hing an schwachen Fäden. Er sah rings die unheimlichen Gesichter, sein blöder Mut begann zu schwinden, das Weinen stand ihm nah, aber ein richtiger Zug liegt auch im Törichtsten zur Stunde der Gefahr – wie ein Stern glänzte ihm der Heideblume rotwangig Antlitz herüber, da sprang er mit angstvollen Schritten durchs Getümmel zu Erica. Vor ihr kam's ihm nicht schwer zu knieen, ihr Liebreiz schuf ihm Vertrauen, mit ausgestreckten Armen flehte er um Schutz.
"Seht, seht!" rief die Heideblume, "der Mann der Insel ist nicht so töricht, als er ausschaut. Er kniet lieber vor Erica als vor der grünroten Fahne." Sie sah gnädig auf den Mitleidswerten, sprang vom Ross und streichelte ihn wie ein halbwild Tier. "Fürcht' dich nicht", sprach sie, "du sollst am Leben bleiben, alter Schwarzrock!" und Heribald las aus ihren Augen, dass ihre Versicherung ernst war. Er deutete nach der Waldfrau, die ihm am meisten bang gemacht; Erica schüttelte das Haupt: "Die darf dir nichts tun!" Da sprang Heribald wohlgemut an die Mauer, Frührosen blühten dort und Flieder, schnell riss er etlich Gezweig ab und reichte es der hunnischen Maid. Schallender jubel hob sich im Klosterhof174: "Der Heideblume Heil!" riefen sie und klirrten mit den Waffen. "Schrei mit!" raunte der Mann von Ellwangen dem Geretteten zu – jetzt hub auch Heribald seine stimme und rief ein heiseres Heil! Tränen standen ihm im auge'.
Die Hunnen sattelten ab. Wie die Meute der Hunde am Abend der Jagd des Augenblicks harrt, wo der ausgeweidete Hirsch ihnen als Beute vorgeworfen wird, hier zerrt einer am haltenden Strick, dort bellt ein anderer laut vor Ungeduld, so standen sie vor dem Kloster. Jetzt gab Ellak das Zeichen, dass die Plünderung beginnen möge. In wildem Ungestüm stürmten sie durcheinand, die Gänge entlang, die Stufen hinauf, in die Kirche hinein. Verworren Geschrei erscholl von vermeintlichem Fund und getäuschter Hoffnung; die Zellen der Brüder wurden durchsucht, nur spärlicher Haushalt war drinnen.
"Zeig' uns die Schatzkammer!" sprachen sie zu Heribald. Der tat's gern, er wusste, dass das Kostbarste geflüchtet war. Nur versilberte Leuchter und der grosse Smaragd von Glasfluss waren noch vorhanden. "Schlecht Kloster!" rief einer, "Bettelvolk!" und trat mit gewappnetem Fuss auf den unechten Edelstein, dass ein mächtiger Sprung hineinklirrte. Den Heribald lohnten sie mit Faustschlägen, dass er betrübt hinwegschlich.
Im Kreuzgang kam ihm der Hunne Snewelin entgegen: "Landsmann", rief er, "ich bin ein alter Weinfuhrmann, sagt an, wo ist euer Keller?" Heribald führte ihn hinab, vergnüglich lachte er, da er den Haupteingang vermauert sah, und nickte dem frisch aufgetragenen Kalk vertraulich zu, als wisse er sein Geheimnis. Der Mann von Ellwangen prüfte nicht lang', er schnitt die Siegel von dem einen Fass, stach den Hahnen drein und schöpfte seinen Helm voll. Es war ein langer, langer Zug, den er tat. "O Hahnenkamm und Heidenheim!" sprach er, sich schüttelnd wie ein Fieberkranker, "von wegen d e m Getränk hätt' ich nicht unter die Hunnen zu gehen brauchen!" – Er hiess die gefährten die Fässer hinausschleppen, aber besorgt trat Heribald vor und zupfte einen der Plünderer am Gewand: "Erlaube, guter Mann", sprach er mit wehmütigem Ausdruck, "was soll ich denn trinken, wenn ihr wieder abgezogen seid175?!"
Lachend erklärte Snewelin des Mönchs Besorgnis den andern. "Der Narr muss auch was haben!" sprachen sie und legten ihm das kleinste von den drei Fässern unangetastet zurück; er aber ward gerührt ob solcher Rücksicht und schüttelte ihnen die hände.
Droben im hof hub sich ein wilder Lärm; etliche hatten die Kirche durchsucht, auch eine Grabplatte aufgehoben, da schaute ein verwitterter Schädel aus dunkler Kutte zu ihnen empor: das schreckte selbst die Hunnen zurück. Zwei von den Gesellen stiegen auf den Kirchturm, dessen Spitze nach herkömmlichem Brauch ein vergoldeter Wetterhahn zierte. Mochten sie ihn für den Schutzgott des Klosters oder für echtes Gold halten, sie kletterten auf das Turmdach, verwegen sassen die zwei Gestalten oben und stachen mit ihren Lanzen nach dem Hahn ... da fasste sie plötzlicher Schwindel, den gehobenen Arm liess einer sinken – ein Schwanken – ein Schrei, er stürzte herab, der andere ihm nach, gebrochenen Genickes lagen sie im Klosterhof176.
"Schlimm Vorzeichen!" sprach Ellak für sich. Die Hunnen schrieen auf; doch nach wenig Augenblicken war der Unfall wieder vergessen, das Schwert hatte schon so manchen von seiner Genossen Seite gerafft, was war an zwei mehr oder weniger gelegen? Sie trugen die Leichname in Klostergarten. Aus den Holzstämmen, die Heribald in der Frühe umgeworfen, ward ein Scheiterhaufe geschichtet; aus des Klosters Bücherei waren die übriggebliebenen Codices in Hof heruntergeworfen worden, die brachten sie als nützlichen Brandstoff herbei und füllten damit die Lücken am Holzstosse.
Ellak und Hornebog schritten durch die Reihen. Eingeklemmt zwischen den Scheitern, schaute eine sauber geschriebene Handschrift betrüblich herfür, die goldenen Initalen glänzten an den umgeknickten Blättern. Da zog Hornebog sein krummes Schwert und stach das Pergament heraus: auf der Spitze der Klinge hielt er's seinem gefährten entgegen.
"Zu was die Haken und Hühnerfüsse, Herr Bruder?" sprach er.
Ellak nahm das gespiesste