1855_von_Scheffel_157_80.txt

reiche Ernte. Des Klosters Mauern glänzten fern aus dem See herüber zu den Streitern, wie eine Mahnung zu wuchtigem Dreinschlag, und der Hunnen mancher, der in Schwertes Bereich kam, merkte, dass er auf schwäbischem Boden stunde, wo der Streiche gediegenste wild wachsen wie die Erdbeeren im Wald. Doch auch in der Brüder Reihen ward's lichter: da ruhte Quirinus, der Schreiber, für immer vom Schreibkrampf, der die Lanze in seiner Rechten zittern gemacht, da sank Wiprecht, der Sternkundige, und Kerimold, der Meister im Forellenfang, und Wittigowo, der Bauverständigewer kennt sie alle, die Namenlosen, die freudigen Todes starben?

Nur einem gedieh ein hunnischer Pfeil zum Heile; das war der Bruder Pilgeram. Zu Köln am Rhein war er geboren und hatte seinen Wissensdurst und einen mächtigen Kropf auf Pirmins Eiland getragen, der frömmsten und gelahrtesten Mönche einer, doch wuchs sein Kropf, und über Aristoteles' "Etik" war er tiefsinnig geworden, dass Heribald oft mitleidig zu ihm gesagt: "Pilgeram, du dauerst mich!" Jetzt durchschnitt ihm ein Pfeil des Halses Überhang: "Fahr' wohl, Freund meiner Jugend!" rief er und sank. Doch war's keine schwere Wunde, und wie er wieder erwachte, war's leicht am Hals und leicht im Kopf, und seinen Aristoteles schlug er zeitlebens nimmer auf.

Am das sankt-gallische Feldzeichen war ein erlesen Häuflein geschart. Noch flatterten die schwarzen Wimpel vom Bild des Gekreuzigten, aber der Kampf war hart. Mit Wort und Tat feuerte Ekkehard die Genossen an, Widerpart zu halten; es war Ellak selber, der gegen sie anritt. Leichen erschlagener Männer und Rosse lagen in wildem Durcheinander; wer überlebte, hatte seine Schuldigkeit getan, und wo alle brav, ragt keine Einzeltat, besonderen Ruhm erheischend aus dem Geschehenen herfür. Herrn Burkhards Schwert hatte in Ekkehards Händen neue Bluttaufe errungen, doch vergeblich war er auf Ellak, den Heerführer, eingedrungen, nur wenig Hiebe wechselten sie, da trennte das Wogen der Schlacht die Streitenden. Schon wankte das hochgehaltene Kreuz, von unablässigen Geschossen umschwirrtda ging durch die Reihen ein Schrei des Staunens: vom Hügel, der den Turm von Hohenfridingen trägt, kamen zwei Reiter gesprengt, fremd an Gestalt und Rüstung. Schwerfällig und mächtigen Umfangs sass der eine zu Ross, von veralteter Form war Schild und Harnisch, doch verblichene Vergüldung zeigte den vornehmen Kriegsmann. Ein goldner Reif schlang sich um den Helm, vom roten Busch umwallt. Der Mantel flog im Wind; den Speer eingelegt, ritt er einher, ein Bild aus alten zeiten, wie der König Saul in Folkards Psalmenbuch, da er ausreitet wider David188. Sorgsam ihm zur Seite ritt der andere, zu Schirm und Deckung bereit als getreuer Dienstmann.

"Der Erzengel Michael!" rief's in der christlichen Heerschar, und sie fassten zu neuer Kraft sich zusammen. Die Sonne leuchtete auf des fremden Reitersmannes Gewaffen wie Verheissung des Siegsjetzt waren die zwei im Getümmel, als wollte der Goldgerüstete einen Gegner suchen. Der blieb ihm nicht aus. Wie ihn des Hunnenführers scharfes Auge erschaut, war auch schon sein Ross ihm entgegengewandt, des fremden Rittersmannes Speer fuhr an ihm vorüber, schon hub Ellak das Schwert zu tödlichem Hieb. Doch der Dienstmann warf sich dazwischen, sein breites Schlachtschwert erreichte nur des Hunnen Ross, da beugte er sein Haupt vor und fing den Schlag, der dem Gebieter galt; in den Hals getroffen ging der treue Schildknappe in Tod.

In klirrendem Fall rasselte Ellaks Pferd zu Boden, doch eh' der Schall verhallt war, stunde der Hunne wieder aufrecht, der unbekannte Kämpe schwang den Streitkolben, ihn zu zerschmettern, Ellak, den linken Fuss auf den erschlagenen Renner gestemmt, presste ihm mit nerviger Faust den Arm zurück und strebte ihn vom Saul zu reissen: Mann an Mann hub sich ein Ringen der beiden Gewaltigen, dass die Kämpfer ringsum, die Schlachtarbeit einstellend, hinüberschauten.

Jetzt hatte Ellak in listiger Wendung das kurze Halbschwert gegriffen, das ihm nach hunnischem Brauch zur Rechten hing, aber wie er zu neuem Stoss ausholte, senkte sich schwer und langsam seines Gegners Streitkolben auf sein Hauptnoch führte die Faust des Getroffenen den Stoss, dann fuhr sie zur Stirn, Blut überströmte sie, auf sein Streitross taumelte der Hunnenführer nieder und verhauchte unwillig sein Leben.

"Hie Schwert des Herrn und Sankt Michael!" scholl's brausend jetzt von Mönch und Heerbannleuten, zu letztem verzweifeltem Angriff drangen sie vor, noch war der Goldgerüstete der vorderste im Treffen. Des Anführers Fall schuf den Hunnen panischen Schreck, rückwärts wandten sie sich, rückwärts in toller Flucht.

Schon hatte die Waldfrau des Feldstreits Ausgang erspäht, die Rosse standen geschirrt, sie warf einen zornmütigen blick auf die anrückenden Mönche und ihren heimatlichen Fels, und scharfen Trabes fuhr sie dem Rheine zu, der Tross ihr nachzum Rhein! war die Losung der fliehenden Reiter; zuletzt und ungern kehrte Hornebog mit den Seinen der Schlacht und dem hohen Twiel den rücken. "Auf Wiedersehen übers Jahr!" rief er höhnend zu den Reichenauer Männern.

Der Sieg war errungen. Doch der, den sie als Erzengel wähnten, vom Himmel niedergestiegen aufs hegauische Blachfeld, neigte sein schweres Haupt auf des Streitrosses rücken, Zügel und Kolben entsanken den Händen, war's des Hunnen letzter Stoss, war's Erstickung in Hitze des Kampfessie huben ihn als einen