eines Augenblicks Frist zu vollenden".
"Ich danke Euch", sprach Ekkehard und legte die Feder nieder.
Praxedis trat zu ihm unb beugte sich vor, in sein Blatt zu sehen. "Schändlicher Verrat", sprach sie, "das Bild hat ja keinen Kopf."
"Ich brauche nur den Faltenwurf", sagte Ekkehard.
"Ihr habt Euer Glück versäumt", scherzte Praxedis im früheren Ton; "das Antlitz treu abgebildet und wer weiss, ob wir in fürstlicher Gnade Euch nicht zum Patriarchen von Konstantinopel ernannt hätten."
Es wurden Schritte hörbar. Schnell riss Praxedis den Mantel von den Schultern, dass er auf den Arm niedersank. Schon stand die Herzogin vor den Heiden.
"Wollt Ihr wieder Griechisch lernen?" sprach sie vorwurfsvoll zu Ekkehard.
"Ich hab' ihm den edlen Sardonyx an meiner Herrin Mantel Agraffe gezeigt; es ist so ein feingeschnittener Kopf", sagte Praxedis, "Herr Ekkehard versteht sich aufs Altertum. Er hat das Antlitz recht gelobt ..."
Auch Audifax traf seine Vorbereitungen für Weihnachten. Seine Hoffnung auf Schätze war sehr geschwunden. Er hielt sich jetzt an das wirklich Vorhandene. Darum stieg er oft nächtlich ins Tal hinunter ans Ufer der Aach, die mit trägem Lauf dem See entgegenschleicht. Beim morschen Steg stand ein hohler Weidenbaum. Dort lauerte Audifax manches Stündlein, den erhobenen Rebstecken nach des Baumes Öffnung gerichtet. Er stellte einem Fischotter nach. Aber keinem Denker ist die Erforschung der letzten Gründe alles Seins so schwierig geworden, wie dem Hirtenknaben seine Otterjagd. Denn aus dem hohlen Ufer zogen sich noch allerhand Ausgänge in den Fluss, die der Otter wusste, Audifax nicht. Und wenn Audifax oft vor Kälte zitternd sprach: "Jetzt muss er kommen!", so kam weit stromaufwärts ein Gebrause hergetönt, das war sein Freund, der dort die Schnauze übers wasser streckte und Atem holte; und wenn Audifax leise dem Ton nachschlich, hatte sich der Otter inzwischen auf den rücken gelegt und liess sich gemächlich stromab treiben ...
In der Hohentwieler Küche war Leben und Bewegung, wie im Zelt des Feldherrn am Vorabend der Schlacht. Frau Hadwig selbst stand unter den dienenden Mägden, sie trug keinen Herzogsmantel, wohl aber einen weissen Schurz, teilte Mehl und Honig aus und ordnete die Backung der Lebkuchen an. Praxedis mischte Ingwer, Pfeffer und Zimt zur Würze des Teigs.
"Was nehmen wir für eine Form?" fragte sie. "Das Viereck mit den Schlangen?"
"Das grosse Herz132 ist schöner", sprach Frau Hadwig. Da wurden die Weihnachtlebkuchen in der Herzform gebacken, den schönsten spickte Frau Hadwig eigenhändig mit Mandeln und Kardamomen.
Eines Morgens kam Audifax ganz erfroren in die Küche und suchte sich ein Plätzlein am Herdfeuer; seine Lippen zitterten wie in Fieberschauer, aber er war wohlgemut und freudig. "Rüste dich, Büblein", sprach Praxedis zu ihm, "du musst heute nachmittag hinüber in den Wald und ein Tännlein hauen."
"Das ist nicht meines Amtes", sprach Audifax stolz, "ich will's aber tun, wenn Ihr mir auch einen Gefallen tut."
"Was befiehlt der Herr Ziegenhirt?" fragte Praxedis.
Audifax sprang hinaus, dann kam er wieder und hielt einen dunkelbraunen Balg siegesfroh in die Höhe, das kurze glatte Haar glänzte daran, dicht und weich war's anzufühlen.
"Woher das Rauchwerk?" fragte Praxedis.
"Selbst gefangen", sprach Audifax und sah wohlgefällig auf seine Beute. "Ihr sollt eine Pelzhaube für die Hadumot daraus machen."
Die Griechin war ihm wohlgesinnt und versprach Erfüllung der Bitte.
Der Weihnachtsbaum war gefällt; sie schmückten ihn mit Äpfeln und Lichtlein, die Herzogin richtete alles im grossen Saal. Ein Mann von Stein am Rhein kam herüber und brachte einen Korb, der mit Leinwand zugenäht war. "Es sei von Sankt Gallen", sprach er, "für Herrn Ekkehard." Frau Hadwig liess den Korb uneröffnet zu den andern Gaben stellen.
Der heilige Abend war gekommen. Die gesamten Insassen der Burg versammelten sich in festlichem Gewand, zwischen herrschaft und Gesind' sollte heute keine Trennung sein. Ekkehard las ihnen das Evangelium von des Heilands Geburt, dann gingen sie paarweise in den grossen Saal hinüber, da flammte heller Lichtglanz und festlich leuchtete der dunkle Tannenbaum – als die letzten traten Audifax und Hadumot ein, ein Blättlein Goldschaum vom Vergolden der Nüsse lag an der Schwelle, Audifax bückte sich darnach, es zerging ihm unter den Fingern. "Das ist dem Christkind von den Flügeln abgefallen", sprach Hadumot leise zu ihm.
Auf grossen Tischen lagen die Geschenke für die dienenden Leute, ein Stück Leinwand oder gewoben Tuch und einiges Gebäck; sie freuten sich des nicht allzeit so milden Sinnes der Gebieterin. Bei Hadumots Anteil lag richtig die Pelzhaube. Sie weinte, als Praxedis ihr freundlich den Geber verriet. "Ich hab' nichts für dich", sagte sie zu Audifax. "Es ist statt der Goldkrone", sprach der. Knechte und Mägde dankten der Herzogin und gingen in die Gesindestube hinunter.
Frau Hadwig nahm Ekkehard bei der Hand und führte ihn an ein Tischlein. "Das ist für Euch", sprach sie. Beim mandelgespickten Lebkuchenherz und dem Korb lag ein schmuckes priesterliches Samtbarett und eine prächtige Stola, Grund und Fransen waren von Goldfaden, dunkle Punkte waren mit schwarzer Seide drein gestickt, einige mit Perlen ausgeziert, sie war eines Bischofs