1855_von_Scheffel_157_82.txt

empfangen. Für die Erschlagenen geistlichen Standes war die Klosterkirche auf Reichenau zum Ruheplatz bestimmt.

Zur selben Stunde, in der gestrigen tages der Kampf begonnen, stieg ein düsterer Zug vom hohen Twiel hernieder. Es waren die Männer, so die Schlacht geschlagen. In derselben Ordnung rückten sie an, aber ihr Schritt war langsam und ihre Banner trauerfarben. Auf den Zinnen der Burg war die schwarze Fahne aufgezogen. Auch die Herzogin ritt mit hernieder, streng und ernst kleidete sie der dunkle Mantel. Die toten Mönche trugen sie auf Bahren herzu und stellten sie zu seiten des grossen Grabes ab, auf dass auch sie teilnähmen an der letzten Ehre der Kampfgenossen. Wie die Litanei verklungen, trat der Abt Wazmann ans offene Grab, er rief den sechsundneunzig, die blass und still drin geschichtet lagen, den letzten Gruss und Dank der Überlebenden hinab: "Ihr Gedächtnis sei gesegnet und ihr Gebein grüne an seinem Ort! Ihr Name bleibe in Ewigkeit und die Ehre der heiligen Männer komme auf ihre Kinder!" so sprach er mit den Worten des Predigers, dann tat er den ersten Erdwurf hinunter, die Herzogin nach ihm, dann die andern der Reihe nach. Drauf feierliche Stille. Vom Grab der Brüder hinweg wollten die, so gestern vereint gestritten, auseinandergehen; manch hartes Antlitz ward gerührt, Kuss und Handschlag gewechselt, dann zogen zuerst die von der reichen Au nach ihrem Kloster. Die Bahren ihrer Toten wurden mit ihnen getragen, Brüder mit brennenden Kerzen schritten psalmsingend zur Seite, auch des Alten aus der Heidenhöhle kampfmüden Leichnam führten sie mit sich, gesenkten Hauptes ging das Streitross des ungekannten Kriegsmannes, mit schwarzem Tuch umhangen, im Zuges war ein düstrer Anblick, wie das Totengeleite mählich ins Waldesdunkel einbog.

Dann nahmen die vom Heerbann Abschied von der Herzogin. Der dürre Fridinger, den Arm in der Binde, führte eine Schar landabwärts, nur der von Randegg mit etlichen Leuten sollte als Besatzung des hohen Twiel zurückbleiben.

Bewegt schaute Frau Hadwig den Abziehenden nach. Dann ritt sie langsam übers Schlachtfeld. Sie war gestern auf dem Turm der Burg gestanden und gespannten Auges dem Toben des Kampfes gefolgt. Jetzt musste ihr Herr Spazzo noch vieles erklären. Dem kam's auf etliche Übertreibungen nicht an, aber sie war's zufrieden. Mit Ekkehard sprach sie nicht.

... Wie auch sie heimgeritten, war's wieder still und öde auf dem Plan, als wär' nichts geschehen. Nur hufzerstampftes Gras, feucht rötliche Erde und die zwei grossen Gräber gaben Zeugnis von der Ernte, die der Tod hier gehalten. Hat nicht lange gedauert, so ist das Blut aufgetrocknet und das Gras neu gewachsen, über die Hügel der Toten hat sich Moos gesponnen und Gestrüpp, Vögel und Wind haben Samenkorn hingetragen und Busch und Bäume sind üppig aufgespriesstwo Tote so liegen, gedeiht der Pflanzen Wuchs. – Aber unverwischt lebt die Kunde von der Hunnenschlacht in den nachgeborenen Geschlechtern189, den "Heidenbuck" heisst der Mann im Hegau den Hügel, den der Felsblock als Grabplatte deckt, und in der Nacht vom Karfreitag geht keiner dort durchs Tal. Da gehört Erde und Luft den Toten; sie steigen aus dem alten Grab, hier schwärmen die kleinen Rosse wieder, dort rücken im Keil die Streiter zu Fuss an, und der Harnisch blitzt unter verwittertem Mönchsgewand, Waffengelärm und wilder Kampfruf weht durch den Sturm, tosend schwingt sich die Geisterschlacht durch die Lüfte; da kommt plötzlich von der Insel im See einer dreingesaust im güldenen Harnisch auf schwarzem Ross, der jagt sie hinunter in kühle Ruhenoch will sich der Hunnenführer gegen ihn wehren und schwingt zürnend sein krummes Schwert, da fährt ihm der Streitammer aufs Haupt, auch er muss hinab ... und alles ist still wie zuvor, nur der Birke junges Laub zittert im Winde ...

Ostersonntag ging trüb und ernst vorbei. Des Abends sah Frau Hadwig im Saal mit Ekkehard, Herrn Spazzo, dem Kämmerer, und dem von Randegg. Es ist zu denken, was sie sprachen. Die grosse geschichte der letzten Tage klang in aller Reden wider gleich dem Schall am Lurleifelsen: hat er an der einen Wand ausgehallt, so hebt sich ein dumpfes Rollen an der benachbarten, und in ferner Schlucht wiederholt sich's und will nirgend ein Ende nehmen.

Der Abt von der Reichenau hatte einen Boten geschickt, zu vermelden, wie sie das Kloster in mässiger Verwüstung, doch vom Feuer unzerstört, angetroffen, mit geweihtem wasser und Umtragung der heiligen Gebeine die hunnischen Spuren getilgt, die Beisetzung ihrer Toten abgehalten.

"Und der zurückgebliebene Bruder?" fragte die Herzogin.

"An dem hat Gott der Herr erwiesen, dass seine Allmacht inmitten von Krieg und Feindesschwert auch einfältiger Gemüter nicht vergisst. An der Schwelle stand er bei unserer Rückkunft, als wär' ihm nichts begegnet. 'Wie haben dir die Hunnen gefallen?' rief ihm einer zu. Da sprach er mit dem wohlbekannten Lächeln: 'Eia, sehr gut haben sie mir gefallen. Niemals hab' ich vergnügtere Leute gesehen, und Speise und Trank messen sie ganz menschenfreundlich zuder Pater Kellermeister hat zeitlebens meinen Durst Durst sein lassen, die gaben mir Wein die Hülle und Fülleund wenn sie mich auch mit Faustschlag und Backenstreich geschädigt, so haben sie's mit dem Wein wieder gutgemachtund das tät' keiner von euch. Nur die Disziplin fehlt ihnen, und sich still verhalten in der Kirche haben sie