1855_von_Scheffel_157_71.txt

werde' dich totschlagen lassen", sprach Ellak gleichgültig.

"Das wird mir recht geschehen!" sprach Heribald, "warum bin ich nicht durchgegangen!"

Ellak musterte den störrischen Gesellen mit prüfendem blick, da fiel ihm ein anderer Gedanke bei. Er winkte dem Bannerträger, dass er näher trete. Der kam und schwang die Fahne mit der grünen Katze. Die war einst dem Hunnenkönig Etzel in seiner Jugend erschienen: träumerisch sass er in seines Oheim Rugilas Zelt, er war schwermutig und überlegte sich, ob er nicht ein Christ werden und Gott und der Wissenschaft dienen solle, da kam die Katze. Unter Rugilas Kleinodien hatte sie den goldenen Reichsapfel vorgeholt, ein Beutestück von Byzanz, sie hielt ihn in den Krallen und spielte damit und rollte ihn hin und her. Und eine stimme sprach in Etzel: "Du sollst kein Mönch werden, du sollst mit der Erdkugel dein Spiel treiben wie dieses Tier!", und er merkte, dass ihm der Hunnengott Kutka erschienen war, ging hin, schwang sein Schwert nach den vier Weltteilen, liess seine Fingernägel wachsen und wurde, was er werden sollte, Attila, König der Hunnen, die Geissel Gottes! ...

"Knie nieder, elender Mönch", rief Ellak vom Rossherunter, "der hier gemalt steht auf dem Banner, den, sollst du anbeten!"

Aber festgewurzelt stand Heribald.

"Ich kenne ihn nicht", sprach er mit dumpfem lachen.

"Der Hunnen Gott!" rief der Anführer zürnend. "Auf die Knie, Kuttenträger! oder ..." er deutete auf sein krummes Schwert.

Heribald lachte abermals und fuhr mit dem Zeigefinger nach der Stirn: "Da kennt Ihr Heribald schlecht", sagte er, "wenn Ihr glaubt, dass er sich das aufbinden lasse. Es steht geschrieben: als Gott Himmel und Erde erschaffen und Finsternis über den Abgründen lag, da sprach er: 'es werde Licht!' Wenn Gott eine Katze wäre, hätt' er nicht gesagt: 'es werde Licht'. Heribald kniet nicht! ..." Ein hunnischer Reiter trat unbemerkt bei, zupfte den Mönch am Gewand und raunte ihm leise, aber auf gut schwäbisch ins Ohr: "Landsmann, ich tät' knieen an deiner Stell' es sind gar lebensgefährliche leute'." Der Warner hiess eigentlich Snewelin und war von Ellwangen im Riessgau, seiner Geburt nach ein fester Schwabe, aber im Lauf der zeiten ein Hunne geworden und stand sich ganz gut dabei. Und er sprach's mit etwas windigem Ton in der stimme, denn es fehlten ihm vier Vorderzähne und auch der Backenzähne etliche, und das war eigentlich die Ursache, dass er unter den Hunnen zu finden. In jungen Tagen nämlich, da er noch als friedlicher Fuhrmann des Heimatlichen Salvatorklösterleins sein Dasein fristete, war er mit einer Ladung schillernden Neckarweines unter guter Bedeckung und kaiserlichem Schutz nordwärts geschickt worden auf den grossen Markt zu Magdeburg172. Dortin kamen die Priester der heidnischen Pommern und Wenden, ihren Opferwein zu kaufen, und er machte ein gut Geschäft, da er seine Ladung an den weissbärtigen Oberpriester des dreiköpfigen Gottes Triglaff173 für den grossen Tempel bei Stettin losschlug. Aber dann blieb er mit dem weissbärtigen Heiden bei der Weinprobe sitzen, und dem schmeckte der schwäbische Nektar, und er kam in die! Begeisterung und hub an, ihm die Herrlichkeit seiner Heimat zu Preisen, und sagte, bei ihnen zwischen Spree und Oder fange eigentlich, die Welt erst an, und wollte ihn bekehren zum Dienste Triglaffs, des Dreiköpfigen, und des schwarzweissen Sonnengottes Radegast und der Radomysl, der Göttin der lieblichen Gedankenda ward's dem Mann von Ellwangen zu bunt: "Ihr seid ja ein scheusslicher wendischer Windmüller!" rief er und warf den Zechtisch um und fuhr an ihn, gleichwie der junge Recke Siegfried, da er den langbärtigen wilden Gezwerg Allberich anlief, und ward handgemein mit ihm und riss ihm mit starkem Ruck seines Graubarts Hälfte aus. Jener aber rief Triglaff, den Dreiköpfigen, an und schlug ihm mit eisenbeschlagenem Opferstab einen Streich auf die Kinnlade, der die Zier seiner Zähne für immer zerstörte. Und ehe der zahnlose schwäbische Fuhrmann sich wieder erholte, war sein weissbärtiger Widersacher von dannen gefahren, und er konnte sich nimmer an ihm rächen; aber wie er zu Magdeburgs Tor hinausging, ballte er seine Faust nordwärts und sprach: "Wir kommen auch wieder zusammen!" In der Heimat lachten sie ihn wegen seiner Zahnlücke noch gröblich aus, da ging er im hellen Verdruss unter die Hunnen und gedachte, wenn die einmal gegen Norden ritten, mit dem dreiköpfigen Triglaff und allem, was ihm diente, eine furchtbare Rechnung abzumachen ...

Heribald hörte nicht auf den seltsamen Reitersmann. Die Waldfrau war von ihrem Wagen heruntergesprungen und trat vor Ellak; grinsend schaute sie nach dem Mönch: "Ich hab' nach den Sternen geschaut", rief sie, "von kahlgeschorenen Männern droht uns Unheil. Ihr sollt zur Abwendung diesen Elenden an des Klosters Pforte aufhängen lassen, mit dem Gesicht nach dem Gebirg' gewendet!"

"Knüpft ihn auf!" riefen viele im Haufen, die der Waldfrau Gebärden verstanden.

Ellak hatte sich wieder zu Erica hinüber gewendet: "Dies Ungeheuer hat auch Grundsätze", sprach er höhnisch; "es gilt seinen Tod und er weigert, das Knie zu beugen. Lassen wir ihn aufknüpfen, Blume der Heide?"

Heribalds Leben