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", murmelte er, – "ich werde sie erwarten."

Ein neuer Einfall flog jetzt durch sein Gemüt; er fuhr mit der Hand über die Stirn: "Bin ich nicht in der Klosterschule über den Geschichten des Altertums gesessen und hab' gehört, wie die römischen Senatoren der senonischen Gallier Einbruch erwartet? Den Mantel umgeschlagen, den Elfenbeinszepter in der Faust, sassen die Greise in ihren Stühlen, unbewegten Auges, wie eherne Götzenbilder: der lateinische Lehrer soll uns nicht umsonst vorgepredigt haben, das sei ein würdiger Empfang gewesen! Heribald kann's auch!"

... Gelinder Blödsinn ist dann und wann eine neidenswerte Mitgift fürs Leben: was andere, schwarz schauen, scheint ihm blau oder grün, zickzackig ist sein Pfad, aber von den Schlangen, die im Gras lauern, merkt er nichts, und über den Abgrund, in den der weise Mann regelrichtig hineinstürzt, stolpert er hinüber sonder Ahnung der Gefahr ... Ein kurulischer Stuhl war zur Zeit im Kloster nicht vorhanden. Heribald schob einen mächtigen Eichstamm an die Pforte, die in Hof führte. "Zu was Zweck und Nutzen haben wir die weltliche geschichte gelernt, so wir keinen guten Rat draus schöpfen?" murmelte er, setzte sich gelassen auf seinen Block und wartete der Dinge, die da kommen sollten.

Drüben am nahen Seeufer hielt ein Trupp Reiter; die Zügel in Arm geschlungen, den Pfeil auf der Bogensehne, waren sie spähend herangesprengt, der hunnischen Heerschar Vortrab. Wie kein Hinterhalt aus dem weidenumbuschten Ufer vorbrach, hielten sie die Rosse eine Weile an zum Verschnaufen; der Pfeil ward in den Köcher gelegt, der krumme Säbel mit den Zähnen gefasst, die Sporen eingepresstso ging's in den See. Hurtig arbeiteten sich die Rosse durch die blauen Wogen, – jetzt war der vorderste am Land und sprang vom Gaul und schüttelte sich dreimal wie ein Pudel, der vom kühlen Bad zurückkommt; mit schneidigem Hurraruf zogen sie in der schweigenden Reichenau ein.

Wie in Stein gehauen sass Heribald und schaute unverzagt den seltsamen Gestalten entgegen. Nachdenken über vollendete menschliche Schönheit hatte ihm noch keine schlaflose Nacht verursacht, aber was jetzt auf ihn zukam, deuchte ihn so hässlich, dass er ein langgedehntes: "Erbarme dich unser, o Herr, nach deiner Barmherzigkeit Grösse!" nicht zu unterdrücken vermochte.

In den Sattel gebückt sassen die fremden Gäste, aus Tierfellen das Gewand, hager, dürr und klein die Gestalt, viereckig der Schädel, das Haar steif struppig herabhängend; gelb glänzte das unfertige Gesicht, als wär' es mit Talg gesalbt; – der vordersten einer hatte durch freiwilligen Einschnitt seinen aufgeworfenen Mund um ein Erkleckliches nach den Ohren hin verlängert; verdächtig schauten sie aus den kleinen tiefliegenden Augen in die Welt hinaus.

Ebensogut könnt' man statt eines Hunnen einen Lehmklumpen halb viereckig in den Händen formen, etwas wie eine Nase dran aufstülpen und das Kinn einschlagen, dachte Heribald: da standen sie vor ihm. Er verstand ihre zischende Sprache nicht und lächelte ruhig, als ging' ihn die ganze Bande nichts an. Sie starrten eine Zeitlang verwundert auf den närrischen Gesellen, wie die Männer kritischen Handwerks auf einen neuen Poeten, von dem noch nicht klar, in welchem Schubfach vorrätiger Urteile sie ihn unterbringen sollen. Jetzt erschaute einer die kahlgeschorene Stelle auf Heribalds Haupt und deutete mit dem krummen Säbel drauf hin, sie erhoben ein grinsendes Gelächter, einer griff nach Bogen und Pfeil und legte auf den Mönch an, da ging Heribalds Geduld aus, ein Anflug germanischen Stolzes gegenüber solchem Gesindel kam über ihn: "Bei der Tonsur des heiligen Benedikt", rief er aufspringend, "die Krone meines Hauptes soll kein Heidenhund lästern!" er fiel dem vordersten in die Zügel, riss ihm den krummen Säbel von der Seite, kampfbereit wollte er sich aufpflanzen ... aber schneller denn der Blitz hatte ihm der Hunnen einer eine starke Schlinge übers Haupt geworfen und riss ihn nieder; sie stürzten über ihn her, knebelten seine hände auf den rücken: schon waren todbringende Waffen geschwungenda hub sich ein fernes Gesumm und Getöse wie von einer mächtig heranrükkenden Schar, das zog die Reiter von dem Blödsinnigen ab, sie warfen ihn als wie einen Sack gebunden zu seinem Eichstamm und jagten im Galopp zum Seeufer zurück.

Der ganze Tross des hunnischen Heerhaufens war drüben angelangt; die vom Vortrab gaben durch gellend Pfeifen ein Zeichen hinüber, dass alles sicher; sie erspähten an der Insel schilfbewachsenem Ende eine Furt, schier trocknen Fusses zu durchreiten, den Pfad wiesen sie ihren Gesellen. Jetzt kam's herüber gebraust wie das wilde Heer, viele hundert Reitersmänner. An Augsburgs Wällen und des Bischofs Gebet waren ihre vereinten Waffen zerstiebt170, jetzt durchzogen sie hordenweis das Land. An Gestalt, Antlitz und Art zu Pferd zu sitzen, glich einer dem andernbei rohen Nationen sind die Gesichtszüge aller wie aus einem Guss, da es der einzelnen Beruf, in der Masse aufzugehen, nicht von ihr sich abzuheben.

Da glänzten zwischen den Obstbäumen und Gartenfeldern der Insel, wo sonst der Mönch Brevier betend gewandelt, zum erstenmal des Hunnenheeres fremde Waffen, schlangengleich wand sich der reisige Zug über den schmalen Pfad vom Festland herüber, ein wildes Klingen, wie Zymbalschlag und Geigenton, zog mit ihnen, es klang schrill und scharf wie Essig, denn der Hunnen Ohr war gross, aber nicht feinfühlig, und zur Musika wurden nur die verwendet, die des Reiterdiensts untüchtig.

Hoch über