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Der weiche Zug war vom Antlitz entflogen, die alte Strenge lagerte wieder auf der Stirn, als wolle sie antworten: "Wenn Ihr's nicht wisst, ich werde's Euch nicht verkünden" – aber sie schwieg.

Noch hielt Ekkehard ihre Rechte gefasst. Sie zog sie zurück.

"Seid fromm und tapfer!" sprach sie, aus dem Gemache schreitend. Es klang wie Hohn ...

Kaum länger als einer braucht, um das Vaterunser zu beten, war die Herzogin bei Ekkehard gewesen, aber es war mehr geschehen, als er ahnen mochte.

Er schritt wieder in der Turmstube auf und ab; "Du sollst dich selbst verleugnen und dem Herrn nachfolgen": so war's in Benedikts Regel in der Zahl der guten Werke mit aufgezählter wollte schier stolz sein auf den Sieg, den er über sich errungen, aber Frau Hadwig war gekränkt die Stufen der Wendeltreppe hinabgestiegen, und wo ein hochfahrend Gemüt sich verschmäht glaubt, da sind böse Tage im Anzug.

Es war die siebente Stunde des Morgens, da hielten sie im Hof von Hohentwiel den Gottesdienst vor dem Auszug. Unter der Linde war der Altar aufgeschlagen, die geflüchteten Heiligtümer standen drauf zum Trost der Gläubigen. Der Hof erfüllte sich mit Gewaffneten, Mann an Mann standen die Rotten der Streiter, wie Simon Bardo sie abgeteilt. Wie dumpf Gewitterrollen tönte der Gesang der Mönche zum Eingang. Der Abt der Reichenau, so das schwarze Pallium mit weissem Kreuz übergeworfen, zelebrierte das Hochamt.

Hernach trat Ekkehard auf die Stufen des Altars; bewegt gleitete sein Auge über die Häupter der Versammelten, noch einmal zog's ihm durch die Erinnerung, wie er vor kurzer Frist im einsamen Gemach der Herzogin gegenübergestanden, dann las er das Evangelium vom Leiden und Tod des Erlösers. Mählich ward seine stimme klar und hell, er küsste das Buch und gab's dem Diakon, dass er's zurücklege auf dass seidene Kissen; sein blick flog gegen Himmeldann hub er die Predigt an.

Lautlos horchte die Menge.

"Schier tausend Jahre sind vorüber", rief er, "seit der Sohn Gottes sein Haupt am Kreuzesstamm neigte und sprach: 'Es ist vollbracht!' Aber wir haben der Erlösung keine Stätte bereitet in unsern Gemütern, in Sünden sind wir gewandelt und die Ärgernisse, die wir gaben in unserer Herzenshärtigkeit, haben gegen Himmel geschrieen.

Darum ist eine Zeit der Trübsal emporgewachsen, blanke Schwerter blitzen wider uns, heidnische Ungeheuer sind in christliches Land eingefallen.

Aber statt zürnend zu fragen: 'Wie gross ist des Herren Langmut, dass er solchen Scheusalen die liebreizende Heimaterde preisgibt?' – klopfe ein jeglicher an die Brust und spreche: 'Um unserer Verderbnis willen sind sie gesendet.' Und wollet ihr von ihnen erlöset sein, so gedenket an des Heilands tapfern Tod. Fasset den Griff eurer Schwerter, so wie er einst das Kreuz fasste und hinaustrug zur Schädelstätte, schauet auf und suchet auch ihr euer Golgata!! ..."

Er deutete nach den Ufern des Sees hinüber. Dann strömte seine Rede in Worten des Trosts und der Verheissung, stark wie der Schrei des Löwen im Gebirge:

"Die zeiten erfüllen sich, von denen geschrieben steht: Und wenn die tausend Jahre zu Ende gehen, wird Satan aus seinem Kerker losgelassen werden und ausgehn, zu verführen die Völker in den äussersten Gegenden der Erdeden Gog und den Magog, und sie zum Streite versammeln. Ihre Zahl ist wie des Meeres Sand; sie ziehen über die weite Erde daher, umringen das Lager der Streiter Gottes und die geliebte Stadt. Aber Feuer fährt aus dem Himmel nieder und verzehrt sie, und der Teufel, ihr Verführer, wird in den Schwefelsee geworfen, wo auch das Tier und der Lügenprophet ist, und sie werden gequält werden Tag und Nacht bis in die ewige Ewigkeit181.

Und was der Seher auf PatmosA1 ahnend geoffenbart, das ist uns Bürgschaft und Gewähr des Sieges, so wir sündegeläutert ausziehen zum Kampf. Lasset sie anstürmen auf ihren schnellen Rossen, was verficht's? Zu Söhnen der Hölle hat sie der Herr gestempelt, darum ist ihr Antlitz nur die Fratze von eines Menschen Antlitz, die Ernte unserer Felder können sie niedertreten und die Altäre unserer Kirchen schänden, aber den Arm gottesmutiger Männer können sie nicht bestehen.

Seid eingedenk also, dass wir Schwaben allezeit vorfechten182 müssen, wo um des Reiches Not gestritten wird; wenn es in andern zeiten ein Greuel vor dem Herrn wäre, an seinem Feiertag den Harnisch umzuschnallen, – heute segnet er unsere Waffen und sendet seine Heiligen zum Beistand und streitet selber mit uns, er, der Herr der Heerscharen, der den Blitz vom Himmel schmetternd niederfahren heisst und die klaffenden Abgründe der Tiefe auftut, wenn die Stunde der Erfüllung gekommen."

Mit erlesenen Beispielen ruhmreicher Kämpfe feuerte dann Ekkehard seine Zuhörer an, und manche Faust presste den Speer und mancher Fuss hob sich ungeduldig zum Abzug, wie er von Josuas Heerzug sprach, der unter des Herren Schirm einunddreissig Könige schlug in der Landmark jenseits des Jordan, – und von Gideon, der beim Schall der Posaunen ins Lager der Midianiter brach und sie jagte bis Betseba und Tebbatund vom Ausfall der Männer von Betulia, die nach Judits ruhmreicher Tat die Assyrer schlugen mit der Schärfe des Schwerts.

Zum Schluss aber rief er, was Judas, der Makkabäer, zu seinem Volk gerufen, da sie bei Emaus ihr Lager schlugen