ihm fürder ihren Schutz leihen!"
"Noch war's nicht unter Dach und Fach, da kamen schon die Boten vom See: 'Flieht, die Hunnen sind da!' und vom Rheintal kamen andere: 'Flieht!' war die Losung, der Himmel rot von Brand und Wachtfeuer, die Luft erfüllt vom Wehgeschrei flüchtender Leute und Knarren enteilenden Fuhrwerks. Da zogen wir aus. Gold und Kleinodien, Sankt Gallus' und Sankt Otmars Sarg und Gebein, der ganze Schatz ward noch sicher geborgen, die Bücher haben die Jungen nach der Wasserburg mitgenommen – aber an Essen und Trinken ward nicht viel gedacht, nur schmaler Mundvorrat war in die Waldburg geschafft; eiligst flohen wir dortin. Erst unterwegs merkten die Brüder, dass wir Tieto, den Blinden, im Winkel der Alten vergessen, aber keiner ging mehr zurück, der Boden brannte unter den Füssen. So lagen wir etliche Tage still im tannversteckten Turm, oftmals nächtlich sprangen wir zu den Waffen, als stünde der Feind vor dem Tor, aber es war nur der Sitter Rauschen oder des Windes Strich in den Tannenwipfeln. Einmal aber rief's mit heller stimme um Einlass. Verscheucht und todmüd' kam Burkard, der Klosterschüler. Aus Freundschaft zu Romeias, dem Wächter am Tor, war er zurückgeblieben, wir hatten des nicht wahrgenommen. Er brachte schlimme Kunde; vom Schreck, den er erlebt, waren etliche Haare auf dem jungen haupt über Nacht grau geworden."
Abt Cralos stimme wollte zittern. Er hielt an und trank einen Schluck Weines. "Der Herr sei allen christgläubigen Abgestorbenen gnädig", fuhr er bewegt fort, "sein Licht leuchte ihnen, er lasse sie ruhen in Frieden!"
"Amen!" sprachen die Tischgenossen. "Wen meint Ihr?" fragte die Herzogin. Praxedis war aufgestanden, sie trat hinter ihrer Gebieterin Lehnstuhl, lauschend hing ihr blick an des Erzählers Lippen.
"Erst wenn einer tot ist, merken die Zurückgebliebenen, was er wert war", sprach Cralo und nahm den Faden wieder auf: "Romeias, der trefflichste aller Wächter, war nicht mit uns ausgezogen. 'Will meinen Posten halten bis zum Schluss', hatte er gesagt; des Klosters Zugänge verschloss er, schaffte in sichern Versteck, was wegzuschaffen war, und machte die Runde um die Mauern, Burkard, der Klosterschüler, mit ihm; dann hielt er gewaffnet Wacht in seiner Turmstube. Da kam der helle Haufen hunnischer Reiter vor die Mauern geritten, vorsichtig schwärmend; Romeias tat die üblichen Hornstösse, dann sprang er nach der Ringmauer anderem Ende und stiess abermals ins Horn, als wär' alles wohl gehütet und besetzt: 'jetzt ist's Zeit zum Abzug!' sprach er zum Schüler. Einen alten welken Strauss hatte er an den Eisenhut gesteckt, erzählte Burkard, da gingen die zwei zum blinden Tieto hinüber, der wollte den Winkel der Alten nimmer verlassen, sie aber setzten ihn auf zwei Speere und trugen ihn fort – zum hinteren Pförtlein hinaus, das Schwarzatal aufwärts fliehend.
"Schon waren die Hunnen von den Rossen gestiegen und kletterten über die Mauern; wie sich nichts regte, schwärmten sie ein wie die Mücken auf den Honigtropfen, aber Romeias ging gelassenen Schrittes mit seiner greisen Bürde bergan. 'Niemand soll vom Klosterwächter sagen, dass er struppigen Heidenhunden zulieb einen Trab angeschlagen' – so sprach er seinem jungen Freunde Mut zu. Aber bald waren ihm die Hunnen auf der Fährte, wild Geschrei erscholl durch die Talschlucht, – wieder ein Stück weit, da pfiffen die ersten Pfeile. So kamen sie bis an den Felsen der Klausnerinnen. Dort aber staunte selbst Romeias. Als wär' nichts geschehen, tönte ihnen Wiborads dumpfes Psalmodieren entgegen. In himmlischer Erscheinung war ihr Not und Tod geoffenbart worden, selbst der fromme Gewissensrat Waldram vermochte ihren Sinn nicht zur Flucht zu wenden. 'Meine Zelle ist das Schlachtfeld, wo ich gegen der Menschheit alten Feind gestritten, ein Streiter Gottes deckt's mit 'seinem Leibe167', so sprach sie und verharrte in der Wildnis, als alles entwich.
"Die Waldburg war nimmer zu erreichen, da suchte Romeias das abgelegenste Häuslein aus. Auf den Fels tretend liess er den blinden Tieto sorglich durchs Dach hinab, er küsste den Greisen, eh' er sich von ihm wandte – dann hiess er den Klosterschüler sich auf die Flucht machen: 'es könnt' mir was Menschliches zustossen; sag' denen in der Waldburg, dass sie nach dem Blinden sehen'. Vergeblich flehte Burkard zu ihm und zitierte den Nisus und Euryalus, die auch vor der Übermacht volskischer Reiter in nächtiges Waldesdunkel geflohenA4. 'Ich müsst' zu schnell laufen', sprach Romeias, 'Erhitzung ist ungesund und schafft Brustschmerzen, ich muss ein Wörtlein mit den Söhnen des Teufels reden'.
Er ging an Wiborads Zelle und klopfte an den Laden. 'Reich' mir die Hand, alter Drache', rief er hinein 'wir wollen Friede machen!' und Wiborad streckte ihm ihre verwelkte Rechte hinaus ... dann wälzte Romeias etliche Felsblöcke an des steilen Pfades Ausgang, so dass der Zutritt von der Schwarzaschlucht gesperrt war, nahm den Schild vom rücken und richtete die Speere; mit wehendem Hauptaar stand er in der Umwallung und blies noch einmal auf dem grossen Wächterhorn, erst zürnend und kampfschnaubend, dann weich und sänftlich, bis ein Pfeil in des Hornes Krümmung hineingellte. Ein Regen von Geschossen überdeckte ihn und