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dass einer mehr wert sein kann, als er selber aus sich zu machen weiss?"

"Vom Mangel an Grazie", sagte die Griechin. "In andern Ländern hab' ich das Umgekehrte wahrgenommen, aber hier sind die Menschen zu träge, mit jedem Schritt, mit jeder Handbewegung, mit jedem Wort auszusprechen: 'das bin ich'. Sie denken's lieber und meinen, es müsste dann die ganze Welt auf ihrer Stirn lesen, was dahinter webt und strebt."

"Wir sind doch sonst so fleissig", sprach Frau Hadwig wohlgefällig.

"Die Büffel schaffen auch den ganzen Tag", hätte Praxedis schier erwidert, aber in diesem Falle begnügte sie sich damit, es gedacht zu haben.

Ekkehard war unbefangen. Es fiel ihm nicht ein, dass er der Herzogin ungeeignet geantwortet. Er hatte wirklich an das Gleichnis der Schrift gedacht und übersehen, dass es dem leisen Ausdruck einer Zuneigung gegenüber nicht zweckmässig ist, die Schrift anzuführen. Er verehrte die Herzogin, aber mehr als den verkörperten Begriff der Hoheit, denn als Frau. Dass Hohes Anbetung fordert, war ihm nicht eingefallen, noch weniger, dass auch die höchste Erscheinung oft mit einfacher Liebe zufrieden ist. Frau Hadwigs üble Laune nahm er wahr. Er begnügte sich, seine Wahrnehmung in dem allgemeinen Satz niederzulegen, dass der Umgang mit einer Herzogin schwieriger sei als der mit Ordensbrüdern nach der Regel des heiligen Benedikt. Aus Vincentius' nachgelassenen Büchern studierte er die Briefe des Apostels Paulus. Herr Spazzo ging in jener Zeit hochmütiger an ihm vorüber denn früher.

Frau Hadwig fand, dass es besser sei, ins frühere Geleis zurückzukehren. "Es war doch ein mächtiger Anblick", sprach sie eines Tages zu Ekkehard, "wie wir vom hohen Krähen nach den Schneegebirgen schauten. Kennt Ihr aber das Hohentwieler Wetterzeichen? Wenn die Alpen recht klar und nah am Himmel sich abzeichnen, schlägt die Witterung um. Es sind wirklich schlechte Tage darauf gefolgt. Wir wollen wieder Virgilius lesen."

Da holte Ekkehard vergnügt seinen schweren metallbeschlagenen Virgilius und sie setzten die Studien fort. Er erklärte den Frauen der Äneïde zweites Buch, den Fall der hohen Troja, das hölzerne Pferd und Simons List und Laokoons bittres Verderben, den nächtlichen Kampf, Cassandras Geschick und Priamus' Tod, die Flucht mit dem greisen Anchises.

Mit sichtbarer Teilnahme lauschte Frau Hadwig der spannenden Erzählung. Nur mit dem Verschwinden von Äneas' Ehegemahlin Kreusa war sie nicht ganz zufrieden. "Das braucht er vor der Königin Dido nicht so breit zu erzählen", sprach sie, "die Lebende hat sicher nicht gern gehört, dass er der Entschwundenen so lange nachgelaufen. Verloren ist verloren."

Indessen zog der Winter mit scharfem Schritt heran. Der Himmel blieb trüb und bleigrau, die Ferne verhüllt; erst zogen die Berggipfel rings die weisse Schneedecke um, dann folgte Feld und Tal dem Beispiel. Junge Eiszapfen prüften das Gebälke unter dem Dach, ob sie sich für etliche Monate ungestört dran niederlassen möchten; die alte Linde im Schlosshof hatte längst wie ein fürsichtiger Hausvater, der die abgetragenen Gewandungen dem Hebräer überlässt, ihre welken Blätter dem Spiel der Winde hingeschütteltes war ein grosser Bündel, sie zerzausten ihn in alle Lüfte. An ihre Äste kamen krächzend die Raben aus den nahen Wäldern geflogen, spähend, ob nicht aus der Burg Küche dann und wann ein Knöchlein für sie abfalle. Einmal kam einer mit den schwarzen Brüdern, dessen Flug war schwierig, die Schwungfedern verstümmeltda ging Ekkehard über den Schlosshof, der Rabe aber flog schreiend auf und suchte das Weite, er hatte den Mönchshabit schon früher gesehen und war ihm nicht hold.

Des Winters Nächte sind lang und dunkel. Dann und wann blitzt ein Nordlicht auf. Aber leuchtender als alles Nordlicht steht jene Nacht in der Menschen Gemüt, da die Engel niederstiegen zu den Hirten auf der Feldwacht und ihnen den Grüss brachten: "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden allen, die eines guten Willens sind."

Auf dem hohen Twiel rüsteten sie zur Feier der Weihnacht durch freundliches Geschenk. Das Jahr ist lang und zählt der Tage viel, in denen man sich Freundliches erweisen kann, aber der Deutschen Sinnesart will auch dafür einen Tag vorgeschrieben haben, darum ist bei ihnen vor anderem Volk die Sitte der Bescherung eingeführt. Das gute Herz hat sein besonder Landrecht.

In jener Zeit hatte Frau Hadwig die Grammatica schier beiseite gelegt; es wurde im Frauensaal viel genäht und gestickt, Knäuel von Goldfaden und schwarzer Seide lagen umher, und wie Ekkehard einsmals unvermerkt eintrat, sprang Praxedis vor ihn hin und wies ihm die Tür, Frau Hadwig aber verbarg ein angefangen Werk der Nadel in einem Körblein.

Da ward Ekkehard aufmerksam und zog nicht ohne Grund den Schluss, es werde etwas zum Geschenk für ihn hergerichtet. Darum sann er darauf, dasselbe zu erwidern und alles aufzubieten, was ihm an Wissen und Kunstfertigkeit zu Gebot stand; er schickte seinem Freund und Lehrer Folkard in Sankt Gallen Bericht, dass ihm der zusende Pergament und Farben und Pinsel und köstliche Tinte. Jener tat's. Ekkehard aber sass manches Stündlein der Nacht in seiner Turmstube und besann sich auf ein lateinisches Reimwerk, das er der Herzogin widmen wollteund sollten ihr darin etliche feine Huldigungen dargebracht werden. Es ging aber nicht so leicht.

Einmal hatte er begonnen und wollte in kurzem Zug von Erschaffung der Welt bis auf Antritt des Herzogtums in Schwabenland durch Frau Hadwig gelangen