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Buch und blätterte drin, er war auch des Lateinischen kundig.

"Abendländische Weisheit!" sprach er. "Einer namens Boetius hat's geschrieben; es stehen schöne Sachen drin vom Trost der Philosophie."

"Philo–sophie, Herr Bruder", sprach Hornebog, "was ist das für ein Trost?"

"Ein schönes Weib ist's nicht, auch kein gebranntes wasser", war Eklats Antwort. "Es ist auf hunnisch schwer zu beschreiben ... wenn einer nicht weiss, warum er auf der Welt ist, und sich auf den Kopf stellt, um's zu erfahren, das ist ungefähr, was die im Abendland Philosophie heissen. Den, der sich damit getröstet in seinem Wasserturm zu Pavia, haben sie deswegen doch dereinst mit Keulen totgeschlagen ...A1"

"Mög's ihm wohlbekommen", sprach Hornebog. "Wer den Säbel in der Faust und das Ross zwischen den Schenkeln hat, weiss auch, warum er auf der Welt ist. Und wenn wir's nicht besser wüssten wie diejenigen, die solche, Haken auf Eselshaut klecksen, so wären s i e an der Donau uns auf den Fersen und wir tränkten unsere Rosse nicht aus dem Schwäbischen Meer."

"Wisst Ihr auch, dass es ein Glück ist, dass solches Zeug angefertigt wird?" fuhr Ellak fort und warf den Boëtius auf den Scheiterhaufen zurück. "Warum?" fragte Hornebog.

"Weil die Hand, die die Rohrfeder führt, nimmer taugt, einen Schwertieb zu tun, der ins Fleisch geht, und ist der Unsinn, den der einzelne Kopf ausheckt, einmal gebucht, so verbrennen sich noch hundert andere das Hirn dran. Hundert Strohköpfe mehr, macht hundert Reiter weniger: das ist dann unser Vorteil, wenn wir über die Grenze brechen. 'Solang' sie im Abendland Bücher schreiben und Synoden halten, mögen meine Kinder ruhig ihr so Zeltlager vorwärtsrücken!' so hat's schon der grosse Etzel seinen Enkeln hinterlassen."

"Gelobt sei der grosse Etzel!" sprach Hornebog ehrerbietig.

Da rief eine stimme: "Lasset die Toten ruhen!" Tändelnden Schrittes kam Erica zu den beiden. Sie hatte die Klosterbeute gemustert, eine Altardecke aus rotem Seidenzeug fand Gnade vor ihren Augen, sie trug sie wie einen Mantel umgeschlagen, die Enden leicht über die Schultern geworfen.

"Wie gefall' ich euch?" sprach sie und wandte ihr Haupt selbstgefällig.

"Die Heideblume braucht keinen Schmuck schwäbischer Götzendiener, um zu gefallen", sprach Ellak finster. Da sprang sie an ihm hinauf, streichelte sein straffes, schwarzes Haar und rief: "Vorwärts, das Mahl ist gerichtet!"

Sie schritten zum hof. Den ganzen Heuvorrat des Klosters hatten die Hunnen umhergestreut und lagerten drauf, des Mahles gewärtig. Mit gekreuzten Armen stand Heribald und schaute zu ihnen nieder: "Die Teufelsbrut kann nicht einmal sitzen, wies einem Christenmenschen ziemt, wenn er sein täglich Brot verzehrt", – so dachte er, doch sprach er's nicht aus. Erfahrung häufiger Schläge lehrt Schweigsamkeit.

"Leg' dich nieder, Schwarzrock, du darfst mitessen", rief Erica und machte ihm ein Zeichen, dass er der andern Beispiel folge. Er schaute nach dem Mann von Ellwangen, der lag mit verschränkten Beinen, als hätt' er's nie anders gelerntda machte Heribald einen Versuch, aber bald stunde er wieder auf, das Liegen deuchte ihm allzu unwürdig. Er holte sich im Kloster einen Stuhl und setzte sich zu ihnen.

Ein Ochse war am Spiess gebraten. Was sonst der Klosterküche Vorrat bot, ward gereicht; sie fielen hungrig drüber her. Mit kurzem Säbel ward das Fleisch herunter gehauen, die Finger der Hand vertraten bei den Schmausenden die Stelle von Messer und Gabel. Aufrecht stunde das grosse Weinfass im hof, ein jeder schöpfte draus, soviel ihm beliebte, da und dort kam ein kunstgeformter Kelch als Trinkgefäss zum Vorschein. Auch dem Heribald brachten sie Weines die Hülle und Fülle, wie er aber stillvergnügt dran nippte, flog ihm ein halb genagter Knochen an den Kopfer schaute schmerzlich auf, aber er schaute, dass noch manchen der Schmausenden ein gleiches Schicksal ereilte; sich mit den Knochen werfen, war hunnischer Brauch anstatt eines Nachtisches.

Weinwarm begannen sie drauf ein ungefüges Singen177. Zwei der jüngern Reitersmänner trugen ein altes Lied zum Preis des König Etzel vor; es hiess drin, dass er nicht nur mit dem Schwerte, sondern auch durch Liebreiz ein Sieger gewesen allentalb, und kam eine höhnische Strophe über eines römischen Kaisers Schwester, die ihm Hand und Herz aus verliebter Ferne entgegentrug, ohne dass er's annahm.

Wie Eulenschrei und Unkenruf klang der Chorus; dann traten etliche auf Heribald zu und machten ihm deutlich, dass auch von ihm ein Gesang verlangt werde. Er wollte sich weigern, es half nichts. Da stimmte er ernst und mit schier weinender stimme den Antiphon zu Ehren des heiligen Kreuzes an, der da beginnt: "Sanctifica nos!" Staunend horchten die Trunkenen den langen ganzen Tönen des alten Kirchengesangs, wie eine stimme aus der Wüste klang die fremde Weise. Zürnend hörte es auch die Waldfrau beim kupfernen Kessel, mit ihrem Messer schlich sie herüber, fasste Heribalds Hauptaar und wollte ihm das Gelock verschneidender höchste Schimpf, der eines Geistlichen durch die Tonsur geweihtem haupt widerfahren konnte.

Aber Heribald stiess sie zurück und sang unverdrossen weiter. Das