1855_von_Scheffel_157_60.txt

der abgesetzte Kaiser konnte vor Kopfweh nicht schlafen und war aufs Dach gestiegen, dass ihm der Sturm Kühlung zublase: da brachen sie ein und fahten auf ihn: 's ist ein anmutig Gefühl, sag' ich Euch, mit schwerem Haupt auf kaltem Dach sitzen und zuhören, wie sie drunten bedauern, einen nicht strangulieren und am Ziehbrunnen aufknüpfen zu können ...

Wer das erlebt hat, der tut am besten, er stirbt.

Und der dicke Meginhart zu Neidingen war grab zu rechter Zeit vom Baum herab zu Tod gefallen, dass man ihn auf den Schragen legen konnte' und im Land verkünden, der abgesetzte Kaiser sei des Todes verblichen. Es soll ein schöner Leichenzug gewesen sein, wie sie ihn in die Reichenau trugen; der Himmel tat sich auf, ein Lichtstrahl fiel auf die Bahre, und sie haben eine rührende Leichenrede gehalten, da sie ihn einsenkten rechts vom Altar: 'dass er seiner Würden entblösst und seines Reiches beraubt ward, war eine Fügung des himmels, ihm zur Läuterung und probe, und da er's geduldig trug, steht zu hoffen, dass ihn der Herr mit der Krone des ewigen Lebens für die belohnt, die er hienieden verloren ...' so predigten sie in der Klosterkirche150 und wussten nicht, dass in derselben Stunde der, den sie zu begraben meinten, mit Sack und Pack und einem Fluch auf die Welt in der Einsamkeit der Heidenhöhlen einzog."

Der Greis lachte: "Hier ist's sicher und ruhig, um an alte Geschichten zu denken; stosst an: die Toten sollen leben! Und der Luitward ist doch betrogen; wenn sein Kaiser auch einen alten Hut trägt statt güldenem Reif und Sipplinger trinkt statt goldigem Rheinwein, so lebt er doch noch: dieweil die Hageren und ihr ganzes Geschlecht vom tod gerafft sind. Und die Sterne werden ihr Recht behalten, in denen bei seiner Geburt gelesen ward, dass er im Tosen der Reiterschlacht aus der falschen Welt abscheiden werde. Die Hunnen kommen ... komm bald auch, du fröhlich Ende!"

Ekkehard hatte mit Spannung zugehört. "Herr! wie

wunderbar sind deine Wege!" rief er. Er wollte vor ihm niederknieen und seine Hand küssen, der Alte litt's nicht: "Das gilt alles nicht mehr! nehmt Euch ein Beispiel ..."

"Deutschland hat Euch und Eurem Stamm grosse

Unbill angetan ..." wollte Ekkehard trösten.

"Deutschland!" sprach der Alte, "ich bin ihm nicht

gram, mög' es gedeihen und blühen, von keinem Feind bedräut, und einen Herrscher finden, der's zu Ehren bringt und kein Kopfweh hat, wenn die Nordmänner wiederkommen, und keinen Kanzler, der Luitward von Vercelli heisst. Nur die, die seine Kleider unter sich geteilt und das Los um sein Gewand geworfen –"

"Möge der Himmel strafen mit Feuer und schwefli

gem Regen151!" sprach Rauching im Hintergrund.

"Welchen Bescheid bring' ich meiner Herrin von Euch?" fragte Ekkehard, nachdem er seinen Becher geleert.

"Von wegen der Hunnen?" sagte der Greis. "Ich glaube, das ist einfach. Sagt Eurer Herzogin, sie soll in Wald gehen und sehen, wie es der Igel macht, wenn ihm ein Feind zu nahe kommt. Er rollt sich auf wie eine Kugel und starrt in Stacheln, wer nach ihm greift, sticht sich. Das Schwabenland hat Lanzen genug. Macht's ebenso! Euch Mönchen kann's auch nichts schaden, wenn ihr den Spiess tragt.

Und wenn Eure Herrin noch mehr wissen will, so sagt ihr den Spruch, der in der Heidenhöhle gilt. Rauching, wie heisst er?"

"Zwei Mannslängen vom Leib, oder wir schlagen euch die Schädel entzwei", ergänzte der Gefragte.

"Und wenn von Frieden die Rede ist, so sagt ihr, der Alte in der Heidenhöhle hätt' e i n mal einen schlechten geschlossen, er tät's nicht wieder, trotzdem ihn sein Kopfweh noch plagt wie damals; er woll' jetzt lieber selber seinen Gaul satteln, wenn die Schlachtdrommeten blasenlest eine Messe für ihn, wenn Ihr seinen letzten Ritt überlebt."

Der Alte hatte gesprochen mit seltsamer Lebendigkeit. Plötzlich stockte die stimme, sein Atem ward kurz, fast stöhnend, er neigte sein Haupt. "Es kommt wieder!" sprach er.

Rauching, der Dienstmanne, sprang ihm bei und brachte einen Trunk Wassers. Die Beklemmung liess nicht ab.

"Wir müssen das Mittel anwenden", sprach Rauching. Er wälzte aus der Höhlentiefe einen schweren Steinblock vor, von eines Mannes Höhe, der trug Spuren von Bildhauerwerk; sie hatten ihn in der Höhle als unerklärtes Denkmal früherer Bewohner vorgefunden. Er stellte ihn aufrecht an die Felswand; es war, als sei eines Menschen Haupt dran angedeutet und eine Bischofsmitra. Und Rauching griff einen gewaltigen knorrigen Stock und gab dem Alten einen zu Handen und begann auf das Steinbild einzubrechen und sprach einen Spruch dazu, langsam und ernst wie eine Litanei: "Luitward von Vercelli: Reichsverräter, Ehebrecher, neque enim! Nonnenräuber, Machterschleicher, neque enim! ..." dicht fielen die Streiche, da legte sich ein Lächeln um des Alten welke Züge, er erhob sich und schlug mit matten Armen ebenfalls drauf.

"Es steht geschrieben: ein Bischof muss tadellos sein", sprach er in Rauchings Ton, – "