Schiffe verbracht. Sie schleppten auch den schweren, durchsichtig grünen Smaragd bei, achtundzwanzig Pfund wog er. "Den mögt ihr zurücklassen", sprach der Abt.
"Das Gastgeschenk des grossen Kaiser Karl? des Münsters seltenstes Kleinod, wie keines mehr in den Tiefen der Gebirge verborgen ruht?" fragte der dienende Bruder.
"Ich weiss einen Glaser in Venezia, der kann einen neuen machen, wenn diesen die Hunnen fortschleppen160", erwiderte leichtin der Abt.
Sie stellten das Juwel in den Schrank zurück.
Noch war's nicht Abend worden, da stunde alles zum Abzug bereit. Der Abt hiess die Brüder im hof zusammentreten, sämtliche erschienen bis auf einen. "Wo ist Heribald?" fragte er.
Heribald war ein frommer Bruder, dessen Wesen schon manchem den Ernst auf der Stirn in Heiterkeit verwandelte161. In jungen Tagen hatte ihn die Amme einmal aufs Steinpflaster fallen lassen, davon war ihm ein gelinder Blödsinn zurückgeblieben, eine "Kopfsinnierung" aber er war guten Herzens und hatte an Gottes schöner Welt seine Freude, so gut wie ein Geistesgewaltiger.
Da gingen sie, den Heribald zu suchen.
Er war auf seiner Zelle. Die gelbbraune Klosterkatze schien ihm ein Leides zugefügt zu haben, er hatte ihr den Strick, der sein Gewand zusammenhalten sollte, um den Leib geschnürt und sie an einen Nagel an seines Gemaches Decke aufgehängt; in die leere Luft herab hing das alte Tier, das schrie und miaute betrüblich, er aber schaukelte es sänftlich hin und her und sprach Lateinisch mit ihm.
"Vorwärts, Heribald!" riefen die Genossen, "wir müssen die Fusel verlassen."
"Fliehe, wer will!" sprach der Blödsinnige, "Heribald flieht nicht mit."
"Sei brav, Heribald, und folg' uns; der Abt hat's anbefohlen."
Da zog Heribald seinen Schuh aus und hielt ihn den Brüdern entgegen: "Der Schuh ist schon im vorigen Jahr zerrissen", sprach er, "da ist Heribald zum Camerarius gegangen, 'gib Mir mein jährlich Leder', hat Heribald gesagt 'dass ich mir ein Paar Schuhe anfertige', da hat der Camerarius gesagt: 'Tritt du deine Schuhe nicht krumm, so werden sie nicht reissen', und hat das Leder geweigert, und wie Heribald den Camerarius beim Abt verklagt, hat ihm der gesagt: 'Ein Narr, wie du, kann barfuss laufen!' Jetzt hat Heribald kein ordentlich Fusswerk und mit zerrissenem geht er nicht unter fremde Leute162 ..."
Solchen Gründen war keine stichhaltige Widerlegung entgegenzusetzen. Da umschlangen ihn die Brüder mit starkem Arm, ihn hinabzutragen; im gang aber riss er sich los und floh mit Windeseile hinab in die Kirche und die Treppen hinauf, die auf den Kirchturm führten. Zu oberst setzte er sich fest und zog das hölzerne Stieglein empor; es war ihm nimmer beizukommen.
Sie erstatteten dem Abte Bericht. "Lasset ihn zurück",. sprach der Abt, "über Kinder und Toren wacht ein besonderer Schutzengel."
Zwei grosse LädinenA3 lagen am Ufer, die Abziehenden aufzunehmen: wohlgerüstete Schiffe mit Ruder und Segelbaum. In kleinen Kähnen hatten sich des Klosters dienende Leute und was sonst noch auf der Reichenau hauste, mit Hab und Gut eingeschifft; es war ein wirres Durcheinander.
Ein Nachen voll von Mägden und befehligt von Kerhildis, der Obermagd, war bereits abgefahren; sie wussten selber nicht wohin, aber die Furcht war diesmal grösser als die Neugier, die Schnurrbärte fremder Reitersmänner zu sehen.
Jetzt zogen die Klosterbrüder heran; es war ein seltsamer Anblick: die meisten in Wehr und Waffen, Litanei betend andere, den Sarg des heiligen Marcus tragend, der Abt mit Ekkehard und den Zöglingen der Klosterschule – betrübt schauten sie noch einmal nach der langjährigen Heimat, dann stiegen sie zu Schiffe.
Wie sie aber in den See ausfuhren, huben alle Glocken an zu tönen, der blödsinnige Heribald läutete ihnen den Abschiedsgruss; dann erschien er auf den Zinnen des Münsterturmes: "Domonus vobiscum!" rief er mit starker stimme herab und in gewohnter Weise antwortete da und dort einer: "Et cum spiritu tuo!"
Ein scharfer Luftzug kräuselte die Wellen des Sees. Erst vor kurzem war er aufgefroren, noch schwammen viel schwere Eisblöcke drin herum und die Schiffe hatten grosse Mühe, sich durchzuarbeiten.
Geduckt sahen die Mönche, die den Sarg des heiligen Marcus hüteten, etlichemal schlug die Woge zu ihnen herein, aber aufgerichtet und keck stand Abt Wazmanns hohe Gestalt, die Kapuze flatterte im Winde.
"Der Herr geht vor uns her", sprach er, "wie er in der Feuersäule vor dem Volk Israel ging; er ist mit uns auf der Flucht, er wird mit uns sein auf fröhlicher Rückkehr! ..."
In heller Mondnacht stieg der Reichenauer Mönche Schar den Berg von Hohentwiel hinaus. Für Unterkunft war gesorgt. In der Burg Kirchlein stellten sie den Sarg ihres Heiligen ab; sechs der Brüder wurden zu Wacht und Gebet bei ihm befehligt.
Der Hofraum ward in den nächsten Tagen zum fröhlichen Heerlager. An aufgebotenen Dienstmannen lagen schon etliche hundert oben, der Reichenauer Zuzug brachte einen Zuwachs von neunzig streitbaren Männern. Emsig ward geschafft an allem, was des baldigen Kampfes Notdurft heischte. Schon eh' die Sonne aufstieg, weckte der Schmiede Gehämmer die Schläfer. Pfeile und Lanzenspitzen wurden gefertigt; beim Brunnen im hof stand der grosse Schleifstein, dran wetzten sie die rostigen Klingen. Der