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Toten vom Ross. Sein Visier war gelüftet, ein freudig Lächeln schwebte um das runzelgefurchte mächtige greise Haupt ... von dieser Stunde hatte des Alten aus der Heidenhöhle Kopfweh ein ende'. Er hatte in ehrlichem Reiterstod die Schuld vergangener zeiten gesühnt, das schuf ihm ein fröhlich Sterben.

Ein schwarzer Hund lief suchend über die Walstatt, bis er des Alten Leichnam gefunden, und leckte ihm wehmütig heulend die Stirn, und Ekkehard stand dabei, die Träne im auge', und sprach das Gebet um's Heil seiner Seele ...

Mit Tannenreis am Helm zogen die Sieger auf ihre Bergfeste zurück. Der Mönche zwölf liessen sie unten im Tal, Totenwache auf der Walstatt zu halten; und waren im Streit gefallen der Hunnen einhundertundachtzig, des schwäbischen Heerbanns sechsundneunzig, derer von der Reichenau achtzehn, derer von Sankt Gallen zwanzig, der Alte und Rauching, sein Dienstmann.

Mit verbundener Wange schritt Moengal übers Feld, auf seine Keule wie auf einen Wanderstab sich stützend. Er beschaute die Erschlagenen. "Hast du keinen Hunnen drunter getroffen, der eigentlich eine Hunnin ist?" fragte er einen der wachehaltenden Brüder.

"Nein!" war der Bescheid.

"Dann kann ich heimgehen!" sprach Moengal.

Fussnoten

A1 Auf der Sporaheninsel Patmos soll Johannes seine "Offenbarung" geschrieben haben. A2 Römische Kriegsschriftsteller des 1. und 5. Jahrhunderts. – A3 Das aus den erfahrensten Soldaten bestehende dritte Treffen. A4 Leos VI., des Weisen, Kaisers von Byzanz 886–911.

Fünfzehntes Kapitel.

Hadumot.

Die Nacht ging zu Ende. Lang und bang war sie für die gewesen, denen der Walstatt Hut anvertraut worden. Unheimlich Grauen lag über Erde und Menschen. "Der Herr sei ihrer Seele gnädig!" so tönte leiser Ruf des Wächters durch die Stille des Gefildes. "Und erlöse sie von des Fegfeuers Pein, Amen!" antwortete es vom Waldessaum, wo die gefährten ums Wachfeuer kauerten. Schwere Schatten der Nacht deckten die Erschlagenen, als wolle der Himmel mitleidig verhüllen, was der Menschen hände da unten geschafft. Dann jagten die Wolken von dannen, als wären sie selber von Grauen getrieben über den Anblick unter ihnenandere folgten, auch sie zogen fort, Gestalt und Formen wechselnd, verlierend, in neue übergehend ... Alles ist unstet, nur im Tod ewige eherne Ruhe. Die auf dem Blachfeld lagen still, Freund und Feind, wie das Wogen des Streits sie gebettet.

Eine Gestalt sah der Wächter über die Walstatt huschen, wie die eines Kindes. Sie beugte sich nieder und ging weiter und beugte sich abermals und wandelte auf und ab, aber es grauste ihm, sie anzurufen. Er stand wie gebannt. Es wird der Engel sein, der die Stirn der Toten zeichnet mit dem Buchstaben, auf dass man sie erkenne, wann der Geist dereinst ihr Gebein anbläst, dass sie wieder leben und auf den Füssen stehen und ein Heer sind wie ehedem; so dachte er nach dem Bild des Propheten, bekreuzte sich und schwieg. Die Gestalt verschwand aus seinen Augen.

Der Morgen graute, da kamen viel Männer vom Heerbann, die Mönche abzulösen. Die Herzogin sandte sie. Herr Simon Bardo war zwar nicht einverstanden. "Sieg ist nur halber Sieg, so er nicht benutzt wird, wir müssen den Fliehenden nachrücken, bis der Letzte von ihnen getilgt ist", hatte er gesagt. Aber die Mönche drangen auf Rückkehr, der Ostertage wegen, und die andern sprachen: "Bis wir die mit ihren schnellen Rossen einholen, mögen wir weit ziehen, sie sind gekommen, wir haben sie gehauen, kommen sie wieder, sind neue Hiebe vorrätigdie Arbeit von gestern ist ihrer Ruhe wert." Da ward beschlossen, die Toten zu begraben vor Anbruch des Osterfestes.

Die Männer trugen Karst und Spaten und schaufelten zwei grosse Gräber. Es war eine verlassene Kiesgrube seitwärts im Feld, die weiteten sie aus zu geräumigem Ruheplatz. Dortin trugen sie der Hunnen Leichname. Waffen und Rüstung wurden abgetan und gesammelt, viel Traglasten von Beutestücken. Und sie warfen die Toten in die Grube, sonder Rücksicht, wie sie gebracht wurdenes war ein wild verschlungener Knäuel von Gliedmassen, Ross und Menschen durcheinander verstrickt, ein Gewühl wie beim Höllensturz der abtrünnigen Engel. Die Tiefe füllte sich. Einer der Schaufelnden kam und brachte ein einzeln Haupt; grimmig schaute es drein, mit so zerspellter Stirn. "Es wird auch zu den Heiden gehören und mag seinen Rumpf suchen!" rief er und schleuderte es zu den Leichen.

Wie das ganze Feld abgesucht und kein hunnischer Mann mehr zu finden war, scharrten sie die Grube zu; es war ein Begräbnis ohne Sang und Klangnur etliche Flüche tönten als Nachruf hinab und Raben und Raubvögel krächzten heiser drein; die in den Felsspalten des hohen Krähen nisteten, waren herübergeflogen, und die im Tannwald horsteten, auch Moengals Habicht war dabei, sie wollten Einsprache erheben, dass die Beerdigung sie verkürze. Dumpf dröhnten die Erdschollen und Kieselgesteine in das weite Grab. Dann kam der Diakon von Singen mit dem Kessel geweihten Wassers, den Geviertraum schritt er auf und nieder und besprengte ihn zur Bannung der Dämonen und Niederhaltung der fremden Toten in der fremden Erde.

Ein verwittert Felsstück war vorzeiten vom Hohentwieler Berg abgelöst zu Tal gestürzt, das wälzten sie aufs Hunnengrab, dann wandten sie sich schauernd von der Stätte und richteten das zweite Grab. Das sollte die gebliebenen Söhne des Landes