", ergänzte Hadwig. "Dem ist nicht zu viel geschehen, 's war gar nicht notwendig, dass er uneingeladen zur Leichenfeier Herrn Burkhards kam und mir die Laute flicken."
"Sag' mir indes, du griechische Goldblume, warum hab' ich heute den festlichen Schmuck angelegt?"
"Gott ist allwissend", sprach die Griechin, "ich weiss es nicht." Sie schwieg. Frau Hadwig schwieg auch. Da trat eine jener schwülen inhaltsvollen Pausen ein, wie sie der Selbsterkenntnis vorangehen. Endlich sprach die Herzogin: "Ich weiss es auch nicht!"
Sie schlug missmutig die Augen nieder: "Ich glaube, es geschah aus langer Weile. Der Gipfel unseres Hohentwiel ist aber auch ein gar zu betrübtes Nest – zumal für eine Witib. Praxedis, weisst du ein Mittel gegen die lange Weile?"
"Ich habe einmal von einem weisen Prediger gehört", sprach Praxedis, "es gäb' mannigfalte Mittel dawider: Schlafen, Trinken, Reisen – das beste sei Fasten und Beten."
Da stützte Frau Hadwig ihr Haupt auf die lilienweisse Hand, sah die dienstbereite Griechin scharf an und sprach: "Morgen reisen wir!"
Fussnoten
A1 Gustav Schwab. A2 Verschliessbares Gemach, Kabinett. Die jetzt gewöhnliche Bedeutung ist ganz jung.
Zweites Kapitel.
Die Jünger des heiligen Gallus.
Des andern Tages fuhr die Herzogin samt Praxedis und grosser Gefolgschaft im lichten Schein des Frühmorgens über den Bodensee. Der See war prächtig blau, die Wimpel flaggten lustig, und war viel Kurzweil auf dem Schiff. Wer sollt' auch traurig sein, wenn er über die kristallklare Wasserfläche dahinschwebt, die baumumsäumten Gestade mit Mauern und Türmen ziehen im bunten Wechsel an ihm vorbei, fern dämmern die schneeigen Firnen und der Widerschein des weissen Segels verzittert im Spiele der Wellen?
Keines wusste, wo das Ziel der Fahrt. Sie waren's! aber so gewohnt.
Wie sie an der Bucht von Rorschach10 anfuhren, hiess die Herzogin einlenken. Zum Ufer steuerte das Schiff, übers schwanke Brett stieg sie ans Land. Und der Wasserzoller kam herbei, der dort den Welschlandfahrern das Durchgangsgeld abnahm, und der Weibel des Marktes und wer immer am jungen Hafenplatz sesshaft war, sie riefen der Landesherrin ein rauhes: "Heil Herro! Heil Liebo11!" zu und schwangen mächtige Tannenzweige. Grüssend schritt sie durch die Reihen und gebot ihrem Kämmerer, etliche Silbermünzen auszuwerfen, aber es galt kein langes Verweilen. Schon standen die Rosse bereit, die waren zur Nachtzeit insgeheim vorausgeschickt worden; wie alle im Sattel sassen, sprach Frau Hadwig: "Zum heiligen Gallus!" Da schauten sich die Dienstleute verwundert an: Was soll uns die Wallfahrt? Zum Antworten war's nicht Zeit, schon ging's im Trab das hügelige Stück Landes hinauf, dem Gotteshause entgegen.
Sankt Benedikt und seine Schüler haben die bauliche Anlage ihrer Klöster wohl verstanden. Land ab, Land auf, so irgendwo eine Ansiedelung steht, die gleich einer Festung einen ganzen Strich beherrscht, als Schlüssel zu einem Tal, als Mittelpunkt sich kreuzender Heerstrassen, als Hort des feinsten Weinwuchses: so mag der Vorüberwandernde bis auf weitere Widerlegung die Vermutung aussprechen, dass sotanes Gotteshaus dem Orden Benedicti zugehöre oder vielmehr zugehört habe, denn heutigentages sind die Klöster seltener und die Wirtshäuser häufiger, was mit steigender Bildung zusammenhängt.
Auch der irische Gallus hatte einen löblichen Platz erwählt, da er, nach Waldluft gierig12, in helvetischer Einöde sich festsetzte; ein hochgelegenes Tal, durch dunkle Bergrücken von den milderen Gestaden des Sees gesondert, steinige Waldbäche brausen vorüber, und die riesigen Wände des Alpsteins, dessen Spitzen mit ewigem Schnee umhüllt im Gewölke verschwinden, erheben sich als schirmende Mauer zur Seite.
Es war ein sonderbarer Zug, der jene Glaubensboten von Albion und Erin aufs germanische Festland führte. Genau besehen ist's ihnen kaum zu allzu hohem Verdienst anzurechnen. "Die Gewohnheit, in die Fremde zu ziehen, ist den Briten so in die natur gewachsen, dass sie nicht anders können13", schrieb schon in Karl des Grossen Tagen ein unbefangener schwäbischer Mann. Sie kamen als Vorfahren der heutigen Touristen, man kannte sie schon von weitem am fremdartig zugeschnittenen Felleisen14. Und ein mancher blieb haften und ging nimmer heim, wiewohl die ehrsamen Landesbewohner ihn für sehr unnötig halten mochten. Aber die grössere Zähigkeit, das Erbteil des britischen Wesens, lebensgewandte Kunst, sich einzurichten, und beim Volk die mystische Ehrfurcht vor dem Fremden gab ihren Strebungen im Dienst der Kirche Bestand.
Andere zeiten, andere Lieder! Heute bauen die Enkel jener Heiligen den Schweizern für gutes eidgenössisches Geld die Eisenbahn15.
Aus der schmucklosen Zelle an der Steinach, wo der irische Einsiedel seine Abenteuer mit Dornen, Bären und gespenstigen Wasserweibern bestand, war ein umfangreich Kloster emporgewachsen. Stattlich ragte der achteckige Turm der Kirche aus schindelgedeckten Dächern der Wohngebäude; Schulhäuser und Kornspeicher, Kellerei und Scheunen waren daran gebaut, auch ein klappernd Mühlrad liess sich hören, denn aller Bedarf zum Lebensunterhalt muss in des Klosters nächster Nähe bereitet werden, auf dass es den Mönchen nicht notwendig falle, in die Ferne zu schweifen, was ihrem Seelenheil undiensam. Eine feste Ringmauer mit Turm und Tor umschloss das Ganze, minder des Zierats als der Sicherheit halber, massen mancher Gewaltige im Land das Gebot: "Lass dich nicht gelüsten deines Nachbars Gut!" dazumal nicht allzustrenge einhielt.
Es war Mittagszeit vorüber, schweigende Ruhe lag über dem Tal. Des heiligen Benedikt Regel ordnet für diese