ein. Schüchtern stand sie am Eingang, übernächtig und verweint das Antlitz; sie getraute sich nicht zu reden.
"Was hast du, arm Kind?" rief Frau Hadwig. "Komm näher!"
Da ging die Hirtin vorwärts. Sie küsste der Herzogin Hand. Dann ersah sie Ekkehard, dessen geistlich Gewand ihr Scheu einflösste, sie nahte sich auch ihm, seine Hand zu küssen, sie wollte reden, Schluchzen hemmte die stimme.
"Fürcht' dich nicht", sprach die Herzogin tröstend. Da fand sie Worte.
"Ich kann die Gänse nimmer hüten", sprach sie, "ich muss fortgehen. Du sollst mir ein Goldstück schenken, so gross du eines hast. Wenn ich wieder heimkomm' will ich zeitlebens dafür schaffen. Ich kann nichts dafür, dass ich fort muss."
"Warum willst du fort, Kind?" fragte die Herzogin, – "haben sie dir was Leides getan?"
"Er ist nicht mehr heimgekommen."
"Es sind viele nicht mehr heimgekommen; darum musst du nicht fort. Die draussen blieben, sind bei Gott im Himmel und sind in einem schönen lustigen Garten und wohlauf und haben's besser denn wir."
Aber das Hirtenkind schüttelte sein junges Haupt. "Audifax ist nicht bei Gott", sprach's, "er ist bei den Hunnen. Ich hab' nach ihm geschaut drunten im Feld, er war nicht bei den toten Männern, und des Kohlenbrenners Bub' von Hohenstoffeln, der auch mit den Schützen zog, hat's gesehen, wie ihn einer fing ... Ich muss ihn dort holen, es lässt mir keine Ruh' mehr."
"Wo willst du ihn holen?"
"Das weiss ich nicht. Ich will gehen, wo die andern hingeritten sind, die Welt ist gross, am Ende find' ich ihn doch, das weiss ich. Das Goldstück, das du mir schenken sollst, will ich den Hunnen geben und sagen: 'Lasst mir den Audifax frei'; und wenn ich ihn hab', kommen wir beide heim."
Frau Hadwig hatte ihr Wohlgefallen am Ausserordentlichen. "Von diesem Kind mögen wir alle lernen!" sprach sie, hob die scheue Hadumot zu sich empor und küsste sie auf die Stirn. "Mit dir ist Gott, darum sind deine Gedanken gross und kühn und du weisst nicht darum. Wer hat ein Goldstück von euch bei der Hand?"
Der von Randegg nestelte eines herfür. 's war ein grosser Goldtaler, und war der Kaiser Karl daraufgeprägt mit einem grimmen Antlitz und gross offenen Schlitzaugen, und auf der Rückseite war ein gekrönt Frauenbild zu schauen und eine Schrift. "'s ist mein letzter!" sprach der Randegger lachend zu Praxedis. Die Herzogin gab ihn dem Kind: "Zeuch aus im Herrn, es ist eine Fügung."
Es ward ihnen feierlich zumute, und Ekkehard legte seine hände auf Hadumots Haupt wie zum Segen.
"Ich dank' euch!" sprach sie und wollte gehen. Noch einmal wandte sie sich um: "Wenn sie mir aber den Audifax für das eine Goldstück nicht herausgeben?"
"Dann schenk' ich dir ein zweites", sagte die Herzogin.
Da ging das Kind zuversichtlich von dannen.
Und Hadumot zog in die unbekannte Welt hinaus, das Goldstück ins Mieder eingenäht, die Hirtentasche mit Brot gefüllt; – den Stab hatte ihr Audifax einst aus, dunkelgrüner Stechpalme geschnitzt. Ob Weg und Steg ihr unbekannt, ob Speise und Obdach zweifelhaft, darum hatte sie nicht Zeit sich zu kümmern. Die Hunnen sind gegen Sonnenuntergang gezogen und haben ihn mitgenommen, das war ihr einzig Denken, der Lauf des Rheins und der Sonne Untergang ihr Wegweiser, Audifax ihr Ziel.
Mählich ward ihr die Gegend fremd. Ferner und schmäler glänzte der Bodensee vor ihrem blick, neue Bergrücken schoben sich vor und verdeckten ihr die gewohnten stolzen Formen des heimatlichen Felsens: da schaute sie etliche Male zurück. Noch einmal luegte die Kuppe des hohen Twiel mit Turm und Mauer und Zinnen zu ihr herüber, von blauem Duft umzogen, dann schwand sie.
Ein unbekanntes Tal tat sich auf, weite schwarze Tannwälder zogen sich drüber hin, niedere Hütten mit tief herabhangenden Strohdächern lagen versteckt im Waldesdunkel – unverzagt ging Hadumot weiter und winkte den Hegauer Bergen den letzten Gruss zu.
Wie die Sonne jenseits der Wälder zur Ruhe gegangen war, hielt sie eine Weile: "Jetzt läuten sie zu haus den Abendsegen", sprach sie, "ich will beten." Und sie kniete in der Bergeinsamkeit und betete, erst für Audifax, dann für die Herzogin, dann für sich – und alles war still ringsum. Sie hörte nur ihr eigen pochend Herz.
"Wie wird's meinen Gänsen ergehen?" dachte sie beim Aufstehen; "jetzt ist die Stunde, sie einzutreiben." Dann trat wieder Audifax vor ihre Seele, an dessen Seite sie so oft von der Weide zu Berg gefahren, und sie ging schneller.
In den Meierhöfen im Tal rührte sich niemand. Nur vor einer Strohdachhütte sass ein altes Weib. "Du sollst mich heute nacht bei dir behalten, Grossmutter", sprach Hadumot zutraulich. Die gab ihr keine Antwort, doch ein Zeichen, dass sie bleiben könne. Sie war taub und alleine zurückgeblieben, die Männer fort ins höhere Gebirg', der Hunnen wegen.
Aber vor Tagesgrauen war Hadumot wieder unterwegs