatte sich dran festgenistet wie eine Vergoldung; die Flut leckte hinauf und brauste wechselnd drüber hin, bis sie wenig Schritte davon in tiefgrün durchsichtigem Becken still hielt und ausruhte, wie ein müder Mann, der sich und seines Lebens Tollheiten klar beschauen will. Üppige Pflanzen mit grossen Blättern spriessten auf; der Wasserschaum funkelte in farbigen Tautropfen drin. Blaugeflügelte Libellen flogen auf und ab, als wären sie die Geister verstorbener Elfen.

Träumerisch hallte das einsame Stürzen des Bachs ins Herz des hungernden Kindes. Mit dem Bach sollte sie weitergehen hinab zum Rhein. Alles war verwachsen, wie wenn nie ein Mensch seinen Fuss hieher getragen ... da lachte ein trocken grünes Plätzlein zu Hadumot herüber, sie legte sich nieder. Es rauschte so kühl und lang', es rauschte sie in Schlummer. Den rechten Arm ausgestreckt, dass das Haupt drauf ruhte, lag sie da, Lächeln auf dem müden Antlitz. Sie träumte. Von wem? – die blauen Wasserjungfern haben nichts verplaudert ...

Ein leichter Wasserguss aus hohler Hand scheuchte sie aus ihrem Traum. Wie sie langsam die Augen aufschlug, stunde ein Mann vor ihr mit langem Bart, in grobzwilchenem TschobenA1, die Füsse nackt bis übers Knie. Angelruten, Netz und ein hölzern Legel, drin blaugetupfte Forellen schwammen, lagen im Grase bei ihm. Er hatte die Schläferin lang' betrachtet. Zweifelhaft, ob sie ein Menschenkind, ging er, wasser zu schöpfen, und weckte sie.

"Wo bin ich?" fragte Hadumot sonder Furcht.

"Am Wieladinger Strahl!" sprach der Fischer. "Das wasser ist die Murg und hat gute Forellen und geht in den Rhein. Wie kommst aber du auf den Wald, Mägdlein? bist vom Himmel heruntergefallen?"

"Ich komm' weiter; bei uns sind die Berge anders und wachsen einzeln und steil aus der Ebene auf und steht ein jeder für sich, – und die Forellen schwimmen im See und sind grösser: Hegau heissen's die Leute."

Der Fischer schüttelte das Haupt. "Das muss weit weg sein", sprach er. "Wohin jetzt?"

"Wo die Hunnen sind", sagte Hadumot und erzählte ihm treuherzig, warum sie ausgezogen und wen sie suche.

Da