dieweil er ihm manche Züchtigung zu verdanken hatte, aber es war alles wohl aufgeräumt und in Verschluss getan, da blieb ihm nichts übrig, als dem gepolsterten Lehnstuhl einen Fuss abzuschlagen. Er fügte ihn wieder künstlich an, als wäre nichts geschehen. "Das wird anmutig mit ihm zusammenbrechen, wenn er heimkommt und sich bequemlich niederlassen will. Den Leib sollst du züchtigen, sagt der heilige Benedikt. Aber Heribald hat den Stuhlfuss nicht abgeschlagen, das haben die Hunnen getan ..."
Gebet, Andacht und Psalmensingen verrichtete er, wie des Ordens Regel gebot. Die sieben Tageszeiten hielt der Einsame ängstlich ein, als möchte' er gestraft werden ob deren Versäumnis, auch zur Vigilie stieg er nach Mitternacht hinunter in die Klosterkirche.
Zur Zeit, als seine Mitbrüder auf der Herzogsburg mit den Sankt Gallischen zechten, stand Heribald im Chor; unheimlich Grauen der Nacht lag über der Halle, düster flackerte die ewige Lampe: er aber stimmte unverdrossen und mit heller stimme den Eingangsvers an: "Herr, neige dich zu meinem Beistand! Herr, eile heran zu meiner Hilfe!" und sang den dritten Psalm, den einst David gesungen, da er floh vor Absalom, seinem Sohn. Wie er an die Stelle kam, wo Übung des Psallierens gemäss die Antiphonie ertönen sollte, hielt er nach alter Gewohnheit an und wartete des Gegengesangs, aber es blieb ruhig und stumm; da fuhr er mit der Hand nach der Stirn. "Ja so", sprach der Blödsinnige, "sie sind fort und Heribald ist allein ..." Jetzt wollte er auch noch den vierundneunzigsten Psalm singen, wie es die Vorschrift nächtlichen Horadienstes erheischte, da erlosch die ewige Lampe, eine Fledermaus war drüber hingestreift. Draussen Regen und Sturm. Schwere Tropfen fielen auf das Dach der Kirche und schlugen an die Fenster, da ward's ihm unheimlich zu Mut: "Heiliger Benedikt", rief er, "nimm ein gnädig Einsehen, dass Heribald nicht schuld ist, wenn die Antiphonie ungesungen blieb." Er schritt in der Dunkelheit aus dem Chor; ein schriller Wind pfiff durch ein Fensterlein der Krypta unter dem Hochaltar, ein heulender Ton kam heraus. Wie Heribald vorwärts ging, fasste ein Luftzug sein Gewand: "Bist du wieder da, höllischer Versucher?" rief er, "muss wieder gefochten sein168?"
Unverzagt schritt er zum Altar und fasste ein hölzern Kreuz, das der Abt nicht hatte wegnehmen lassen: "Im Namen der Dreieinigkeit, komm heran, Larve des Satans, Heribald erwartet dich!" Festen Mutes stand er an des Altares Stufen, der Wind heulte fort, der Teufel blieb aus ... "Er hat noch genug vom letztenmal!" sprach der Blödsinnige lächelnd. Vor Jahresfrist war ihm der böse Feind erschienen in Gestalt eines grossen Hofhundes und hatte ihn angebellt, aber Heribald hatte ihn bestanden mit einer Stange und ihm mit so tapfern Hieben zugesetzt, dass die Stange zerbrochen war ...
Da rief Heribald noch eine Auslese beleidigender Reden nach der Richtung hin, wo der Luftzug stöhnte; wie sich aber nichts nahte, ihn anzufechten, stellte er das Kreuz wieder auf den Altar, beugte sein Knie und ging, Kyrie eleison murmelnd, in seine Zelle zurück. Bis in den hellen Morgen hinein schlief er dort den Schlaf des Gerechten.
Die Sonne stand hoch am Himmel, da wandelte Heribald vergnüglich vor dem Kloster auf und nieder. Seit dass er sich von den Schulbänken weg der Vakanz hatte erfreuen mögen, war ihm wenig gelegenheit zum Ausruhen mehr geworden. Ruhe ist der Seele grösste Feindin! hatte Sankt Benedikt gesagt und darum seinen Schülern streng vorgeschrieben, die Stunden des Tages, die nicht der Andacht galten, mit Arbeit der hände auszufüllen. Heribald war keiner Kunst oder Handwerksgriffe kundig, darum hatten sie ihn zum Holzspalten und ähnlich nutzbringender Tätigkeit angehalten – jetzt aber schritt er, die arme gekreuzt, an den aufgebeugten Scheitern vorüber und schaute lächelnd nach einem Klosterfenster hinauf: "So komm doch herunter, Vater Rudimann!" rief er, "und halte den Heribald zum Holzhauen an! Du hast ja so trefflich Aufsicht gehalten über die Brüder und den Heribald so oft einen unnützen Knecht Gottes gescholten, wenn er den Wolken nachschaute, statt die Axt zu führen, warum tust du nicht, was deines Amtes?"
Kein Echo gab dem Blödsinnigen Antwort; da zog er von den Scheitern der untersten einige heraus, rasselnd stürzte die hochgeschichtete Beuge zusammen: "Fallet nur", fuhr er im Selbstgespräch fort, "Heribald macht Feiertag heute und setzt nichts wieder auf. Der Abt ist durchgegangen, die Brüder sind durchgegangen, es geschieht ihnen recht, wenn alles zusammenstürzt."
Nach solch löblicher Verrichtung wandte sich Heribald zum Klostergarten. Eine anderweite Erwägung beschäftigte seinen Geist: er gedachte ein paar liebliche Stöcke Salates zu seinem Mittagsmahl zu schneiden und sie feiner zuzubereiten, als in Anwesenheit des Pater Küchenmeister je geschehen wäre. Lockend malte er sich die Arbeit aus, wie er das Ölkrüglein sonder Schonung angreifen und der grössten Zwiebeln einige mitleidslos zerschneiden wollte: da wirbelte drüben am weisssandigen Ufer eine Staubwolke auf, Gestalten von Ross und Reitern wurden sichtbar ...
"Seid ihr schon da?" sprach der Mönch und schlug ein Kreuz, seine Lippen bewegten sich zu einem hastigen Gebete; aber bald lag die gewohnte Miene zufriedenen Lächelns wieder auf seinem Antlitz.
"Fremden Wanderern und Pilgersmännern soll am Tor des Gotteshauses ein christlicher Bescheid erteilt werden169