, wer sie noch weiss, dass er sehen kann, wie der Väter Sünden gerächt werden an Kind und Kindeskind. Wisst Ihr, warum der grosse Karl das einemal in seinem Leben geweint hat? 'Solange ich lebe, sind's Narrenpossen', sprach er, da sie ihm der nordmännischen Seeräuber Ankunft meldeten, 'aber mich dauern meine Enkel147!'"
"Noch haben wir einen Kaiser und ein Reich", warf Ekkehard ein.
"Habt ihr noch einen?" sprach der Greis und trank seinen Schluck sauern Sipplinger und schüttelte sich: "Ich wünsch' ihm Glück. Die Ecksteine sind gesplittert, das Gebäu ist morsch. Mit übermütigen Herren kann kein Reich bestehen; die gehorchen sollen, herrschen, und der Herrschen soll, muss schmeicheln statt gebieten. Ich hab' von einem gehört, dem haben seine getreuen Untertanen den Tribut in Kieselsteinen statt in Silber geschickt, und der Kopf des Grafen, der ihn heischen sollte, lag dabei im Sack. Wer hat's gerächt? ..."
"Der Kaiser", sprach Ekkehard, "zieht in Welschland zu feld und erwirbt grossen Ruhm."
"O Welschland, Welschland!" fuhr der Alte fort, "das wird noch ein schlimmer Pfahl im deutschen Fleische werden. Jenes einemal hat sich der grosse Karl ..."
"Den Gott segnen möge!" fiel Rauching ein.
"... einen blauen Dunst vormachen lassen. 's war ein schlimmer Tag, wie sie ihm in Rom die Krone aufsetzten, und hat keiner gelacht, wie der auf Petri Stuhl. Der hat uns nötig gehabt – aber was haben wir mit Welschland zu schaffen? Schaut hinaus: ist die Gebirgsmauer dort für nichts himmelan gebaut? Das jenseits gehört denen in Byzantium, und von Rechts wegen; griechische List wird dort eher fertig als deutsche Kraft; aber die Nachfolgenden haben nichts zu tun, als des grossen Karl Irrtum ewig zu machen. Was er Vernünftiges gewiesen, haben sie mit Füssen getreten, in Ost und Nord war vollauf zu tun, aber nach Welschland muh gerannt werden, als säss' in den Bergen hinter Rom der grosse Magnetstein. Ich hab' oft drüber nachgedacht, was uns in die falsche Bahn gewiesen; – wenn's nicht der Teufel ist, kann's nur der gute Wein sein148."
Ekkehard war betrübt geworden ob des Alten Reden. Der schien es zu merken. "Lasst Euch nicht anfechten, was ein Begrabener sagt", sprach er zu ihm, "wir in der Heidenhöhle machen's nicht anders, aber die Wahrheit hat schon manchesmal in Höhlen gehaust, wenn draussen der Unsinn mit grossen Schritten durchs Land ging."
"Ein Begrabener?" sprach Ekkehard fragend.
"Deshalb könnt Ihr doch mit ihm anstossen", sprach der Alte scherzend. "'s war nötig, dass ich vor der Welt gestorben bin, das Kopfweh und die Schurken haben mich in Unehren gebracht. Braucht mich darum nicht so anzusehen, Mönchlein. Setzt Euch her auf die Steinbank, ich will Euch eine schöne geschichte erzählen – Ihr könnt ein Lied zur Laute darüber machen ...
Es war einmal ein Kaiser, der hatte wenig frohe Tage, denn sein Reich war gross und er selber war dick und stark und das Kopfweh plagte ihn, seit dass er auf dem Tron sah. Darum nahm er sich einen Erzkanzler, der war ein feiner Kopf und konnte mehr denken als sein Herr, denn er war dünn und hager wie eine Stange und hatte kein Kopfweh. Und der Kaiser hatte ihn aus dunkler Herkunft emporgehoben, denn er war eines Hufschmieds Sohn, und erwies ihm Gutes und tat alles, was er ihm riet; und schloss sogar einen elendigen Frieden mit den Nordmännern: denn der Kanzler sagte ihm, das sei unbedeutend, er habe wichtigere Geschäfte, als sich um ein paar Seeräuber zu kümmern. Der Kanzler ging nämlich in selber Zeit zu des Kaisers Ehgemahlin und berückte ihr schwaches Herz und vertrieb ihr die Zeit mit Saitenspiel und liess nebenbei der edlen Alemannen Töchter entführen und verschwor sich mit seines Kaisers Widersachern. Und wie dieser endlich einen Reichstag ausschrieb, um der Not zu steuern, stunde sein hagerer Kanzler dort unter den ersten, die wider ihn sprachen; mit neque enim begann er seine Rede und bewies, sie müssten ihn absetzen, und sprach so giftig und schlangenklug gegen den Nordmännerfrieden, den er selber geschlossen, dass sie alle von ihrem rechtmässigen Herrn abfielen wie welke Blätter, wenn der Herbstwind die Wipfel schüttelt. Und sie schrieen, die Zeit der Dicken sei vorbei und setzten ihn ab, mit dreifacher Krone auf dem Haupt war der Kaiser in Tribur eingeritten, wie er von dannen zog, nannte er nicht Mehres sein, als was er auf dem Leib trug, und sass zu Mainz vor des Bischofs Pfalz und war froh, da sie ihm eine Suppe zum Schiebfenster herausreichten.
Der brave Kanzler hat Luitward von Vercelli geheissen – Gott lohn' ihm seine Treue nach Verdienst und der Kaiserin Richardis auch und allen zusamm'149!
Wie sie aber im Schwabenland sich des Verstossenen erbarmten und ihm ein notdürftig Gütlein schenkten, sein Leben zu fristen, und wie sie dran dachten, mit Heeresmacht für sein gekränktes Recht zu streiten, da sandte der Luitward auch noch Mörder wider ihn. 's war eine schöne Nacht im Neidinger hof, der Sturm brach die Äste im Forst und die Fensterladen klapperten,