1855_von_Scheffel_157_57.txt

sprang bellend hervor, zwei Schritte vor Ekkehard hielt er, zu Sprung und Biss bereit, seine Augen starr auf den Mönch gerichtet; der durfte keinen Schritt vorwärts machen, so fuhr ihm der Hund an den Hals. Die Stellung war nicht beneidenswert, Rückzug unmöglich, Waffen trug Ekkehard nicht. So blieb er seinem Gegner gegenüber eine Weile starr stehen; da schaute aus der Fensteröffnung zur Seite eines Mannes Angesicht: ein Graukopf war's mit stechenden Augen und rötlichem Bart.

"Gebietet dem Tier Ruhe!" rief Ekkehard.

Dauerte nicht lange, so erschien der Graukopf unter dem Eingang. Er war mit einem Spiess bewaffnet.

"Rückwärts, Mummolin!" rief er.

Ungern gehorchte das grosse Tier. Erst wie ihm der Graue den Spiess zeigte, zog sich's knurrend zurück.

"Man sollt' Euch den Hund erschlagen und neun Schuh hoch über Euer Tor hängen, bis er verfaulte und stückweis auf Euch herunterfiele141", sprach Ekkehard zürnend, "schier hat er mich ins wasser gestürzt." Er sah sich um, in senkrechter Tiefe rauschte der See zu seinen Füssen.

"In den Heidenhöhlen gilt kein Landrecht!" gab der Graue trotzig zurück. "Bei uns heisst's: Zwei Mannslängen vom Leib, oder wir schlagen Euch den Schädel ein."

Ekkehard wollte vorwärts gehen.

"Halt an!" fuhr der Mann unterm Eingang fort und hielt den Spiess vor, "so schnell geht's nicht. Wohin des weges?"

"Zum Alten in der Heidenhöhle", sprach Ekkehard.

"Zum Alten in der Heidenhöhle?" schalt der andere, "habt Ihr kein ehrerbietiger Wort für ihren Inwohner, gelbschnäbliger Kuttenträger?"

"Ich weiss nicht anders", sagte Ekkehard betroffen. "Mein Gruss heisst neque enim!"

"Das lautet besser", sprach der Graue treuherzig und reichte ihm die Hand. "Woher des weges?"

"Vom hohen Twiel. Ich soll Euch ..."

"Halt an, ich bin nicht, den Ihr suchet, bin nur sein Dienstmann Rauching. Ich werde' Euch anmelden."

Angesichts der starren Felswände und des schwarzen Hundes war diese Förmlichkeit befremdend. Ekkehard stand harrend, es dauerte eine gute Weile, schier als wenn Vorbereitungen zum Empfang getroffen würden. Dann erschien Rauching wieder: "Wollet eintreten." Sie gingen den dunkeln gang entlang, dann weitete sich der Höhlenraum, ein Gemach war von Menschenhänden in den Fels gehauen, hoch, stattlich, in spitzbogiger Wölbung; ein rohes Gesimse zog sich um die Wände, die Fensteröffnungen weit und luftig; wie von einer Rahme umfasst glänzte ein Stück blauer See und gegenüberliegendes Waldgebirge herein, eine flimmernde Schichte Sonnenlicht drang durch sie in des Gemaches Dunkel. Spuren von Steinbänken waren da und dort sichtbar, nah beim Fenster stunde ein hoher steinerner Lehnstuhl, ähnlich dem eines Bischofs in alten Kirchen, eine Gestalt sah drin. Es war ein fremdartig Menschenbild, mächtigen Umfangs, schwer sass das schwere Haupt zwischen den Schultern, Runzeln durchfurchten Stirn und Wangen, spärlich weisses Hauptaar lockte sich um den Scheitel, schier zahnlos der Mund: der Mann musste steinalt sein. Ein Mantel von unkenntlicher Farbe hing um des Greisen Schulter, die Rückseite, die des Stuhles Lehne verdeckte, mochte stark Fadenschein tragen, in Saum und Faltenwurf sassen Spuren vergangener Flickung. Seine Füsse waren mit rauhem Stiefelwerk bekleidet, ein alter Hut, mit verstäubtem Fuchspelz verbrämt, lag zur Seite. Eine Nische der Felsvertiefung trug ein Schachzabelbrett mit elfenbeingeschnittenen Figuren, es war eine Partie zu Ende gespielt worden, noch stand der König matt gesetzt durch einen Turm und zwei Läufer ...

"Wer kommt zu den Vergessenen?" fragte der Greis mit dünner stimme. Da neigte sich Ekkehard vor ihm und nannte seinen Namen und wer ihn gesandt.

"Ihr habt ein böses Losungswort mit Euch gebracht. Erzählen die Leute draussen noch vom Luitward von Vercelli?"

"Dessen Seele Gott verdammen möge!" fiel Rauching ergänzend ein.

"Ich habe nichts von ihm gehört", sprach Ekkehard.

"Sag's ihm, Rauching, wer der Luitward war, 's wär' schade, wenn sein Gedächtnis ausstürbe bei den Menschen."

"Der grösste Schurke, den je ein Sonnenstrahl beschienen", war Rauchings Antwort.

"Sag' ihm auch, was neque enim heisst."

"Es gibt keinen Dank auf dieser Welt, und von eines Kaisers Freunden ist auch der beste ein Verräter!"

"Auch der beste ein Verräter", sprach der Alte in Gedanken. Sein blick fiel auf das nahestehende Schachbrett. "Jawohl!" murmelte er leise, "matt gesetzt, durch Läufer und Überläufer matt gesetzt ..." er ballte die Faust, als wolle er aufspringen, dann seufzte er laut und fuhr mit der welken Hand nach der Stirn und stützte sein schweres Haupt auf.

"Das Kopfweh!" sprach er ... "das verfluchte Kopfweh!"

"Mummolin!" rief Rauching.

Mit grossen Sätzen kam der schwarze Hund vom Eingang her gesprungen; wie er den Alten mit aufgestülptem Haupt gewahrte, trat er schmeichelnd heran und leckte ihm die Stirn. "Es ist gut", sprach der Greis nach einer Weile und richtete sich wieder auf.

"Seid Ihr krank?" fragte Ekkehard teilnehmend.

"Krank?" sprach der Alte – "'s mag eine Krankheit sein. Mich sucht'