1855_von_Scheffel_157_6.txt

schauen.

Und dann, wenn die Sonne niedergestiegen und über flimmernden Meereswellen die schnelle Nacht aufgeht, der Königsbraut zu Ehren alles im blaufahlen Glanz griechischen Feuers, – jetzt fahren wir in Hafen ein, die grosse Kette, die ihn sonst absperrt, löst sich dem Brautschiff, fackeln sprühen am Ufer, dort steht des Kaisers Leibwache, die Waräger mit ihren zweischneidigen Streitäxten, und die blauäugigen Normänner, dort der Patriarch mit zahllosen Priestern, überall Musik und Jubelruf, und der Königssohn im Schmucke der Jugend empfängt die Verlobte, nach dem Palaste von Blacharnae wallt der Festzug ..."

"Und all diese Herrlichkeit habe ich versäumt", spottete Frau Hadwig. "Praxedis, dein Bild ist nicht vollständig. Und schon des andern tages kommt der Patriarch und erteilt der abendländischen Christin einen scharfen Glaubensunterricht, was von all den Ketzereien zu halten, die auf eurem verstandesdürren Erdreich aufspriessen wie Stechapfel und Bilsenkraut, – und was von den Bildern der Mönche und dem Konzilschluss zu Chalcedon und Nicaea; dann kommt die Grosshofmeisterin und lehrt die gesetz der Sitte und Bewegung: so die Stirn gefaltet und so die Schleppe getragen, diesen Fussfall vor dem Kaiser und jene Umarmung der Frau Schwiegermutter und diese Höflichkeit gegen jenen Günstling und jene gigantische Redensart gegen dieses Untier: Eure Gravität, Eure Eminenz, Eure erhabene und wunderbare Grösse! – was am Menschen Lebenslust und Kraft heisst, wird abgetötet, und der Herr Gemahl gibt sich auch als gefirnisstes Püppchen zu erkennen, eines Tages steht der Feind vor den Toren oder der Tronfolger ist den Blauen und Grünen des Zirkus nicht genehm, der Aufstand tobt durch die Strassen, und die deutsche Herzogstochter wird geblendet ins Kloster gesteckt ... Was frommt's ihr dann, dass ihre Kinder schon in der Wiege mit dem Titel Alleredelster begrüsst wurden? Praxedis, ich weiss, warum ich nicht nach Konstantinopolis ging."

"Der Kaiser ist der Herr der Welt", sprach die Griechin; "was der Wille seiner Ewigkeit ordnet, ist wohlgetan: so hat man mich gelehrt."

"Hast du auch schon darüber nachgedacht, dass es dem Menschen ein kostbar Gut ist, sein eigener Herr zu sein?"

"Nein", sprach Praxedis.

Das angeregte Gespräch behagte der Herzogin.

"Was hat denn", fuhr sie fort, "euer Byzantiner Maler für einen Bescheid heimgebracht, da er mein Konterfei fertigen sollte?"

Die Griechin schien die Frage überhört zu haben. Sie hatte sich erhoben und stand am Fenster.

"Praxedis", sprach Frau Hadwig scharf, "antworte!"

Da lächelte die Gefragte mild und sagte: "Das ist schon eine lange Zeit her, aber Herr Michael Tallelaios hat wenig Gutes von Euch gesprochen. Die schönsten Farben habe er bereitgehalten, so erzählt er uns, und die feinsten Goldblättchen, Ihr seiet ein reizend Kind gewesen, wie man Euch zum Gemaltwerden vor ihn führte, und es hab' ihn feierlich angemutet, als sollt' er seine ganze Kunst zusammennehmen, wie damals, als er die Mutter Gottes fürs Atoskloster malte. Aber die Prinzessin Hadwig hätten geruht, die Augen zu verdrehen, und wie er eine bescheidene Einwendung erhoben, hätten Eure Gnaden die Zunge gewiesen und beide hände mit gestreckten Fingern an die Nase gehalten und in anmutig gebrochenem Griechisch gesagt, das sei die rechte Stellung.

Der Herr Hofmaler nahm Veranlassung, vieles über den Mangel an Bildung in deutschen Landen dran zu knüpfen, und hat einen hohen Schwur getan, dass er zeitlebens dort kein fräulein mehr malen wolle. Und der Kaiser Basilius hat auf den Bericht hin grimmig in seinen Bart gebrummt ...8"

"Lass Seine Majestät brummen", sprach die Herzogin. "Und flehe zum Himmel, dass er jeder andern die Geduld verleihen möge, die mir damals ausging. Ich habe noch nicht gelegenheit gehabt, einen Affen zu sehen, aber allem zufolge, was glaubwürdige Männer erzählen, reicht Herrn Michaels Ahnentafel zu jenen Mitgliedern der Schöpfung hinauf."

Sie hatte inzwischen die Armspange angelegt, es waren zwei ineinander verstrickte Schlangen, die sich küssen, jede trug ein Krönlein auf dem Haupt9. Da ihr unter dem vielen Geschmucke jetzt ein schwerer silberner Pfeil unter die hände geraten war, so musste auch er seinen Aufentalt im Gefängnis des Schreins mit anderem platz vertauschen. Er ward in die Maschen des goldfadigen Haarnetzes gezogen.

Als wollte sie des Schmuckes wirkung prüfen, ging Frau Hadwig mit grossen Schritten durchs Gemach. Ihr gang war herausfordernd. Aber der Saal war leer; selbst die Burgkatze war von dannen geschlichen. Spiegel waren keine an den Wänden. Der Zustand wohnlicher Einrichtung überhaupt liess damals manches zu wünschen übrig.

Praxedis' Gedanken waren noch bei der vorigen geschichte. "Gnädige Gebieterin", sprach sie, "er hat mich doch gedauert."

"Wer?"

"Des Kaisers Sohn. Ihr seid ihm im Traum erschienen", sagt' er, "und all sein Glück hab' er von Euch erhofft. Er hat auch geweint ..."

"Lass die Toten ruhen", sprach Frau Hadwig ärgerlich. "Nimm lieber die Laute und sing mir das griechische Liedlein:"

"Konstantin, du armer Knabe,

Konstantin, und lass das Weinen!"

"Sie ist zersprungen", war die Antwort, "und alle saiten zugrund' gerichtet, seit die Frau Herzogin geruhten, sie ..." "Sie dem Grafen Boso von Burgund an Kopf zuwerfen