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, da stand es als Bild vor seiner Seele, wie zu unserem Leben jeden Augenblickes des Todes Abgrund aufgähnt, und er dichtete das Lied. Jetzt galt's als Zaubersang, Schirm eigenen Lebens, Untergang dem Feinde. Dumpf klang's von den anrückenden Männern in die Hunnenschlacht:

"Ach, unser Leben ist nur ein halbes Leben!

Des Todes Boten ständig uns umschweben.

Wen mögen wir als Helfer uns erflehen,

Als dich, o Herr! den Richter der Vergehen?

Heiliger Gott!"

und vom andern Flügel sangen die Reichenauer Mönche entgegen:

"Dein harrten unsre Väter schon mit Sehnen,

Und du erlöstest sie von ihren Tränen,

Zu dir hinauf erging ihr Schreien und Rufen,

Du warfst sie nicht von deines Trones Stufen

Starker Sott!"

und von rechts und links klang's zusammenschon tönte Schwertieb und dumpfer Fall Getroffener dazwischen:

"Verlass uns nicht, wenn Unkraft uns befallen,

Wenn unser Mut entfleucht, sei Stab uns allen:

O gib uns nicht dem bittern Tod zum Raube,

Barmherz'ger Gott, du unser Hort und Glaube!

Heiliger Gott, heiliger starker Gott!

Heiliger barmherziger Gott, erbarme dich

unser186!"

So standen sie im Handgemeng'. Staunig hatten die Hunnen die herannahenden dunkeln Scharen erschaut, Geheul und der zischende teuflische Ruf: "Hui! hui187!" war ihre Antwort auf die "Media vita", auch Ellak teilte seine Reiter zum Angriff und ringsum tobte der Kampf. Drein gespornte Rosse durchbrachen das schwache Häuflein derer von Sankt Gallen, grimmes einzelnes Streiten begann, es rang die Kraft mit der Schnelle, germanische Ungelenkheit mit hunnischer List.

Da trank die Hegauer Erde manch frommen Mannes Blut. Tutilo, der Starke, lag erschlagen, er hatte eines Hunnen Ross unterlaufen, den Reiter an den Füssen heruntergerissen und schwang den Krummgesichtigen durch die Lüfte, ihm das Haupt an einem Feldstein zerschmetterndaber ein Pfeil flog dem greisen Künstler durch die Schläfe, wie Siegsgesang himmlischer Heerscharen ertönte es durchs wunde Gehirn, dann sank er auf den erschlagenen Feind. Sindolt, der Böse, sühnte mit der Wunde auf der Brust manch schlimme Tücke, die er sonst an den gefährten geübt; nichts frommte es dem Schotten Dubslan, dass er sich dem heiligen Minwaldius vergelübdet, barfuss gegen Rom zu wallfahren, wenn er ihn heute beschützedurchschossen trugen sie ihn aus dem Getümmel. Hagelschlag auf lockres Schieferdach, da zog Moengal, der Alte, die Kapuze übers Haupt, dass er nicht zur Rechten schaue und nicht zur Linken, sein Speer war verworfen: "heraus jetzt, alte Cambutta!" rief er ingrimmig und schnallte die Keule los, die über den rücken gefestigt ihn begleitet, und stand im Gewühl wie ein Drescher in der Tenne. Lang' schon war ein Reiter um ihn geschwärmt, "Kyrie eleison!" sang der Alte und schlug des Rosses Schädel entzwei, mit gleichen Füssen sprang der Reiter zur Erde, ein leichter Hieb von krummem Säbel streifte Moengals Arm. "Hoiho!" schrie er auf, "im Lenzmonat ist gut Aderlassen, sieh dich für, Ärztlein!" und er tat einen Keulenschlag, als wollt' er seinen Gegner klaftertief in die Erde hineinschlagen. Der Hunnenkämpe bog dem Hieb aus, da fiel der Helmein rotbackig Gesicht schaute zu dem Keulenschwinger hinüber, wallendes Hauptaar quoll drüber vor, von rotem Band durchflochten; eh' er einen zweiten Hieb führte, sprang's an Moengal hinauf wie eine Tigerkatze, das junge Gesichtlein hob sich vor dem seinen, als sollt' ihm in alten Tagen noch eines Kusses gelegenheit beschert seinda fuhr ein Biss in seine Wange, scharf und gut, er umfasste den Angreiferdas war wie weibliche Hüften. "Weiche von mir, Unhold", rief er, "hat die Hölle auch Teufelinnen ausgespien?" da sass ein zweiter Biss auf der linken Wange, gestörtes Gleichmass herzustellen. Er fuhr zurück, sie lachte ihn an, ein ledig Ross sprang vorübereh' Moengal, der Alte, die Keule wiederum gehoben, sass Erica im Sattel und ritt davon wie ein Traum der Nacht, wenn der Hahn kräht ...

Beim Heerbann im Mitteltreffen focht Herr Spazzo, der Kämmerer, als Führer einer Rotte. Das langsame Vorrücken hatte ihm behagt, wie der Kampf aber gar kein Ende nehmen wollt' und alles ineinand verbissen war, wie Meute und Edelwild auf der Hetzjagd, da ward's ihm schier zu viel. Eine idyllische Stimmung kam über ihn mitten unter Tod und Todesnot. Erst wie ihm einer im Vorbeireiten den Helm als Beutestück abriss, ward er aufgerüttelt aus seiner Betrachtung, und wie derselbe, den Versuch erneuernd, ihm auch noch den Mantel wegzerren wollte, rief er unwillig: "Ist's noch nicht genug, du Scharfschütz des Teufels?" und tat einen Stich nach ihm, dass des Hunnen Schenkel von der langen Schwertklinge an sein Ross angeheftet ward. Jetzt gedachte er, ihm den Todesstoss zu geben, doch wie er sein Antlitz schaute, war es also hässlich, dass er beschloss, ihn als lebendige Erinnerung des Tages seiner Gebieterin mitzubringen. Da machte er den wunden Mann zum Gefangenen; er hiess Cappan und schmiegte seinen Hals unter Herrn Spazzos Arm, als Zeichen der Unterwerfung, und grinste mit den weissen Zähnen, wie ihm sein Leben geschenkt ward.

Gegen die Brüder der Reichenau führte Hornebog seinen Schwarm. Dort hielt der Tod