1855_von_Scheffel_157_58.txt

s schon so lang' heim, dass mir's wie ein alter Bekannter erscheint. Habt Ihr auch schon Kopfweh gehabt? Ich rate Euch, zieht niemals zu feld, wenn Euch Kopfweh plagt, und schliesst keinen Frieden, es kann ein Reich kosten, das Kopfweh ..."

"Soll Euch kein Arzt ..." wollte Ekkehard fragen.

"Der Ärzte Weisheit ist erschöpft. Sie haben's gut mit mir gemeint."

Er wies auf seine Stirn; zwei alte Narben kreuzten sich darauf. "Schaut her! und wenn sie Euch das verordnen wollen, müsst's nicht anwenden! An den Füssen bin ich aufgehangen worden in jungen Tagen, dann die Einschnitte im Kopfein Stück Blut und ein Stück Verstand haben sie mir genommen: nichts geholfen!"

"In CremonaZedekias hat der hebräische Weise geheissenhaben sie die Sterne gefragt und mich in dämmernder Mitternacht unter einen Maulbeerbaum gestellt; 's war ein langer Spruch, mit dem sie das Kopfweh in den Baum hinein verfluchten: nichts geholfen!

In deutschen Landen gepulverte Krebsaugen verordnet, gemischt mit etlichem Staub von des heiligen Markus Grab und einen Trunk Seewein drauf142: auch nichts. Jetzt bin ich's gewöhnt. Das ärgste leckt des Mummolin rauhe Zunge hinweg. Komm her, braver Mummolin, der mich noch nicht verraten hat ..."

Er schwieg atemschöpfend und streichelte den Hund.

"Meine Botschaft ..." hub Ekkehard an.

Der Greis aber winkte ihm: "Geduldet Euch, nüchtern ist nicht gut reden. Ihr werdet hungrig sein. 'Nichts ist niederträchtiger und heiliger als der Hunger143!' hat jener Dekan gesagt, da sein Gastfreund von sechs Forellen fünf ass und ihm die kleinste zurückliess. Wer mit der Welt draussen zu tun gehabt, vergisst den Spruch nicht. Rauching, richt' unser Mahl!"

Der ging hinüber in ein anstossend Felsengemach, das war zur Küche hergerichtet; in etlichen Nischen stunden seine Vorräte; bald wirbelte aus dem Höhlenschornstein eine weisse Rauchwolke dem blauen Himmel entgegen, und das Werk des Kochens war beendet. Eine Steinplatte musste als Tisch gelten. Als des Mahles Krone prangte ein Hecht, aber der Hecht war alt und trug Moos auf dem Haupt, sein Fleisch schmeckte zäh wie Leder. Auch einen Krug rötlichen Weines brachte Rauching herbei, aber der wuchs auf den Sipplinger Hügeln, und die erfreuen sich noch heute des Leumunds, dass ihr Wein der sauern sauerster am ganzen See144. Rauching wartete auf und sass nicht zu ihnen nieder.

"Was bringt Ihr mir?" fragte der Alte, wie die schmale Mahlzeit beendet.

"Schlimme Botschaft; die Hunnen sind ins Land gebrochen, bald treten ihre Hufe die schwäbische Erde."

"Recht!" sprach der Greis, "das gehört euch. Sind die Nordmänner auch wieder auf der Fahrt?"

"Ihr sprechet sonderbar", sagte Ekkehard.

Des Alten auge' ward glänzender. "Und wenn euch die Feinde wie Schwämme aus der Erde wachsen, ihr habt's verdient, ihr und eure Herren. Rauching, füll' dein Glas, die Hunnen kommen ... neque enim! Nun soll euch die Suppe schmecken, die eure Herren gesalzen haben. Ein grosses stolzes Reich ist aufgerichtet gestanden, vom Ebro bis an die Raab und bis hinauf an die dänische Mark, keine Rattmaus hätt' einschleichen dürfen, ohne dass treue Wächter sie gefangen, so hat's der grosse Kaiser Karl ..."

"Den Gott segnen möge!" fiel Rauching ein.

"... gefestigt hingestellt; die Stämme, die dem Römer einst zusammen den Garaus gemacht, ein Ganzes, wie sich's gehört, damals hat der Hunn scheu hinter seinem Landhag an der Donau gelauert, 's war kein Wetter für ihn, und wie sie sich rühren wollten, ist von ihrer hölzernen Lagerstatt tief in Pannonien drin kein Span mehr übriggeblieben, so hat die fränkische Landwehr drein gewettert ...145 aber die Grossen in der Heimat hat's gedrückt, dass nicht ein jeder der Herr der Welt sein kann; da hat's innerhalb des eigenen Zauns probiert sein müssenAufruhr, Empörung und Reichsverrat, das schmeckt besser, den letzten von Karls Stamme, der des Weltreichs Zügel führte, haben sie abgesetztdas Symbolum der Reichseinheit ist ein Bettelmann worden und muss ungeschmälzte Wassersuppen essennun, und eure Herren, denen der Bastard Arnulf und ihr eigener Übermut lieber war, haben die Hunnen auf dem Nacken, und die alten zeiten kommen wieder, wie sie schon der König Etzel malen liess. Kennt Ihr das Bild im Mailänder Palast?

Dort war der römische Kaiser gemalt, wie er auf seinem Tron sass und die skytischen Fürsten ihm zu Füssen lagen; da kam der König Etzel des weges geritten und sah die Malerei lang' an und lachte und sprach: 'Ganz recht; nur eine kleine Änderung!' Und er liess dem Mann auf dem Tron sein eigen Antlitz geben, und die vor ihm knieten und die Säcke voll Zinsgold vor seinem Tron ausleerten, waren die römischen Cäsaren146...

Das Bild ist heute noch zu schauen ..."

"Ihr denkt an alte Geschichten", sprach Ekkehard.

"Alte Geschichten!" rief der Greis: "Für mich hat's seit vierzig Jahren nichts Neues gegeben als Not und Elend. Alte Geschichten! 's ist gut