1855_von_Scheffel_157_75.txt

mit des Winters Gewalten. Die Männer hatten sich vom Lager erhoben und rüsteten zu des ernsten Tages Arbeit.

In seiner Turmstube ging Ekkehard schweigsam auf und nieder, die hände zum Gebet gefaltet. Ein ehrenvoller Auftrag war ihm geworden. Er sollte zum versammelten Kriegsvolke die Predigt halten, bevor man auszöge zum Streit: da betete er um Stärke und mutigen Flug der Gedanken, dass sein Wort werde zum glühenden Funken, der in aller Herz die Flamme der Streitlust entfache.

Plötzlich tat sich die tür seines Gemaches auf. Herein trat die Herzogin ohne Praxedis' Begleitung; einen faltigen Mantel hatte sie über das Morgengewand umgeworfen als Schutz gegen die Kühle der Frühstunde, vielleicht auch, dass sie den fremden Gästen unerkannt sein wollte, wie sie zum Turme schritt. Ein leicht Erröten überflog sie, wie sie allein ihrem jungen Lehrer gegenüberstand.

"Ihr zieht heute mit in den Kampf?" fragte sie.

"Ich ziehe mit", sprach Ekkehard.

"Ich würde' Euch verachten, müsst' ich eine andere Antwort hören", sprach die hohe Frau, – "und Ihr habt wohl vorausgesehen, dass es nicht notwendig, Urlaub von mir zu solchem gang zu erbitten. Auch ans Abschiednehmen denkt Ihr nicht?" fuhr sie mit leis vorwurfsvollem Ton fort.

Ekkehard stand verlegen. "Es ziehen fürnehmere und bessere Männer heute aus Eurer Burg", sagte er; "die Äbte und die edlen werden um Euch sein, wie konnte' ich an besonderen Abschied denken, auch wenn es ..." seine stimme stockte.

Die Herzogin schaute ihn an. Beide schwiegen.

"Ich bring' Euch etwas, das Euch im Kampfe dienlich sein soll", sprach sie nach einer Weile. Sie trug unter ihrem Mantel ein kostbar Schwert in reichem Wehrgehäng, ein milchweisser Achatstein erglänzte am Griff. "Es ist das Schwert Herrn Burkhards, meines seligen Gemahls. Von allen Waffenstücken hielt er das am höchsten. Mit der Klinge lassen sich Felsen spalten, sie splittert nicht, hat er oft gesagt. Ihr sollt ihm Ehre machen!"

Sie reichte ihm die Waffe dar. Ekkehard nahm sie schweigend hin. Schon trug er den Harnisch unter der Kutte, jetzt schnallte er das Wehrgehäng um und fuhr mit der Rechten nach dem Schwertgriff, als stünd' ihm bereits der Feind gegenüber.

"Und noch etwas", sprach Frau Hadwig.

An seidener Schnur trug sie ein goldgefasst Kleinod um den Hals, das zog sie aus ihrem Busen; es war ein Kristall, der einen unscheinbaren Splitter barg. "Wenn mein Gebet nicht ausreicht, so mög' Euch die Reliquie Schutz verleihen. Es ist ein Splitter vom heiligen Kreuz, das die Kaiserin Helena einst aufgefunden. Wo auch immer dies Heiligtum sein wird, da wird Friede sich einstellen und Mehrung des Anwesens und Gesundheit der Luft180, so stand im Schreiben, mit dem der griechische Patriarch die Echteit beglaubigte. Mög' es auch im Krieg Segen spenden!"

Sie neigte sich, dem Mönch das Kleinod umzuhängen. Er beugte sein Knie; längst hing's um seinen Hals, er kniete noch. Sie streifte leicht mit der Hand über sein lockig Haar, ein Zug von Milde und Wehmut lag über ihrem strengen AntlitzEkkehard hatte vor dem Namen des heiligen Kreuzes sein Knie gebeugt, jetzt war's ihm, als müsse er sich ein zweitesmal niederwerfen, niederwerfen vor ihr, die so huldvoll seiner gedachte. Aufkeimende Neigung braucht Zeit, sich über sich selbst klar zu werden, und in Dingen der Liebe hatte er nicht rechnen und abzählen gelernt wie in den Versmassen des Virgilius, sonst hätte er sich sagen mögen, dass, wer ihn aus des Klosters Stille zu sich gezogen, wer an jenem Abend auf Hohenkrähen, wer am Morgen der Schlacht so vor ihm stand, wie Frau Hadwig, jetzt wohl ein Wort aus der Tiefe des Herzens, vielleicht mehr als ein Wort von ihm erwarten mochte.

Seine Gedanken jagten sich, alle Pulse schlugen.

Wenn früher etwas wie Liebe sich in ihm geregt, so war die Ehrfurcht vor seiner Gebieterin herangetreten, es zurückjagend wie der Sturm, der dem scheu zum Dachfenster herausschauenden Kind den Laden vor der Nase zuwirft. An die Ehrfurcht dachte er jetzt nicht, eher daran, wie er die Herzogin einst mit kekkem Arm durch den Klosterhof getragen. Auch an sein Mönchsgelübde dachte er nimmer, es regte sich in ihm, als sollt' er ihr in die arme fliegen und sie jauchzend ans Herz pressenHerrn Burkhards Schwert brannte ihm an der Seite. Wirf ab die Scheu, dem Kühnen gehört die Welt! War's nicht so in Frau Hadwigs Augen zu lesen?

Er stand auf, stark, gross, freiso hatte sie ihn noch nie gesehen ... Aber es war nur eine Sekunde, noch war kein laut vom Sturm des Herzens über die Lippen geflohen, da fiel sein blick auf das dunkle Kreuz von Ebenholz, das Vincentius einst in seiner Turmstube aufgehängt: "Es ist der Tag des Herrn, und du sollst heute reden vor dem Volk!" – die Erinnerung an seine Pflicht schlug alles nieder ...

Es kam einmal ein Frost am Sommermorgen und Halm und Blatt und Blüten wurden schwarz, bevor die Sonne drüber aufging ...

Zag wie ehedem, ergriff er Frau Hadwigs Hand.

"Wie soll ich meiner Herrin danken?" sprach er mit gebrochener stimme.

Sie schaute ihn durchbohrend an.