1855_von_Scheffel_157_56.txt

Virgilius wird eine Zeitlang in Ruhe kommen", sprach sie zu ihm und teilte ihm die Nachricht von der Hunnen Gefahr mit. Die Lage der Dinge war nicht erfreulich.

Die Grossen des Reichs hatten in langen Fehden verlernt, zu gemeinsamem Handeln einzustehen; der Kaiser, aus sächsischem Stamm und den Schwaben nicht sonderlich hold, schlug sich fern von den deutschen Grenzen in Italien herum, die Strasse nach dem Bodensee stunde den fremden Gästen offen. An ihrem Namen haftete der Schreck. Seit Jahren schwärmten ihre Haufen wie Irrlichter durch das zerrüttete Reich, das Karl der Grosse unfähigen Nachfolgern hinterlassen; von den Ufern der Nordsee, wo die Trümmerstätte von Bremen Zeugnis ihres Einfalls gab, bis hinab an die Südspitze Kalabriens, wo der Landeingeborene ihnen Mann für Mann ein Lösegeld für seinen Kopf zahlen musste, zeichnete Brand und Plünderung ihre Spur ...

"Wenn der fromme Bischof Ulrich keine Gespenster gesehen hat", sprach die Herzogin, "so kommen sie auch zu uns, was ist zu tun? In Kampf ziehen? Auch Tapferkeit ist Torheit, wenn der Feind übermächtig. Durch Tribut und Goldzins Frieden kaufen und sie auf der Nachbarn Grenzen hetzen? Andere haben's getan; wir haben von Ehr' und Unehr' andere Meinung."

"Uns auf dem Twiel verschanzen und das Land preisgeben? Es sind unsere Untertanen, denen wir herzoglichen Schutz gelobt. Ratet!"

"Mein Wissen ist auf solchen Fall nicht gerüstet", sprach Ekkehard betrübt.

Die Herzogin war aufgeregt. "O Schulmeister", rief sie vorwurfsvoll, "warum hat Euch der Himmel nicht zum Kriegsmann werden lassen? Es wäre vieles besser!"

Da wollte Ekkehard verletzt von dannen gehen. Das Wort war ihm ins Herz gefahren wie ein Pfeil und setzte sich tief darin fest. Es lag ein Stück Wahrheit in dem Vorwurf, darum schmerzte er.

"Ekkehard!" rief ihm Frau Hadwig nach, "Ihr sollt nicht gehen. Ihr sollt mit Eurem Wissen der Heimat dienen; und was Ihr noch nicht wisst, sollt Ihr lernen. Ich will Euch zu einem schicken, der weiss Bescheid in solchen Dingen, wenn er noch lebt. Wollt Ihr meinen Auftrag bestellen?"

Ekkehard hatte sich umgewandt. "Ich war noch nie säumig, meiner Herrin zu dienen", sprach er.

"Ihr dürft aber nicht erschrecken, wenn er Euch spröd und rauh anlässt, er hat viel Unbill erfahren von früheren Geschlechtern, die heutigen kennen ihn nicht mehr. Dürft auch nicht erschrecken, wenn er Euch gar alt und fett erscheint."

Er hatte aufmerksam zugehört: "Ich verstehe Euch nicht ganz ..."

"Tut nichts", sprach die Herzogin. "Ihr sollt morgen nach dem Sipplinger Hof hinüber, drüben am Überlinger See, wo die Felswand sich steil in die Flut herabsenkt, ist aus alten zeiten allerhand Gelass zu menschlicher wohnung in den Stein gehauen. Wenn Ihr den Rauch eines Herdfeuers aus dem Berg aufsteigen sehet, so geht hinauf. Dort findet Ihr, den ich meine, redet mit ihm von wegen der Hunnen ..."

"Zu wem sendet mich meine Herrin?" fragte Ekkehard gespannt.

"Zum Alten in der Heidenhöhle", sagte Frau Hadwig. "Man weiss hierlands keinen andern Namen von ihm. Aber halt!" fuhr sie fort, "ich muss Euch auch das Wort mitgeben für den Fall, dass er den Einlass weigert."

Sie ging zu ihrem Schrank und stöberte unter Schmuck und Gerätschaften; dann brachte sie ein Schiefertäflein, drauf standen etliche Buchstaben gekritzelt: "Das sollt Ihr zu ihm sagen und einen Gruss von mir."

Ekkehard las. Es waren die zwei unverständlichen lateinischen Worte: "Neque enim!" sonst nichts. "Das hat keinen Sinn", sprach er.

"Tut nichts", sagte Frau Hadwig, "der Alte weiss, was es ihm bedeutet ..."

Bevor der Hahn den Morgen anrief, war Ekkehard schon durchs Tor von Hohentwiel ausgeritten. Kühle Frühluft wehte ihm ums Antlitz; er hüllte sich tief in die Kapuze. "Warum hat Euch der Himmel nicht zum Kriegsmann werden lassen? Es wäre vieles besser!" Das Wort der Herzogin ging mit ihm wie sein Schatten. Es war ihm ein Sporn zu mutigen Entschlüssen. Wenn die Gefahr kommt, dachte er, soll sie den Schulmeister nicht hinter seinen Büchern sehen!

Sein Ross trabte gut. In wenigen Stunden ritt er über die waldigen Höhen, die den Untersee von dem See von Überlingen trennen. Am herzoglichen Meierhof Sernatingen grüsste ihn die blaue Flut des Sees, er liess sein Ross dem Meier und schritt den Pfad voran, der hart am Ufer hinführte.

An einem Vorsprung hielt er eine Weile, gefesselt von der weiten Umschau. Der blick flog unbegrenzt über die Wasserfläche bis zu den Rätischen Alpen, die, eine kristallklare Mauer, sich als Ende der Landschaft himmelan türmen.

Wo die Sandsteinfelsen senkrecht aus dem See emporstiegen, lenkte sich der Pfad aufwärts. Stufen im Fels erleichterten den Schritt, gehauene Fensteröffnungen, mit dunkeln Schatten in der Tiefe die Lichte der Felswand unterbrechend, wiesen ihm den Ort, dran einst in zeiten römischer herrschaft unbekannte Männer sich in Weise der Katakomben ein Höhlenasyl eingegraben140.

Das Aufsteigen war beschwerlich. Jetzt trat er auf einen ebenen Geviertraum, wenig Schritte im Umfang, von jungem Gras bewachsen. Vor ihm öffnete sich ein mannshoher Eingang in den Felsen, aber ein riesiger schwarzer Hund